Der 49-jährige Katholik und Theologieprofessor hat Bücher zum Thema geschrieben und ist seit 2015 Inhaber der ersten und einzigen Professur für Spiritual Care in der Schweiz an der Universität Zürich. Die beiden Landeskirchen finanzieren die Professur, die der Theologischen Fakultät angegliedert und bis 2021 finanziell gesichert ist.

Als Uni-Professor arbeitet Peng-Keller mit einem 50-Prozent-Pensum. Die restliche Zeit ist der Bündner als Seelsorger am Unispital tätig, unterrichtet an der Theologischen Hochschule Chur. Zusammen mit seiner Frau gibt er Kurse im Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn.

Worin besteht der Unterschied zwischen der bekannteren Palliativ Care und Spiritual Care? Beides überschneidet sich. Palliativpflege beschränkt sich nicht auf die körperlichen Nöte und Bedürfnisse von Schwerkranken und Sterbenden, sondern umfasst gemäss Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO und des Bundesamtes für Gesundheit auch die psychische, soziale und spirituelle Dimension.

«Spiritual Care ist ein wesentlicher Bestandteil von Palliative Care», sagt Peng-Keller. Seine Kurse an der Uni Zürich richten sich an Studierende der Medizin und Theologie. Und sie sind laut Peng-Keller stets ausgebucht, obwohl nicht obligatorisch. Bei den Medizinern ist Spiritual Care immerhin ein Wahlpflichtfach.

Professur noch befristet

«Das Angebot wird in interprofessioneller Kooperation mit vielen Ärzten und der Medizinischen Fakultät durchgeführt», erklärt Peng-Keller. Die anfänglich da und dort vorhandene Skepsis habe sich gelegt. In der Forschung seien unterdessen viele interdisziplinäre Kooperationen aufgegleist worden, etwa mit der Klinik für Akutgeriatrie am Zürcher Waidspital und der Psychiatrischen Universitätsklinik.

«Das ist ein guter Anfang», bilanziert Peng-Keller. Gesichert ist die Professur wie erwähnt bis 2021. Ob und wie es danach weitergeht, weiss er noch nicht.

«Wichtig ist mir, dass die Sudierenden ihre eigenen Erfahrungen mit Schwerkranken machen können», antwortet Peng-Keller auf die Frage, was er den Kursteilnehmern mit auf den Weg geben wolle.

Simon Peng-Keller Theologieprofessor

«Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit ist sehr heilsam.»

Simon Peng-Keller Theologieprofessor

Sie sollen lernen, sensibel auf die Patienten einzugehen, ihre Verschiedenheit «bis zum letzten Atemzug» wahrzunehmen und zu respektieren. Menschen am Lebensende hätten genau so unterschiedliche Bedürfnisse wie Gesunde. Zum Beispiel wünschten längst nicht alle Sterbenden, dass jemand anwesend ist, wenn der Tod naht.

Nicht zu direkt fragen

Um die individuellen Bedürfnisse zu erkennen, brauche es viel Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, auch in anderen Formen als der Sprache kommunizieren zu können. Man steige zu steil in ein Gespräch ein, wenn man direkt nach Glaube, religiösen Praktiken oder Spiritualität frage. Das könne abschrecken, weil diese Bereiche gesellschaftlich tabuisiert seien. «Es braucht immer eine Aufwärmrunde», sagt Peng-Keller.

Für ihn ist auch klar, dass Spiritual Care niemandem aufgezwungen werden darf. Wer nichts damit zu tun haben will, dessen Wille sei zu respektieren. «Mit unseren Kursen können wir den Studierenden einen geschützten Rahmen bieten, in dem sie ihre Erfahrungen reflektieren und mit uns diskutieren können», sagt Peng-Keller. Im Berufsalltag sei dies oft kaum möglich.

Deshalb wird Spiritual Care neu auch als Weiterbildung für bereits ausgebildete Berufsleute angeboten. Peng-Keller glaubt, dass die intensive Beschäftigung mit Krankheit und Tod die Kursteilnehmenden verändert: «Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit ist sehr heilsam» Man lerne, mit der Gewissheit umzugehen, dass der eigene Tod jeden Tag näher rückt.

Verwandelte Essenz der Person

Was antwortet Spitalseelsorger Peng-Keller einem Sterbenden, wenn dieser ihn fragt, ob nach dem Tod alles fertig ist? Diese Frage komme selten, sagt er. In der Regel frage er zurück und versuche, die Vorstellungen und Erwartungen des Gegenübers zu erkennen, um mit der Person ins Gespräch zu kommen. Das klappe meistens. Nur wenn das Gegenüber wirklich seine persönliche Überzeugung wissen wolle, teile er sie mit.

Sie lautet so: «Das Sterben ist eine tiefgreifende Transformation, in der die Essenz der Person sich verwandelt und auf eine neue Stufe erhoben wird.» Eine Kommunikation zwischen Lebenden und Verstorbenen hält Peng-Keller ebenso für möglich wie Begegnungen unter Verstorbenen.

Was hält Peng-Keller vom assistierten Suizid? Aus seiner Sicht ist die Debatte ums Sterben in der Schweiz zu sehr auf dieses Thema fixiert. Andere wichtige Themen kämen dabei zu kurz. «Ich kämpfe nicht gegen, sondern für etwas.» Ihm gehe es darum, für die Sterbephase möglichst gute Bedingungen zu schaffen. Für sich selber könne er sich den Weg über einen assistierten Suizid nicht vorstellen. «Aber ich respektiere es, wenn sich Menschen dafür entscheiden.»

Der Mensch kann die Art und Weise, wie er stirbt, nur teilweise beeinflussen. Wer bei einem Unfall ums Leben kommt, wird plötzlich aus dem Leben gerissen, wer an einer unheilbaren Krankheit leidet, muss sich auf einen mehr oder weniger langen Leidensweg einstellen. «Eine gute Palliativversorgung, die auch spirituelle Aspekte berücksichtigt, kann viel dazu beitragen, dass die letzte Lebensphase eines Menschen zu einer wertvollen und dichten Zeit für alle wird», sagt Peng-Keller.

Gesprächszeit gekürzt

Ihn schmerzt und ärgert, «dass in der Schweiz die Bedingungen für Palliativversorgung nicht so gut sind, wie sie eigentlich sein könnten und müssten». Peng-Keller macht dafür mangelnde politische Anstrengungen verantwortlich, etwa bei der Revision des Ärztetarifs Tarmed: «Die verrechenbare Zeit, die Ärzte in der ambulanten Palliative Care für Patientengespräche einsetzen dürfen, ist gekürzt worden», kritisiert er. «Dabei bräuchte es gerade in der Palliativbehandlung mehr und nicht weniger Zeit für eine angemessene Kommunikation.»

Peng-Keller sieht einen Widerspruch darin, dass viele Politiker zwar gern von einem würdigen Sterben sprechen, jedoch nicht die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen wollen, wenn es etwa darum geht, die günstige ambulante Palliativpflege zu Hause finanziell besser abzugelten. Hier müsse dringend etwas geschehen, sagt Peng-Keller. «Sterben ist ein zentraler Lebensbereich, der gegenwärtig politisch vernachlässigt wird.»