Alles nur inszeniert, um den Salafisten zu schaden: Im Winterthurer An'Nur-Prozess sind bis am Montagmittag sechs von zehn Beschuldigten vernommen worden. Ihre Darstellungen ähneln sich. Die beiden Opfer hätten sich den gewaltsamen Angriff nur ausgedacht.

Die Beschuldigten, alles jüngere Muslime, stritten alle ab, die beiden Opfer im November 2016 verprügelt, eingesperrt und mit dem Tod bedroht zu haben.

Als sie gemerkt hätten, dass einer der Gläubigen fotografiert und gefilmt habe, hätten sie ihn zwar zur Rede gestellt. Einer der Beschuldigten gab auch zu, den "Verräter" als "Idiot" und "Dummkopf" betitelt und angespuckt zu haben. Gewalt habe es aber keine gegeben, betonten alle bisher Befragten.

Stattdessen seien der Imam und der Vereinspräsident gekommen und hätten mit dem angeblichen Opfer im Büro das Gespräch gesucht. Weshalb plötzlich die Polizei eintraf, können sie sich alle nicht erklären. Es sei nur eine verbale Auseinandersetzung gewesen.

Dem widerspricht jedoch eine Polizistin, die an diesem Abend am Tatort war. Sie habe in ihrer ganzen Laufbahn noch nie so verängstigte Personen gesehen. Die beiden hätten die pure Angst in den Augen gehabt. Zudem hatte eines der Opfer eine Beule am Kopf.

Als Grund, weshalb die beiden Opfer sich das alles ausgedacht haben sollen, nannten gleich mehrere der bisher Befragten eine Verschwörung von Justiz und Medien. Mit diesem Prozess solle ein Zeichen gegen die "bösen Terroristen und Salafisten" gesetzt werden. Bei ihren Aussagen wirkten alle bisher Befragten sehr selbstbewusst, geradezu trotzig. Ihnen geschehe grosses Unrecht, so ihre Haltung.

Auch Imam ist angeklagt

Der Prozess wurde am Nachmittag mit der Befragung der vier restlichen Beschuldigten fortgesetzt. Darunter ist auch der Imam der mittlerweile geschlossenen Moschee, der gemäss Anklage keineswegs "nur das Gespräch" gesucht haben soll.

Die Anklage wirft dem damaligen Imam der An'Nur-Moschee vor, dass er den jungen Gläubigen, der in der Moschee fotografiert und gefilmt haben soll, in sein Büro gebracht und die Tür verschlossen habe. Dann habe er ein "Geständnis" von ihm und dem anderen angeblichen "Verräter" verlangt und dieses aufgezeichnet.

"Ich habe mit ihnen geredet, weil sie einen Fehler gemacht haben", sagte der Libyer in der Befragung. Eine Bedrohung habe es aber nicht gegeben. Die Türe sei abgeschlossen worden, weil er dies bei Gesprächen immer so mache. Wenn jemand eine Unterredung wegen Ehe-Problemen wolle, tue er das jeweils auch, damit sich "die Menschen wohlfühlen".

Anhänger der An'Nur-Moschee kommen am Gericht an

Anhänger der An'Nur-Moschee kommen am Gericht an

Zehn Männer aus der mittlerweile geschlossenen An'Nur-Moschee stehen ab heute vor dem Bezirksgericht Winterthur. Sie sollen Gläubige misshandelt und bedroht haben.

Das Opfer schlägt sich selber

Die anderen Beschuldigten, alles jüngere Muslime, stritten in ihren Befragungen ebenfalls alles ab. Ihnen wird vorgeworfen, die beiden Opfer im November 2016 verprügelt, eingesperrt und mit dem Tod bedroht zu haben. Einer der Beschuldigten gab zwar zu, einen der Privatkläger als "Idiot" und "Dummkopf" betitelt und angespuckt zu haben. Gewalt habe es aber keine gegeben.

Dem widerspricht jedoch eine Polizistin, die an diesem Abend am Tatort war. Sie habe in ihrer ganzen Laufbahn noch nie so verängstigte Personen gesehen. Die beiden hätten die pure Angst in den Augen gehabt. Zudem hatte eines der Opfer eine Beule am Kopf und eine Gehirnerschütterung.

Der junge Gläubige, dem dieser Schlag vorgeworfen wird, beteuerte ebenfalls seine Unschuld. Das angebliche Opfer habe sich wohl selber geschlagen, sagte er. Oder die Beule sei schon vorher dagewesen.

An'Nur-Prozess in Winterthur: "Niemand wurde geschlagen"

An'Nur-Prozess in Winterthur: "Niemand wurde geschlagen"

Am Montag beginnt der An'Nur-Prozess in Winterthur. Bereits der erste von zehn Beschuldigten hat jegliche Vorwürfe von sich gewiesen. (sda)

Den zehn ehemaligen Moschee-Besuchern wird vorgeworfen, im November 2016 zwei Gläubige eingesperrt, verprügelt und mit dem Tod bedroht zu haben. Die Angreifer waren überzeugt, dass die Opfer Informationen an einen Journalisten weitergegeben hatten.

Einer der "Verräter" wurde unter anderem dazu gezwungen, eine Zehnernote zu schlucken, weil er "seine Religion für Geld verkauft" habe. Dem anderen gelang es schliesslich, von der Toilette aus SMS-Hilferufe an einen Polizisten zu schicken.

Die Anklage fordert, die zehn Angreifer mit teilbedingten Freiheitsstrafen in unterschiedlicher Höhe zu bestrafen, unter anderem wegen Freiheitsberaubung, Nötigung, Drohung und Körperverletzung. Jene Beschuldigten mit ausländischer Staatsangehörigkeit sollen zudem des Landes verwiesen werden.