Regierungsratsmitglieder

Politisches Tête-à-tête in der S-Bahn: Natalie Rickli und Martin Neukom pendeln

Die beiden neuen Winterthurer Regierungsratsmitglieder pendeln seit gut vier Monaten regelmässig gemeinsam nach Zürich.

So viel politische Macht sitzt in keinem anderen Zugabteil. Nicht in dieser S-Bahn, kurz vor 7 Uhr, am Hauptbahnhof Winterthur. Wohl auch nicht in einem anderen Zug im Kanton Zürich. Auf dem Fensterplatz in Fahrtrichtung: der grüne Baudirektor Martin Neukom. Grauer Anzug, weisses Hemd, blaue Aktentasche mit einem Velo fahrenden Zürcher Löwen drauf, frisch im Amt seit Mai 2019. Auf dem Sitz vis-à-vis: SVP-Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli, beiger Mantel, elegante dunkle Bürokleidung, schwarzer Lederrucksack, auch sie diesen Frühling neu gewählt. «Wie viele Termine hast du heute?», fragt Rickli. «Tagesrapport mit dem Generalsekretär, schon um 7.20 Uhr», liest Neukom von seinem Handy ab. Arbeitsgspändli auf dem Weg nach Zürich.

Wer den Kanton Zürich regiert, muss früh aufstehen. Bei Rickli geht der Wecker um 5.30 Uhr. «Was machst du denn so früh?», fragt Neukom. «Als Frau braucht man am Morgen ein bisschen Zeit», antwortet Rickli. Sie hat schon zwei Kaffees getrunken und muss jeweils noch den Bus nehmen. Neukom lässt sich erst um 6 Uhr wecken, macht ein paar Kraftübungen, «um richtig wach zu werden», dann kann er, der in der Altstadt wohnt, zu Fuss zum Bahnhof.

Eine politisch brisante Fahrgemeinschaft

Rickli macht am Abend Sport. Neukom sagt: «Du gehst ins selbe Fitnesscenter wie meine Schwester.» Wirklich? Er zeigt ihr ein Foto auf dem Handy. «Ach, das ist deine Schwester.»
Der Zug fährt los. Rund dreimal pro Woche teilen sich die beiden Neulinge in der Zürcher Kantonsregierung am Morgen das Zugabteil. Eine politisch brisante Fahrgemeinschaft. Neukom, die personifizierte Klimawahl. Rickli, das Aushängeschild der SVP. Politdebatten hört man in der S-Bahn aber keine. «Das sparen wir uns für die Regierungssitzungen, dort hatten wir schon kleine Streitigkeiten», sagt Rickli schmunzelnd. Worüber denn? «Streng vertraulich», sagt Neukom. «Man kann es sich ja vorstellen», ergänzt Rickli.

Über Regierungsinterna könne man im Zug ja ebenfalls nicht reden, auch wenn der 1.- Klasse-Wagen so früh am Morgen erst spärlich besetzt ist. Dafür ist der Büroalltag ein gemeinsames Thema. «Wie man sich organisiert, wie man mit den vielen Terminen umgeht, wie es im Team läuft, wann man sich Zeit für sich nehmen kann», sagt Neukom. Zwischen 8 und 18 Uhr seien beide verplant mit Terminen, dazu kommen noch Abendanlässe. Eine Schicksalsgemeinschaft als neue Regenten.

Er geht in den Staatswald, sie ins Kantonsspital

Doch beide geben sich nach etwas mehr als 100 Tagen im Amt gut gelaunt, ja fast begeistert, denn die Arbeit sei «unglaublich spannend», herausfordernd, abwechslungsreich. «Letzte Woche hattest du einen Sack mit Wanderschuhen dabei.» – «Stimmt, ich bin an diesem Tag in den Staatswald zu den Förstern gegangen.» – «Ich habe am selben Tag am Morgen die Geriatrie im Waidspital in Zürich und am Nachmittag die Neonatologie am Kantonsspital Winterthur besucht, von den Frühgeborenen bis zu den ältesten Menschen.»

Doch Regieren ist nicht immer ein Spaziergang: Neukom erzählt, wie er sich mit einem riesigen Eishockey-Puck in einem Klotener Kreisel herumschlagen muss, der nur befristet bewilligt war. Neukom hat die Bewilligung nicht verlängert, ein unpopulärer Entscheid. «Und jetzt? Bleibst du da hart?», fragt Rickli. Neukom: «Ich muss. Wir müssen alle gleich behandeln.»

