Pippo Pollina
Pippo Pollina: «Zürich ist meine Stadt»

Vergangene Woche erhielt der Cantautore Pippo Pollina den Schweizer Kleinkunstpreis zugesprochen. Die sizilianischen Wurzeln prägen die kulturelle Identität des Wahlzürchers noch immer.

Matthias Scharrer
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«Meine Inspiration ist die Realität»: Pippo Pollina, in der Schweiz eingebürgerter Cantautore. rolf jenni/arc

«Meine Inspiration ist die Realität»: Pippo Pollina, in der Schweiz eingebürgerter Cantautore. rolf jenni/arc

Pippo Pollina ist im Auto unterwegs in Deutschland, als er das Handy abnimmt. Seine Tour führt ihn gerade nach Bayern, wo er auch sein nächstes CD-Projekt hat. Als er vergangenen Dienstag den Schweizer Kleinkunstpreis zugesprochen erhielt, weilte er noch in Luzern. Der Wahlzürcher aus Palermo ist als Cantautore viel auf Achse. Doch im Gespräch bleibt er die Ruhe selbst, auch wenn die Telefonverbindung alle paar Minuten abbricht.

Herr Pollina, was bedeutet Ihnen der Schweizer Kleinkunstpreis?

Pippo Pollina: Das ist eine grosse Ehre für mich. Ich bin der erste italienische Musiker, der diesen Preis gewinnt. Das bedeutet für mich, dass das Publikum und die Jury meine Arbeit zu schätzen gelernt und verstanden haben – zum einen wegen ihrer interkulturellen Bedeutung, zum anderen, weil ich sie kompromisslos gegenüber der Kommerzwelt durchgezogen habe. Ich wollte, dass meine Lieder ein kulturelles Element unseres Lebens bleiben und sich nicht schnell, schnell dem Kommerz anpassen.

Bedeutet diese Ehrung auch, dass Sie jetzt definitiv in der Schweiz angekommen sind?

(lacht) Ich wohne seit über zwanzig Jahren in der Schweiz und bin seit eineinhalb Jahren eingebürgert. Dieser Preis ist für mich eine weitere Stufe, um willkommen geheissen zu werden.

Wie kam es überhaupt, dass Sie sich in der Schweiz und dann in Zürich niedergelassen haben?

Ich war auf Weltreise mit Schlagzeug und Gitarre, vor 27 Jahren. Die Reise finanzierte ich mit Strassenmusik. Als ich damals in Luzern spielte, sprach mich Linard Bardill an. So entstand eine Freundschaft, eine CD, und ich entschied mich, in der Schweiz zu bleiben.

Warum?

Die Schweiz ist ein kultureller Sonderfall: Sie liegt mitten in Europa und ist viersprachig. Viele Leute verstehen hier Italienisch. Als ich ankam, war die
Präsenz der Zweitgeneration italienischer Einwanderer noch viel stärker als heute. Die Drittgeneration spricht ja fast kein Italienisch mehr. So entschied ich mich, mein Publikum in der Schweiz zu finden.

Warum entschieden Sie sich für Zürich als Wohnort?

Zürich ist die einzige grosse Stadt in der Schweiz. Ich stamme aus einer Grossstadt. Von daher war es logisch, dass die Wahl auf Zürich fiel.

Was war entscheidend dafür, dass Sie blieben?

Heute lebe ich seit 21 Jahren in Zürich. Zürich ist meine Stadt geworden. Sie gibt dir immer eine Chance. Wenn du etwas zu geben hast, ist sie aufgeschlossen. Aber Zürich ist auch problematisch, weil es so eine teure Stadt ist. Wenn man eine Idee hat, muss man hoffen, dass sie schnell funktioniert. Dabei braucht Neues Zeit.

Welche Bedeutung hat Ihre erste Heimatstadt Palermo heute für Sie?

Immer, wenn ich dort bin, merke ich: Palermo ist immer noch sehr wichtig. Meine kulturellen Wurzeln und meine Identität wollte ich nie verlieren.

Sie pflegen diese Wurzeln auch, indem Sie manche Ihrer Lieder in sizilianischem Dialekt singen.

Ja, ich fing an mit sizilianischer Volksmusik. Sizilianische Musik hat eine Ursprünglichkeit, die die italienische Musik nicht hat.

Woher nehmen Sie Ihre Kreativität?

Musik war für mich immer schon ein fantastisches Mittel, um meine gesellschaftliche Position zu klären und meine Gefühle zu übermitteln. Musik ist direkt, sie kommt direkt ins Hirn und in den Körper. Früher wollte ich Journalist werden. Aber dann merkte ich: Musik ist stärker als das reine Schreiben. Sie kann auch penetrant sein, ohne penetrant zu wirken.

Was inspiriert Sie als Cantautore beim Liederschreiben?

Meine Inspiration ist die Realität: Alles, was passiert – und die philosophischen Aspekte davon, Fragen wie: Warum sind wir hier?

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Im März werde ich mit Werner Schmidbauer und Martin Kälberer ein neues Album aufnehmen mit Liedern auf Italienisch und auf Deutsch. Die beiden haben im Bayerischen Fernsehen die Sendung «Aufgspuit». Ich glaube, es ist das erste Mal, dass italienische und deutsche Liedermacher gemeinsam ein Konzept-Album aufnehmen. Wir werden damit im November auf Tournee gehen und auch in der Schweiz auftreten.