Zürich
Polizeivorstand Leupi: «Einige wollten von vornherein die Eskalation»

Nach den Ausschreitungen bei einer illegalen Party am Zürcher Bellevue steht die Polizei in der Kritik. Polizeivorstand Daniel Leupi verteidigt das Vorgehen seiner Mannen. Es sei in erster Linie um Schadensminderung gegangen, so Leupi.

Matthias Scharrer
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Stadtrat Daniel Leupi

Stadtrat Daniel Leupi

Keystone

Muss Zürich jetzt jeden Samstagabend mit Randale bei illegalen Partys auf öffentlichen Plätzen rechnen? Nachdem es am vergangenen Samstag beim Bellevue genau dazu gekommen war (siehe az vom Montag), kursierte gestern bereits ein SMS-Aufruf zur nächsten illegalen Party, die wiederum an einem zentralen Platz in der City steigen soll. Die Polizei ist alarmiert: «Wir raten dringend, sich von solchen Anlässen fernzuhalten», so Polizeisprecher Michael Wirz. Wer einem entsprechenden SMS-Aufruf folge, müsse sich darüber im Klaren sein, dass gewaltbereite Leute die Anonymität der Masse ausnützen könnten.

Es gebe Hinweise, dass eine Minderheit der rund 1000 Personen, die sich am Samstag zur Party auf dem Bellevue versammelten, von Anfang an gewaltbereit gewesen sei. Die Polizei rechnet sie laut Wirz der linksautonomen Szene sowie den «Risikofans» bei Fussballspielen zu. Einige seien mit Schutzbrille, Schal und Pflastersteinen ausgerüstet gewesen.

Ausschreitung am Zürcher Bellevue: Die Polizei setzte Gummischrot und Reizstoff ein
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Zürichs Polizeivorsteher Daniel Leupi, Stadtrat der Grünen, bestätigte: «Einige wollten von vornherein die Eskalation. Wer Container anzündet, muss mir nicht erzählen, er wolle eine friedliche Party.»

«Rasch viele Personen verhaften»

Die Polizei war gemäss Wirz von Beginn an präsent, habe sich aber zunächst abwartend verhalten. Sie sei erst eingeschritten, als Party-Teilnehmer das Dach einer Tramhaltestelle bestiegen und sich damit selbst gefährdet hätten. Daraufhin seien Polizisten mit Steinen und Flaschen beworfen worden, worauf sie mit Tränengas und Gummischrot reagierten. Schaufenster gingen zu Bruch. Zwei Personen wurden verhaftet, weitere Verhaftungen dürften laut Wirz folgen. Den Sachschaden bezifferte er auf rund 100000 Franken.

Das Vorgehen der Polizei löste Kritik aus - nicht nur bei Gemeinderäten von SP und SVP, die gestern ein zu hartes respektive zu spätes Eingreifen der Polizei monierten. Strafrechtsprofessor Martin Killias sagte gegenüber der Nachrichtenagentur sda: «Die Polizisten müssten sich darauf konzentrieren, möglichst rasch viele Personen zu verhaften.» Der Fokus der Einsatzkräfte dürfe nicht allein darauf liegen, Sachschäden zu verhindern. Gebe es nach solchen Ausschreitungen nur wenige Festnahmen, erhielten die Gewaltbereiten ein Gefühl der «Risikolosigkeit». Killias weiter: «Sie wissen, dass sie randalieren und Private erheblich schädigen können, ohne dass etwas passiert.» Es sei denkbar, dass sich solche Szenen wiederholten.

Darauf angesprochen, meinte Polizeivorsteher Leupi: «Wenn so viele Leute unterwegs sind, geht es in erster Linie um Schadensminderung.» Er verwies darauf, dass die Polizei schon jetzt aufgrund von Fussballspielen an den Wochenenden weitgehend ausgelastet sei. Sollten illegale Partys nun auch noch zum Wochen-end-Programm gehören, brauche die Polizei mehr Personal. Immer wieder gelinge es im Übrigen, illegale Partys friedlich aufzulösen. Nur werde darüber in den Medien kaum berichtet.

Stadtrat plant «Partystrategie»

Vergleiche mit den jüngsten Jugendunruhen in London und in spanischen Grossstädten bezeichnete Leupi als übertrieben. Der grösste Teil der Jugendlichen, die sich in Zürich zu illegalen Partys treffen, sei friedlich. Leupi zeigte ein Stück weit Verständnis für sie: «Der Druck im öffentlichen Raum ist hoch. Dass Freiräume rar sind, hat der Stadtrat längst anerkannt.» Daraus sei aber keine Legitimation von Gewalt abzuleiten. Leupi kündigte an, der Zürcher Stadtrat werde eine «Partystrategie» entwickeln, ging aber nicht näher darauf ein.