Zürich

«Platzspitzbaby» erinnert an Zürichs Drogenszene der 90er-Jahre — wie sieht es heute aus?

Ein sogenannter «Filterli-Tisch» im Zürcher Platzspitz, aufgenommen im April 1991.

Ein sogenannter «Filterli-Tisch» im Zürcher Platzspitz, aufgenommen im April 1991.

«Die Leute konsumieren Drogen im Ausgang, privat zu Hause oder bei der Arbeit». Ein Vierteljahrhundert ist inzwischen vergangen, seit die Stadt Zürich im Februar 1995 die offene Drogenszene am Letten endgültig räumte. Wie sieht die Drogenszene heute aus?

Das Zürcher Drogenelend der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre wird allmählich Teil einer Erinnerungskultur: Letztes Jahr veröffentlichte Demian Lienhard mit «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat» einen eindrücklichen Romanerstling dazu. Und soeben ist in den Kinos der Film «Platzspitzbaby» angelaufen, basierend auf dem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2013. Die heute 34-jährige Michelle Halbheer beschreibt darin ihre Kindheit als Tochter einer heroinsüchtigen Mutter. Der Platzspitzpark hinter dem Landesmuseum und anschliessend der Bahnhof Letten am gegenüberliegenden Limmatufer waren damals offene Drogenszenen. Tausende besorgten sich dort ihren Stoff, spritzten ihn in eitrige Venen, verelendeten, erkrankten. Viele starben. Die Bilder, die «Platzspitzbaby»-Halbheer im Buch heraufbeschwört, sind heute kaum noch vorstellbar; etwa die Szene, als sie und ihr Vater die Mutter am Letten suchten:

«Wir blickten nach unten: Auf dem mir riesig scheinenden Brachland herrschte emsiges Treiben. Zerlumpte Gestalten bahnten sich murmelnd und schimpfend den Weg durch Müll und Dreck. Menschen, die in meiner Wahrnehmung wie Bettler aussahen, stachen sich Nadeln in die Arme, andere starrten mit leerem Gesicht in ein Feuer», heisst es da. Und weiter: «Später fiel mein Blick unvermittelt auf einen Mann und eine Frau. Seltsam verrenkt lagen die beiden im Dreck, und zu meinem Entsetzen liefen zwei Ratten zögerlich schnuppernd über die besinnungslosen oder toten Menschen, die niemanden zu interessieren schienen.»

Buch-Bestseller «Platzspitzbaby» kommt ins Kino

Buch-Bestseller «Platzspitzbaby» kommt ins Kino

«Platzspitzbaby» ist einer der meist erwarteten Schweizer Filme 2020. Ab 16. Januar läuft die Bestseller-Verfilmung in den Schweizer Kinos. Erzählt wird die wahre Geschichte einer drogenabhängigen Mutter und ihrer 11-jährigen Tochter. Eine emotionale Achterbahn, die auch für die beiden Darstellerinnen Sarah Spale («Wilder») und Luna Mwezi eine Herausforderung war. Beide mussten einen Weg, finden nach Drehschluss wieder abschalten zu können.

Ein Vierteljahrhundert ist inzwischen vergangen, seit die Stadt Zürich im Februar 1995 die offene Drogenszene am Letten endgültig räumte. Verelendete Drogensüchtige sieht man heute kaum noch in der Stadt. «Es gibt nach wie vor Süchtige, aber ohne das Elend rundherum», sagt Nadeen Schuster, Kommunikationsverantwortliche im Stadtzürcher Sozialdepartement. Die Zahl der Heroinabhängigen habe seit Ende der 90er-Jahre stark abgenommen.

Weniger Heroin und weniger Gewalt

Das zeigt sich auch bei den Heroinmengen, die die Stadtpolizei Zürich beschlagnahmte: Im Zeitraum 2015 bis 2018 waren es jährlich zwischen 3,8 und 9,3 Kilogramm, wie die Stadtpolizei auf Anfrage mitteilt. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es noch 68 Kilo, 1999 gar 109 Kilo. «Die Gewalt und Beschaffungskriminalität haben stark abgenommen», sagt Stadtpolizeisprecher Michael Walker.

