Prostitution
Preiszerfall auf Zürichs Strassenstrich geht weiter

Die Preise auf dem Zürcher Strassenstrich sind im Keller: Noch vor kurzem verdienten Prostituierte rund 100 Franken pro Freier, nun sind es 50 bis 70 Franken. Entsprechend schlecht ist die Stimmung am Sihlquai.

Lea Kalisch
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Prostituierte auf dem Strassenstrick am Zürcher Sihlquai

Prostituierte auf dem Strassenstrick am Zürcher Sihlquai

Keystone

«Hi Schätzli, ficke ficke, blase?» Mit solchen Sprüchen werden die Männer am Zürcher Sihlquai angemacht. Es ist halb neun, Sonntagabend. Auf dem Strassenstrich herrscht reger Verkehr, der bis tief in die Nacht noch zunehmen wird. Einige wenige Prostituierte stehen schon da.

Eine trägt ein netzartiges neon-pinkfarbenes Shirt, das einen grosszügigen Blick auf ihre Brüste erlaubt. Das Top reicht knapp bis zu ihrem Hintern. Sie kommt aus Ungarn, so wie die meisten Prostituierten hier. Sie ist 23 Jahre alt, hat drei Kinder im Alter zwischen 2 und 5, wobei sie selber noch wie ein Kind wirkt. Sie ist hübsch und lächelt verlegen, aber sie scheint gern zu reden. Ihr Deutsch ist erstaunlich gut. Sie ist mit ihrem ersten Freier dieses Abends verheiratet.

Sex sei nie etwas Schönes für sie

«Am Anfang er war schon nicht einverstanden, dass ich mit andere Männer Sex haben, aber jetzt er hat sich daran gewohnt.» Sex sei nie etwas Schönes für sie, sagt sie, sie habe nicht einmal Lust auf Sex mit ihrem Mann. Sie scheint freiwillig auf dem Strassenstrich zu arbeiten, und 600 bis 700 Franken pro Abend sind ein beachtlicher Verdienst. Ob sie alles macht, was Freier von ihr verlangten? «Ficken und blasen mit Gummi, kein Analsex und kein Pipi in Mund.»

Ein Auto fährt heran. Sie geht auf den Fahrer zu, lehnt an sein Fenster. Seine Worte dringen aus dem Fahrzeug: «Hi, wiä häschs? Häschs guet?» Nach einem kurzen Dialog fährt das Auto weg - ohne sie: «Zwei Männer, zu gefährlich, wollen nur eine Preise zahlen. Ich gehe nur mit eine Mann mit.»

Zwei Polizisten stehen am Strassenrand. Nebst gewöhnlichen Kontrollen sorgen sie dafür, dass sich die Prostituierten an den Strichzonenplan halten. Zwischen 19 und 22 Uhr dürfen die Sexarbeiterinnen nur ab Dammweg Richtung Escher-Wyss-Platz stehen; ab 22 Uhr auch in Richtung Hauptbahnhof. «So versucht man vorläufig, den unzufriedenen Anwohnern entgegen zu kommen», erklärt ein Polizist.

«Der Lärm ist manchmal unerträglich, an warmen Freitagabenden müssen wir die Fenster geschlossen behalten», erzählt ein Anwohner. «Die Männer in den Autos kurbeln die Fenster herunter, bringen blöde Sprüche und veranstalten ein Hupkonzert!» Nicht nur der Lärm mache ihm zu schaffen: «Bis vor einem Jahr haben die Prostituierten sogar in unserem Hausflur uriniert.» Um weiteren Verschmutzungen von Gärten und Vorhöfen mit Kot und Urin vorzubeugen, hat man inzwischen mobile WCs entlang dem Sihlquai aufgestellt.

Kritik am geplanten Strichplatz

Bis Frühling 2012 müssen sich die Anwohner noch gedulden, dann wird der Strassenstrich am Sihlquai ganz aufgehoben und nach Zürich-Altstetten an die Aargauerstrasse verlegt. Neu plant die Stadt dort auch garagenähnliche Verrichtungsboxen, in denen die Dienstleistung stattfinden soll. Der Zürcher Stadtrat erhofft sich dadurch bessere Kontrolle, Überwachung und Schutz für die Sexarbeiterinnen vor gewalttätigen Freiern. «Die Freier können dann nicht mehr irgendwo hin fahren, sondern erledigen ihr Geschäft vor Ort», meint der Polizist. Die Prostituierten haben geteilte Meinungen zum geplanten Strichplatz. «Ich glaube, bleibt genau gleich», meint eine Ungarin. «Unser Geschäft geht damit kaputt! Die Freier kommen aus Angst nicht mehr», sagt eine Deutsche.

