Zürich
Prediger einer Freikirche löst Proteste aus

Heute tritt der Missionar Reinhard Bonnke vor Anhängern der Freikirche ICF im Hallenstadion auf. Die Organisatoren hoffen auf Wunder

Anna Wepfer
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«Das wird jetzt hochgekocht»: Die ICF hat den Prediger und Missionar Reinhard Bonnke eingeladen – was prompt zu Protesten geführt hat. pd

«Das wird jetzt hochgekocht»: Die ICF hat den Prediger und Missionar Reinhard Bonnke eingeladen – was prompt zu Protesten geführt hat. pd

Limmattaler Zeitung

Heute um 10.30 Uhr betritt ein Mann die Hallenstadion-Bühne, für den die erwarteten 6000 bis 8000 Zuhörer ein kleines Publikum sind: Reinhard Bonnke ist ein fundamental-evangelikaler Prediger, der seit über 40 Jahren in Afrika missioniert. Mehrmals jährlich versammelt er dort an Freiluftveranstaltungen mehrere hunderttausend Menschen, die er in Zeremonien zum Christentum zu bekehren versucht. Bekannt geworden ist er aber vor allem, weil es an diesen Versammlungen angeblich regelmässig zu Wunderheilungen kommt.

Organisiert hat Bonnkes Auftritt im Hallenstadion die Freikirche International Christian Fellowship (ICF). Die in Zürich gegründete Bewegung feiert diese Pfingsten ihr 15-jähriges Bestehen und hat zum Grossanlass vier Gastredner eingeladen, darunter auch Bonnke. Der 71-jährige Missionar ist unter Religionsfachleuten eine umstrittene Figur. Während er in freikirchlichen Kreisen als Prophet verehrt wird, bezeichnen ihn Wissenschafter als gefährlich.

Nähe zu afrikanischen Despoten

Sie kritisieren nicht nur seine missionarische Tätigkeit, sondern auch die Tatsache, dass sich Bonnke in der Vergangenheit nicht gescheut hat, mit afrikanischen Despoten zu geschäften, um seine Massenveranstaltungen durchführen zu dürfen. So pflegte er Kontakte zum ehemaligen liberianischen Präsidenten Charles Taylor, der inzwischen wegen Kriegsverbrechen angeklagt ist. Und Nigerias Ex-Militär-Diktator Sani Abacha spendete 100 000 Franken für Bonnkes Missionswerk «Christus für alle Nationen». Just in Nigeria provozierte der Prediger 1991 mit einer Missionsveranstaltung schwere Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen.

ICF: «Heilungen gehören dazu»

Sektenexperte Georg Otto Schmid wirft Bonnke zudem einen abwertenden Umgang mit afrikanischer Spiritualität vor: «Er verwendet heute noch Begriffe wie Götzendienst, Aberglaube, Heidentum. Das ist kolonialistisch geprägtes Vokabular.» Auch sei der Deutsche zu wenig seriös; angebliche Heilungen von Lähmungen, Blind- und Taubheit oder auch Krebserkrankungen lasse er nie medizinisch überprüfen. «Das ist natürlich schlau. So wird seine Show nicht widerlegt.»

Dafür, dass sich in den letzten Tagen so viele kritische Stimmen zu Bonnke geäussert haben, hat ICF wenig Verständnis. Bonnke und seine Praktiken seien schon lange bekannt, sagt Mediensprecher Daniel Linder. «Das wird jetzt plötzlich hochgekocht.» Aus ICF-Sicht sind Wunderheilungen selbstverständlicher Bestandteil des christlichen Lebens. Auch er habe schon erlebt, wie jemand nach dem gemeinsamen Gebet von Magenbeschwerden befreit gewesen sei, sagt Linder. «Gott heilt an vielen Orten durch das Gebet der Menschen. Bonnke entfaltet einfach eine besondere Aktivität.»

Hallenstadion wusste nichts

Auch heute werden die ICF-Anhänger für Menschen beten, die sich mit ihren Leiden auf der Bühne präsentieren. «Wir erwarten Heilungen», so Linder. «Aber das tun wir immer, unabhängig von Bonnke.» Dessen Kontakte mit afrikanischen Machthabern bezeichnet Linder als notwendig, wenn man etwas bewegen wolle. «Auch wenn das unappetitliche Menschen sind - man muss sich mit ihnen abgeben.» Der Nachrichtenagentur SDA sagte ICF-Gründer Leo Bigger, er sei beeindruckt von Bonnkes bildhafter Sprache und «weil er wie ich ein sehr emotionaler Typ ist».

Beim Hallenstadion hat man vom umstrittenen Prediger aus den Medien erfahren. «Wenn wir einen Kongress annehmen, wissen wir über die Detailinhalte jeweils nicht Bescheid», sagt Direktor Felix Frei. Die Lokalität sei politisch und konfessionell neutraler Boden und stehe damit «grundsätzlich jedem Anlass» offen. Wenn etwas problematisch scheine, überprüfe die Polizei, ob es ein Anlass mit erhöhtem Risiko ist oder jemand gegen schweizerisches Gesetz verstösst. Bei Bonnke war das offenbar nicht der Fall.

«Gott, lass Hirn regnen»

Gestern kündigte die Zürcher Freidenkerbewegung an, heute vor dem Hallenstadion darauf aufmerksam zu machen, dass Bonnke ein «Scharlatan und Despotenverbündeter» sei. Auch die Jungsozialsten planen unter dem Titel «Gott, lass Hirn regnen» eine Protestaktion vor Ort, um «gegen radikale evangelikale Gruppierungen Position zu ergreifen». - Reinhard Bonnke war für eine Stellungnahme gestern nicht erreichbar.

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