Der liberale Thinktank Avenir Suisse skizziert in seiner aktuellen Untersuchung «Neue Massstäbe für die Alterspflege» Lösungsansätze für die Finanzierung der Alterspflege. Von den vorgeschlagenen Sparmassnahmen wären auch die nicht gewinnorientierten Spitex-Organisationen betroffen. Die Denkfabrik geht nämlich davon aus, dass die Kosten im Pflegebereich mit mehr Wettbewerb gesenkt werden könnten. Erich Pfäffli, Präsident des Spitex Verbands Kanton Zürich, stellt dies infrage.

Herr Pfäffli, gemäss Avenir Suisse soll die öffentliche Hand Spitex-Organisationen und Pflegeheime nur noch nach den effektiv erbrachten Leistungen bezahlen und nicht mehr die gesamte Kostenstruktur mitfinanzieren, in die etwa auch Betriebskosten einfliessen. Wie stehen Sie zu diesem Ansatz?

Erich Pfäffli: Meines Erachtens bringt das nicht viel. Bereits heute gibt die kantonale Gesundheitsdirektion jährlich aktualisierte Normkostensätze je nach Dienstleistungsart vor, die sie aus den Kostenrechnungen der Spitex-Organisationen ableitet. Gemäss diesen Sätzen verrechnen wir dann die geleisteten Pflegedienstleistungen an die Gemeinden. Man kann auch heute schon davon ausgehen, dass die öffentlichen Gelder entsprechend der geleisteten Arbeit bezahlt werden.

Avenir Suisse sieht das anders. Sie will einen transparenten Wettbewerb zwischen Non-Profit-Organisationen wie der Spitex und privaten Anbietern, um Kosten zu senken. Gemeinden sollen Leistungsaufträge öffentlich ausschreiben. Das ist kaum in Ihrem Sinn.

Wir sind nicht gegen Wettbewerb. Aber es muss sichergestellt werden, dass dieser fair ist. Wir als Spitex haben einen Leistungsauftrag, bei dem wir von Abklärung und Beratung über die verschiedenen Arten von Pflege bis zu hauswirtschaftlichen Dienstleistungen alles anbieten müssen.

Das könnten private Anbieter aber sicher auch.

Theoretisch schon. Aber gerade die Abklärung und Beratung, wo hoch qualifiziertes Personal nötig ist, interessiert kommerzielle Dienstleister heute aus wirtschaftlichen Gründen vielfach nicht. Genauso ist es bei der Behandlungspflege, wo unrentable Kurzeinsätze mit teils langen Anfahrtzeiten dazu kommen – und das in manchen Fällen mehrmals täglich. Dass Non-Profit-Organisationen überall sämtliche Pflegefälle und -leistungen übernehmen, müsste in einem Wettbewerbssystem also irgendwie abgegolten werden.

Es gibt aber bereits heute private Spitex-Organisationen, die sich Leistungsaufträge mit Versorgungspflicht angeln wollen, bei denen sie auch solch unbeliebte Leistungen erbringen müssen. Kritiker sagen deshalb, die Spitex erhalte für diese zu grosszügige Subventionen.

Diese Einschätzung halte ich für falsch. Kosten generieren ja nicht nur solch unrentable Einsätze. Fast alle Non-Profit-Organisationen im Pflegebereich bilden zum Beispiel auch neues Personal aus – im Gegensatz zu den meisten Privaten. Wenn man Leistungsaufträge öffentlich ausschreibt, müsste man also auch festlegen, dass die Dienstleister in diesem Bereich ihren Beitrag leisten müssen. Generell gesagt: In einem fairen Wettbewerb müsste man den Privaten dieselben Kostentreiber auferlegen, wie uns. Es erscheint mir fraglich, ob die Pflegekosten dann wirklich merklich sinken würden.

Bisher galt im Pflegebereich die Devise, Senioren so lange als möglich zu Hause wohnen zu lassen. Die Untersuchung der Avenir Suisse zeigt nun aber, dass dies nicht immer die günstigste Lösung ist. Deshalb soll in jedem Fall individuell angeschaut werden, ob ein Heim oder eine ambulante Lösung die beste ist. Teilen Sie diese Meinung?

Wir sind sehr dafür, dass jeder Pflegefall für sich betrachtet wird. Die Bedürfnisse in Bezug auf die Versorgung im Alter haben sich stark verändert. Klar ist es aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, wenn Leute, die nicht mehr als 40 Minuten Pflege pro Tag benötigen, zu Hause statt im Heim leben. Doch darf nicht vergessen werden, dass viele Senioren nicht auf ein Umfeld zählen können, das sie ausserhalb dieser Zeit unterstützt. Auch ein nicht stark pflegebedürftiger Mensch ist unter Umständen in einem Heim besser aufgehoben als zu Hause mit Unterstützung der Spitex. Es braucht ambulant wie auch stationär und dies in manchen Fällen gar abwechselnd.