Polizeiseelsorge
Polizeiseelsorgerin: «Ich muss nicht mit der Bibel im Streifenwagen herumfahren»

Yvonne Waldboth tritt Ende März nach zwölf Jahren von ihrem Amt zurück. Die Polizeiseelsorgerin über ihre Arbeit, ihre Grenzen und die grössten Gefahren für Polizisten.

Sarah Jäggi
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Yvonne Waldboth tritt als Polizeiseelsorgerin zurück. Emanuel Freudiger

Yvonne Waldboth tritt als Polizeiseelsorgerin zurück. Emanuel Freudiger

Limmattaler Zeitung

Die Polizei gehört zu Yvonne Waldboth, seit sie sich erinnern kann. Als Gäste lernte sie die Oltner Polizisten kennen, wo sie in einer Beiz aufwuchs. Bei Demonstrationen um ein Atomkraftwerk in Gösgen und während des bewegten Sommers 1980 in Zürich sah sie den Einsatz von Tränengas und Gummischrot. In Handschellen wurde sie aber erst später gelegt, freiwillig, als sie beruflich bereits auf der Seite der Polizei stand. Sie wollte «am eigenen Leib spüren, wie sich das anfühlt, wenn man verhaftet wird».

Um die Arbeit der Polizei zu verstehen, besuchte sie auch eine Schiessübung. Wenn die reformierte Theologin im Gespräch mit der az auf die letzten zwölf Jahre zurückschaut, verwendet sie nie die Wir-Form. Denn so nah sie sich den Polizisten, Polizistinnen, Feuerwehrleuten und Rettungskräften auch fühlte und «so gerne ich diese Leute habe», so klar sei ihr stets gewesen, dass es nicht ihre Aufgabe war, eine von ihnen zu werden.

Frau Waldboth, was beschäftigt Ihre 5000 Leute, die Sie als Polizeiseelsorgerin betreuen?

Yvonne Waldboth: Wahrscheinlich 5000 verschiedene Dinge! Polizisten, die mich nach schwierigen Einsätzen anrufen und sagen, du, ich möchte mit dir reden. Belastend kann sein, wenn man bei einem Einsatz selber verletzt wird, wenn Kollegen angegriffen, angeschossen werden oder wenn jemand im Einsatz stirbt, was Gott sei Dank nur einmal passiert ist. Andere sind durch Drucksituationen am Arbeitsplatz belastet, durch familiäre Probleme oder persönliche Sorgen. Ein Thema, dem ich immer wieder begegne, ist die Zürcher Ausgehmeile, die den Leuten zu schaffen macht.

Wieso leiden die Einsatzkräfte unter der Ausgehmeile?

Zum einen ist es ein simples Zahlenphänomen: Wo viele Leute, wo viel Alkohol und Drogen sind, da gibt es auch mehr Aggressionen und mehr Einsätze für Polizei und Rettungskräfte. Manche haben Mühe mit der Art dieser Einsätze, ein Rettungssanitäter etwa, der ein hohes Ethos hat, Leuten helfen will und in seiner Arbeit immer häufiger Leuten begegnet, die keine Grenzen kennen, weder sich noch andern gegenüber. Dass sich da die Frage nach dem Sinn der Arbeit stellt, wenn man Nacht für Nacht Alkoholleichen abtransportieren muss und dabei vielleicht noch angegriffen wird, das verstehe ich.

Was unterscheidet Sie von einer Polizeipsychologin?

Inhaltlich gar nichts. Manche kommen gerne zu mir, weil ich nicht zur Polizei gehöre, sondern von der Kirche angestellt bin und also eine Aussenstehende bin.

Wie haben Sie es geschafft, dass die Leute Vertrauen zu Ihnen haben?

Man lernt mich im berufsethischen Unterricht kennen, den ich für angehende Polizeikräfte, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter durchführe. Einmal pro Monat begleite ich eine Gruppe auf ihrem Dienst, sei es die Polizei am 1. Mai oder Rettungssanitäter und Feuerwehrleute während einer Schicht. Andere kennen mich von Gottesdiensten, Trauungen oder Beerdigungen.

Was sind Polizisten für Menschen?

Im überwiegenden Mass erlebe ich Polizisten als Menschen, die eine sinnvolle Arbeit im Dienste der Gesellschaft machen wollen. Es sind Menschen mit lauteren Absichten und einer zupackenden Art.

