Das Restaurant liegt fast schon versteckt mitten in einem Wohnblock-Quartier im zürcherischen Örtchen Greifensee. Laufkundschaft gibt es keine, trotzdem ist die Beiz an diesem Mittag gut besetzt. 

«Die meisten Gäste sind Stammkunden», sagt Wirt Gino Ramadani zu watson. Seit acht Jahren führt er das Restaurant. Das ist für ihn alles andere als selbstverständlich. Der Mazedonier wuchs in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Er arbeitete, bevor er in die Schweiz kam, in Berlin, im Restaurant seines Onkels. Mit der Übernahme der Pizzeria hier in Greifensee habe sich für ihn ein Traum erfüllt.

Deshalb will er etwas zurückgeben. Denjenigen, welchen es nicht so gut geht. Menschen, die in der Schweiz leben und sich nie oder kaum ein Essen leisten können in einem Restaurant.

Vor gut zwei Wochen setzte er seine Idee in die Tat um und hängte diesen Zettel am Eingang seiner Pizzeria auf. Zudem postete er die Botschaft auf Facebook: 

Jetzt kommen auch Obdachlose 

Seither wird er mit Glückwünschen und Gratulationen eingedeckt, auf allen Kanälen. Briefe bekommt er aus der ganzen Schweiz, Mails, Mitteilungen über Facebook, auch kommen Leute persönlich im Restaurant vorbei, um ihm zu sagen, wie schön sie seine Geste finden.

«Zuerst haben wir versucht, alles persönlich zu beantworten», sagt Elvira Ramadani, die zusammen mit ihrem Mann Tag für Tag im Lokal steht.

Mittlerweile gehe das nicht mehr, schon jetzt seien es über tausend Zuschriften. Zudem haben verschiedene Medien darüber berichtet und die Geschichte vom Wirte-Paar mit dem Herz für Arme verbreitet. «Wir bekommen ausschliesslich positive Reaktionen», ergänzt Gino Ramadani.

Nach nicht ganz zwei Wochen ebbt die Glückwunsch-Flut etwas ab, allerdings nutzen jetzt mehr und mehr Personen das Angebot. Über 120 sind es bereits, darunter seit Neustem auch Obdachlose. 

Albert S.* ist einer dieser Menschen, die es sich nicht leisten können, auswärts zu essen. Still sitzt er an einem Zweiertisch in der Mitte des Restaurants und dreht seine Spaghetti mit der Gabel auf dem Löffel auf. «Das sind die besten Carbonara, die ich seit Langem hatte», schwärmt er.

Der 52-jährige IV-Bezüger ist mit dem Zug aus der Stadt Zürich angereist. Dort isst er seit Jahren in der Gassenküche. Mehr liege bei seinem Budget nicht drin und selber kochen könne er nicht. Darum sei er dem Wirte-Paar unendlich dankbar.

Obwohl es ihm unangenehm war, hat er  – bevor er seine Bestellung aufgab – der Bedienung gesagt, er könne nicht bezahlen und würde gerne vom Angebot Gebrauch machen, das draussen auf dem Zettel stehe. Heute kehrt er schon zum zweiten Mal ein im Toscana.

«Ich bin beeindruckt, dass es so etwas gibt in der Schweiz», sagt er. Er kenne nichts Vergleichbares.

Die Ramadanis freuen sich über die steigende Anzahl Gratis-Essen. Doch kann die bescheidene Quartier-Beiz dies auf längere Zeit bewältigen? Wird das Ganze nicht zu einer zu grossen finanziellen Bürde? «Wir haben keine Angst», sagt Gino Ramadani. Wer Angst habe, starte so eine Aktion nicht.

Spenden finanzieren die Gratis-Essen 

Allerdings verfüge er nicht über Mittel wie sein Onkel, der in Berlin gratis Obdachlose bewirtet und von dem er die Idee hat.

«Mein Onkel bewegt sich mit seinem Restaurant und seinen Gästezahlen in einer anderen Liga und kann sich das gut leisten. Wir hingegen sind ein einfacher Familienbetrieb.»

Es habe sich jedoch eine andere Finanzierungsform ergeben, auf die er selber nicht gekommen wäre.

«Mehrere Leute, die unsere Idee gut finden, haben uns Spenden zukommen lassen», sagt Gino Ramadani. Andere zahlten das Doppelte, wie bei einem «Caffé sospeso».

Bei einem «Caffé sospeso» kauft jemand einen Kaffee und bezahlt einen zweiten mit für einen nächsten Kunden, der sich keinen leisten kann.

Spendenkonto und Einzahlungsscheine

Das Ehepaar Ramadani ist für jegliche Art von Spenden dankbar. Jeder Rappen fliesse in Essen für Gäste, die nicht genug Geld haben.

Seit Dienstag haben die Ramadanis ein Spendenkonto eröffnet. Einzahlungsscheine mit dem Vermerk «Spendenaktion für Bedürftige und Obdachlose» liegen im Restaurant auf. 

Zu einem Wohltätigkeitsbetrieb werde die Pizzeria dadurch nicht. Elvira und Gino Ramadani wollen ihre Quartierbeiz wie bisher weiterführen. Niemand habe sich über die neue Klientel beschwert. Im Gegenteil.

Im verschlafenen Greifensee könnte somit ein Modell Schule machen, dass es so bisher bei uns nicht gibt. 

*Namen der Redaktion bekannt