Mittlerweile ist es schon nach 22Uhr, und es haben sich nur sehr wenige Prostituierte eingefunden. «Es gibt Tage, an denen sind es über 50, dann strömen sie aus allen Ecken!», sagt ein anderer Polizist, kurz bevor eine mollige Prostituierte vorbeikommt. «Hi wie gahts? Bisch scho am schaffe?», fragt der Polizist. Nach kurzem Smalltalk verschwindet die Prostituierte in einer Seitenstrasse. «Ich kenne alle Gesichter hier», meint er. «Sie sind froh, wenn wir hier sind, dann fühlen sie sich wohler.» Der weisse Bus der Frauenberatung Flora Dora jedoch ist an diesem Abend nicht vor Ort. Immer sonntags ist er nicht da.

Das Revier wird verteidigt

Fünf Tage später, Freitag halb elf, der Regen lässt nach. Es ist bereits dunkel. Die vielen Autos am Sihlquai bewegen sich nur träge. Für die Autofahrer sind die Prostituierten eine Attraktion. Es ist einiges mehr los als am letzten Sonntag. Die Prostituierten stehen allein, in Zweier- oder Dreiergrüppchen. Wie Wölfe, die ihr Revier verteidigen wollen, versammeln sie sich, wenn eine ihnen unbekannte Frau naht.

Eine spricht sehr gebrochen Deutsch, wechselt dann ins Ungarische und ruft eine Kollegin, die etwas Deutsch versteht, zu sich. «Ich verdienen nix, schlechte Preise, 100 bis 200 Franken an eine Abend, ist Scheisse!» Sie sind gesellig, lachen zwischendurch schrill und verstehen wenig von dem, was sie gefragt werden. Mit Zigaretten in der Hand und ungepflegtem Haar wirken sie trostlos und irgendwie hässlich. Die meisten sind Anfang und Mitte 20, haben Kinder, keine Ausbildung. Viele von ihnen stammen aus der Volksgruppe der Roma. Eine arbeitet während drei Tagen als Coiffeuse in Ungarn und kommt jede Woche mit dem Bus in die Schweiz, um auf dem Strich dazu zu verdienen.

An den Hauswänden lehnen Gaffer. Für sie ist der Sihlquai quasi ein Gratis-Kinoeintritt. Prostituierte können sich im Flora-Dora-Bus vor ihnen schützen. Der Bus ist ein mobiler Treffpunkt und bietet den Prostituierten Schutz vor gewalttätigen Freiern oder Zuhältern, Ruhe und Entspannung zwischen den Arbeitseinsätzen. Präventionsmaterial und Snacks stehen zur Verfügung. Sexarbeiterinnen können persönliche Beratungsgespräche mit ärztlichen und psychologischen Fachpersonen führen. Hauptziel der Frauenberatung ist der Schutz vor sexueller Ausbeutung, Stärkung der Selbstachtung und Selbstständigkeit sowie die Verbesserung des Gesundheitszustands und der Arbeitssituation.

Ein torkelnder Mann mit Bierglas in der Hand steht vor dem Buseingang und belästigt die anwesenden Frauen. Die Busbetreuerinnen verweisen ihn sehr entschieden vom Platz. «Das ist nur für Frauen hier, geh bitte weg!»

Traumatische Gewalt-Erlebnisse

Im Bus herrscht reger Betrieb. Prostituierte decken sich mit Kondomen ein, holen sich etwas zu essen. Für eine kleine Rauchpause kommt eine Betreuerin aus dem Bus. Sie hat viel zu tun an diesem Abend, ein Gespräch nach dem anderen. Über genaue Inhalte kann sie nicht sprechen. Meist handle es sich um traumatische Erlebnisse, die mit Gewalt verbunden sind. Sie erzählt: «Die Preise sind im Keller, die Sexarbeiterinnen verdienen nur noch 50 bis 70Franken pro Freier. Noch vor kurzem waren es 100. Viele Frauen arbeiten für Zuhälter. Es ist schwierig, die Zuhälter zu ermitteln. Sie halten sich schon lange nicht mehr hier am Sihlquai auf, das wäre viel zu gefährlich für sie.» Um die Mädchen kontrollieren zu können, schickten die Zuhälter so genannte Kapos auf die Strasse, Prostituierte, welche die anderen überwachen.

Es ist spät geworden. Aus einem Toi-Toi-WC kommen nacheinander Freier und Prostituierte heraus. Aus einer anderen Ecke kommt ein Mann dahergelaufen, er macht gerade den Reissverschluss seiner Hose zu.

Der nächste Morgen. Wieder am Sihlquai. Der gleiche Abschnitt der Strasse. Vom gestrigen Treiben gibt es heute Morgen ausser einem gebrauchten Kondom keine Spuren mehr.

*Dieser Beitrag bildet den Auftakt einer dreiteiligen Serie von Texten, die im Rahmen einer Schreibwerkstatt der Kantonsschule Zürich Stadelhofen entstanden.