Aktuell suchen rund 950 Personen die Kontakt- und Anlaufstellen der Stadt regelmässig auf, um dort unter hygienischen Bedingungen mitgebrachte Drogen zu konsumieren. «Die meisten von ihnen sind aus der Platzspitz- und Letten-Zeit», so Schuster. Ihr Durchschnittsalter liege bei 48 Jahren; nur ein Prozent sei unter 30 Jahre alt.

«Beim Heroin gibt es praktisch keine Neueinsteiger mehr», bestätigt auch Thilo Beck. Er ist Chefarzt Psychiatrie des Zentrums für Suchtmedizin Arud und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin. Die Arud wurde 1991 in Zürich als Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen gegründet und nahm 1992, im Jahr der Platzspitz-Schliessung, ihren operativen Betrieb auf. Ihre Gründer setzten sich zunächst vor allem für die Abgabe sauberer Spritzen an Drogensüchtige ein, zudem für Behandlungen mit Opiaten wie Methadon.

Die Drogenszene am ehemaligen Bahnhof Letten in Zuerich, aufgenommen im August 1994.

Die Drogenszene am ehemaligen Bahnhof Letten in Zuerich, aufgenommen im August 1994.

20 Prozent der Konsumenten leben riskant

Sie gehörten gleichsam zu den Geburtshelfern der Vier-Säulen-Politik, die seit dem Durchbruch im Zürich der 90er-Jahre die Schweizer Drogenpolitik prägt: Zu Prävention, Repression und Therapie kam die Schadensminderung hinzu, mit Methadonabgabe, Tagesstrukturen, ärztlicher Hilfe. Drogenkonsum finde heute mehr in der Partyszene statt, sagt Beck. Und fügt an: «Die Leute konsumieren Drogen im Ausgang, privat zu Hause oder bei der Arbeit.» Die meistverwendete illegale Droge sei Cannabis, gefolgt von Kokain, MDMA (Ecstasy) und Amphetamin.

«Die meisten Konsumenten machen das in kontrolliertem Rahmen und sind nicht behandlungsbedürftig», so Beck weiter. Durchschnittlich bestehe bei 20 Prozent der Konsumenten psychotroper Substanzen das Risiko, dass sie über längere Zeit Probleme bekommen und etwa ihren Konsum nicht mehr kontrollieren könnten. Am höchsten sei das Risiko bei Tabak: Hier treffe es 30 Prozent der Konsumenten; am tiefsten beim Cannabis, mit rund 15 Prozent.

Der Letten, Nachfolger der offenen Szene auf dem Platzspitzareal, wurde in Spitzenzeiten von über tausend Drogenkonsumenten frequentiert. (1994)

Der Letten, Nachfolger der offenen Szene auf dem Platzspitzareal, wurde in Spitzenzeiten von über tausend Drogenkonsumenten frequentiert. (1994)

Einen Anhaltspunkt für den seit Platzspitzzeiten veränderten Umgang mit Drogen bietet auch die Zusammensetzung der Arud-Patientinnen und -Patienten in Zürich: Während die Zahl der Opiattherapien bei rund 1000 stagniert – sie stammen laut Beck grösstenteils aus Platzspitzzeiten – nehmen Therapien bei anderen Substanzen, allen voran Alkohol, zu. Dies habe vor allem einen Grund: Die Scham, sich behandeln zu lassen, nehme ab. Dies deckt sich mit dem Fazit von Martin Küng, der Ende 2019 nach 34 Jahren bei der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich pensioniert wurde: «Heute ist man wirklich bereit hinzuschauen», so Küng. Das zeige sich etwa bei der Präventionsarbeit in Schulen. Handkehrum stehe das Drogenproblem nicht mehr im Schweinwerferlicht der Öffentlichkeit wie einst zu Platzspitzzeiten, was es erschwere, Präventionsthemen auf die Traktandenliste zu bringen. Dabei seien gerade Alkohol und Tabak viel relevanter als damals Heroin, wenn man es durch eine gesundheitspolitische und -ökonomische Brille betrachte.

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