Stadtpolizei Zürich
Philipp Hotzenköcherle: «Repression muss immer das letzte Mittel sein»

Der Kommandant der Zürcher Stadtpolizei zieht Bilanz nach über 16 Jahren an der Spitze des drittgrössten Polizeikorps im Land. Er spricht über den Bussenstreik 2011 oder die Gratwanderung zwischen Repression und Dialog mit Demonstranten.

Sophie Rüesch
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Philipp Hotzenköcherle

Philipp Hotzenköcherle

Limmattaler Zeitung

Herr Hotzenköcherle, nach 16 Jahren als Kommandant der Zürcher Stadtpolizei gehen Sie in den vorgezogenen Ruhestand. Übergeben Sie Ihrem Nachfolger Daniel Blumer morgen eine sichere Stadt?

Philipp Hotzenköcherle

Der 63-jährige Jurist trat der Stadtpolizei Zürich 1982 bei. 1997 übernahm er das Kommando über das mit rund 2100 Angestellten drittgrösste Polizeikorps der Schweiz. Hotzenköcherle arbeitete unter den Polizeivorstehern Robert Neukomm (SP), Esther Maurer (SP) und zuletzt Daniel Leupi (Grüne). Vor seiner Beförderung zum Kommandanten war das ehemalige FDP-Mitglied unter anderem Chef des Verkehrskommissariats und der Sicherheitspolizei. Hotzenköcherle ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt in Zürich.
Morgen Donnerstag übergibt Daniel Leupi in der Kirche St. Peter Hotzenköcherles Nachfolger Daniel Blumer das Kommando der Stadtpolizei.

Philipp Hotzenköcherle: Die polizeiliche Sicherheit befindet sich in einer stabilen Lage. Das Korps ist im Hinblick auf laufende Projekte, die Ausrüstung und den Bestand auf einem guten Niveau angelangt. Wenn man das erreicht hat, darf man abgeben.

Welche Baustellen gibt es bei der Stadtpolizei noch?

Die 24-Stunden-Gesellschaft beschäftigt uns schon seit einiger Zeit. In der Partystadt Zürich sind unsere Leute, vor allem in den Nächten der zweiten Wochenhälfte, massiv gefordert. Auch bei Hochrisikospielen geht es immer wieder strub zu und her. Deshalb müssen Polizisten immer wieder Extradienste leisten. Da besteht Handlungsbedarf.

Wie kann man dieses Problem angehen?

Wir brauchen einerseits mehr Personal, andererseits müssen wir uns intern Gedanken über die Organisation machen, zum Beispiel über eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Doch neue Arbeitszeitmodelle müssen auch sozial verträglich sein. Wir können den Leuten nicht zumuten, zu Hause noch mehr zu fehlen.

Sie fordern schon lange zusätzliche Stellen. 30 wurden bereits bewilligt. Im Sicherheitskonzept 2020, das Noch-Polizeivorsteher Daniel Leupi letzte Woche dem Gemeinderat vorlegte, werden weitere 28 gefordert. Sind Sie zuversichtlich, dass diese bewilligt werden?

Ja, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass unsere Polizisten immer mehr Aufgaben zu bewältigen haben. Wir brauchen Leute, die genug Kraft haben, um gute Arbeit zu leisten. Dafür braucht es auch ausreichende Erholungszeiten. Deshalb arbeiten wir unter dem Arbeitstitel Night Police zurzeit an einem neuen Einsatzkonzept.

In den 16 Jahren, in denen Sie das Kommando innehatten, hat sich gesellschaftlich einiges verändert. Was hat sich auf die Polizeiarbeit ausgewirkt?

Was sich erfreulicherweise nicht verändert hat, ist, dass der Grossteil der Bevölkerung der Polizei immer noch grosses Vertrauen entgegenbringt. Trotzdem hat der Respekt gegenüber Polizistinnen und Polizisten abgenommen und die Aggressionsbereitschaft zugenommen. Unsere Leute gehen zwar gut damit um. Doch das Umfeld, in dem sie heute arbeiten müssen, ist ein ganz anderes als noch vor 32 Jahren, als ich bei der Stadtpolizei angefangen habe.

Am Wochenende führte der Anlass «Tanz dich frei» in Bern zu Ausschreitungen. In den letzten Jahren machten auch in Zürich Veranstaltungen, deren Initianten mehr Freiräume einfordern, immer wieder Schlagzeilen. Wie kann die Polizei Krawalle verhindern?