Rickli hat mit der Affäre um die Rückzahlungen von Staatsbeiträgen der Firma Axsana, in der ihr Vorgänger Thomas Heiniger (FDP) den Verwaltungsrat präsidiert, schon eine erste härtere Auseinandersetzung hinter sich. War das belastend? «Ich bin ja nicht neu in der Politik, ich weiss, wie sich so eine Geschichte entwickeln kann», sagt Rickli. «Ich setze auf Transparenz, das sind wir den Bürgern schuldig. Das ist mein Rezept.»

Rezept nicht angewendet

Das Amt für Wasser, Energie und Luft (Awel) aus Neukoms Baudirektion stand wegen der Pestizidmessungen im Grundwasser in den Schlagzeilen. Warum wurden die Daten da – entgegen dem Rickli-Rezept – nicht gleich offengelegt? Neukom erklärt die Schwierigkeiten unter anderem damit, dass für die Zulassung der Pestizide der Bund zuständig sei, für das Grundwasser das Awel, für die Trinkwasserqualität das kantonale Labor der Gesundheitsdirektion – und dass die Messergebnisse dann teilweise in die Verantwortung der einzelnen kommunalen Wasserwerke fallen, was die Koordination anspruchsvoll mache. Er sagt: «Für mich war es bemerkenswert, zu sehen, wie dieses Thema Fahrt aufgenommen hat.»

Neu sei die grosse Verantwortung, die man in der Regierung trage, sagt Rickli. Nach siebzehn Jahren im Parlament sei sie nun «auf der anderen Seite». Im Gesundheitsbereich seien auch die nationalen Vorgaben und Beziehungen sehr wichtig. Und sie müsse sich in komplexe Geschäfte einarbeiten.

Neukom sagt, er habe die Themen in der Baudirektion grösstenteils schon im Vorfeld gekannt, als Kantonsrat und Ingenieur. Doch auch er ist noch daran, sich einzuarbeiten. Er will alle 60 Standorte der Baudirektion besuchen, «da bin ich noch lange nicht durch».

Halt im Bahnhof Stettbach, um diese Zeit steigen nur wenige Menschen zu. Erstmals zusammen gereist sind Rickli und Neukom im Wahlkampf, auf der Rückreise von Diskussionspodien. Ab Amtsantritt standen sie dann oft gleichzeitig auf dem Perron. «Es ist nicht so, dass wir jeden Morgen zusammensitzen», sagt Rickli. Manchmal habe man keine Lust auf ein Gespräch oder lese Zeitung. «Ich den ‹Landboten›, du den Tagi.»

Neukom ist Nummer 7 in der Hackordnung

Ab und zu sei auch Jacqueline Fehr (SP) dabei, die dritte Winterthurerin im Zürcher Regierungsrat, etwa am Mittwoch, wenn die Regierungssitzung im Rathaus ansteht. Diese laufe immer noch sehr formal ab, auch wenn man sich nicht mehr konsequent sieze. «Es gibt da eine klare Hackordnung», sagt der 33-jährige Neukom. «Ich bin Nummer 7.» Nummer 1 ist die Regierungspräsidentin, dann die Vizepräsidentin, danach geht es nach Amtsjahren und Alter. Die 42-jährige Rickli ist Nummer 6.

Ankunft am Hauptbahnhof in Zürich, Gleis 44. Beide nehmen die normale Treppe. «Ich wegen der Gesundheit, er fürs Klima», sagt Rickli. Im Sprüngli holt er sich einen Laugengipfel, sie ein Maisbrötli. Anstehen muss man auch als Regierungsrat. Auf der Strasse angesprochen wird Neukom selten, Rickli trotz nationaler Bekanntheit jetzt als Regierungsrätin eher weniger denn früher als Bundespolitikerin: «Die Schweizerinnen und Schweizer sind ziemlich diskret.»
In einem Strom von Pendlern geht es auf der Walchebrücke über die Limmat zu den kantonalen Amtshäusern. Prüfende Blicke: Links ist im Büro des Finanzdirektors auch schon Licht, auch rechts oben, wo die Justizdirektion einquartiert ist, wird schon gearbeitet.
«Also, tschüss.» Neukom packt die blaue Mappe etwas fester und schreitet zur Tür des altehrwürdigen Verwaltungsgebäudes. «Machs gut», verabschiedet sich Rickli und geht zum Büroneubau gleich um die Ecke, zu den Regierungsgeschäften der Gesundheitsdirektion.

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