Keine Rambos?

Die gibt es auch, klar. Aber es ist eine sehr, sehr kleine Minderheit. Die gilt es zu bremsen, sei es von den Vorgesetzten, sei es von mir, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Ich erlebe die beiden Zürcher Polizeikorps als moderne Betriebe, die mehr von Teamarbeit denn von Hierarchien geprägt sind. Im Übrigen bin ich überzeugt: Die Hierarchien bei der Polizei sind viel flacher als etwa bei einer Grossbank.

Dennoch ist der Polizeiberuf kein Beruf wie jeder andere.

Durch das Gewaltmonopol wird er dies auch nie sein. Klar braucht es auch eine gewisse Bereitschaft, die Gewalt, die einem der Staat übertragen hat, auch auszuüben. Dafür braucht es auch Schutzfaktoren, eine bestimmte Kultur. In der Polizeisoziologie spricht man von der «Cop-Culture». Vereinfacht gesagt: Ein Verständnis, das davon ausgeht: Wir sind die Guten, die gegen das Böse, das da draussen herrscht, ankämpfen. Dazu gehört auch, dass man die Dinge nicht bis ins Letzte differenziert.

Wie haben Sie die raue Sprache der Polizisten ertragen?

Man darf nicht jeden Spruch, der politisch nicht korrekt ist, in die Rassismuskiste packen. Und man darf sich auch nicht über jeden blöden Ausspruch empören.

Wo ist Ihre Grenze?

Ein Beispiel will ich nicht nennen. Aber es kam auch mal vor, dass ich jemandem sagte: Du, jetzt würde ich aber aufhören, auch zu deinem eigenen Schutz.

Welches ist die grösste Gefahr für einen Polizisten?

Die Gefahr vielleicht, dass man verhärtet. Wissen Sie, wenn Sie als Frontpolizist über Jahre mit derselben Klientel zu tun haben, über Jahre immer nur angelogen werden, immer nur mit den Schattenseiten unserer multikulturellen Stadt konfrontiert sind – da ist die Gefahr da, zynisch oder hart zu werden.

Welches ist der grösste Unterschied eines Polizeipfarramtes zu einem herkömmlichen Pfarramt?

Polizisten und andere Einsatzkräfte sind Menschen, die Dinge extrem lange aushalten. Zu ihrem Beruf gehört es, schreckliche Dinge zu sehen und zu ertragen. Wenn mich ein Polizist anruft und um ein Gespräch bittet, dann weiss ich: Es pressiert. Ich sorge dann dafür, dass er spätestens am nächsten Tag einen Termin bekommt.

Welches war Ihr schwierigster Einsatz in den letzten zwölf Jahren?

Wenn ein Kind umkommt, jemand tödlich verunfallt, dann sind das immer heftige Dinge, Belastungen auch für mich; etwa wenn ich gebeten werde, eine Patrouille bei der Übergabe der Nachricht zu begleiten. Auch ist es nicht einfach, Leute zu beerdigen, die man persönlich kennt oder Menschen, die nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. Das sind Aufgaben, die zu meinem Beruf gehören – egal ob bei der Polizei oder in einer Gemeinde.

Nach zwölf Jahren geben Sie im März Ihre Aufgabe als Polizeiseelsorgerin auf. Warum?

Der Ausbau der Polizeiseelsorge (siehe Kontext) ist ein guter Moment zum Aufhören. Ich durfte den Dienst aufbauen und gestalten und finde es richtig, dass nun ein neues Team übernimmt. Ich gehe zu einem Zeitpunkt, wo ich es noch bedaure – und das ist gut so.

Warum reden Sie, wenn Sie über Ihre Arbeit sprechen, eigentlich nie vom Christentum, von Jesus oder von der Bibel?

Oh, die Gretchenfrage! Ich arbeite in einem sehr säkularen Umfeld und habe keinen Missionierungsauftrag. Aber klar, es kommt vor, dass ich in einem Gespräch eine Bibelstelle zitiere, ich führe auch Gottesdienste durch und mag feierliche Liturgien. Ich brauche aber nicht mit der Bibel im Streifenwagen herumzufahren, um mich als Christin zu zeigen.