Unsere Polizei handhabt Ausschreitungen wie die am Central oder am Bellevue in der Regel gut. Auch die Jugendbewilligungen für Outdoorpartys haben sich bewährt. Sie zeigen, dass man gewisse Anliegen durchaus ernst nehmen und Lösungen dafür bereitstellen kann. Wenn es aber, wie bei der Binz-Demonstration, zu Gewaltausbrüchen kommt, mit denen wir nicht rechnen müssen, haben wir einfach zu wenig Ressourcen.

Ein Fall wie die Binz-Demo kann also nicht verhindert werden?

Dafür bräuchten wir ein Vielfaches des heutigen Personals. Unsere Kräfte sind auf das Tagesgeschäft ausgerichtet. Es ist unserer Polizei nicht möglich, für den Fall von überraschenden Ausschreitungen jederzeit grössere Reserven bereitzuhalten. Das finde ich aber auch richtig so, denn wir leben in einer Demokratie und nicht in einem Polizeistaat.

Für Sie ist Dialog also wichtiger als Repression?

Dialog und Prävention sind wichtig. Repression muss immer das letzte Mittel sein. Man hört immer wieder: «Diese Leute verstehen nur eine Sprache, und das ist hartes Durchgreifen.» Als Polizist mit 32 Dienstjahren Erfahrung stört mich das. Wenn wir müssen, greifen wir durch. Doch früh schon das Gespräch zu suchen, ist besser, als so lange zu warten, bis wir intervenieren müssen.

Morgen hat auch Richard Wolff seinen Einstand als Polizeivorsteher. Der als linksextrem verschriene Stadtrat hat sich im Vorfeld für eine gesprächsbereite Polizei ausgesprochen, was bereits für viel Kritik sorgte. Denken Sie, dass Wolff als Polizeivorsteher geeignet ist?

Eine Mehrheit des Zürcher Stimmvolks hat Herr Wolff ihr Vertrauen ausgesprochen. Die Polizei hat diese Wahl zu akzeptieren. Ich spüre von ihm, dass er der Aufgabe mit Spannung entgegenblickt, dass er jemand ist, der offene Augen und Ohren hat und sehr differenziert denkt. Ich konnte ausserdem mit all meinen Vorgesetzten diskutieren, was machbar ist, und das wird sicher auch mit Herrn Wolff möglich sein. Die Polizei wird sich unter ihm nicht um 180 Grad drehen. Da wäre schon Vieles mit der Rechtsordnung nicht vereinbar.

Ihr Nachfolger Daniel Blumer hat als Verkehrssünder von sich reden gemacht. Muss ein Polizeikommandant nicht eine Vorbildrolle einnehmen?

Ein Polizist ist natürlich immer ein Vorbild. Ich schärfe auch den Aspiranten ein, dass sie sich bewusst sein müssen, dass Polizisten genauer auf die Finger geschaut wird. Herr Blumer hat einen Fehler gemacht. Das Rechtsüberholen auf der Autobahn war falsch, aber es steht nicht im Widerspruch dazu, Polizeikommandant zu sein. Besonders nicht, wenn jemand geradesteht für seine Fehler, wie das Herr Blumer gemacht hat.

Sind Sie auch schon mit dem Gesetz in Konflikt gekommen?

Ich bin einmal mit 80 anstelle der erlaubten 60 Stundenkilometer in eine Geschwindigkeitskontrolle geraten, weil ich die Signalisation schlicht und ergreifend nicht gesehen habe. Das kann passieren. Ich behaupte: Jeder, der schon Auto gefahren ist, hat Übertretungen begangen.

Unter Ihrer Leitung hat die Stadtpolizei einige Änderungen erlebt. Worauf sind Sie stolz?

Ich habe das Korps mit 80 Stellen Unterbesetzung übernommen. Als ich am Anfang meiner Karriere als wichtigstes Ziel formulierte, den Sollbestand zu erreichen, haben mich noch alle ausgelacht. Das hätten schon meine drei Vorgänger nicht geschafft, hiess es. Doch ich habe nicht locker gelassen. 2007 war der Sollbestand dann erreicht.

Sie haben auch die Neuorganisation der Stadtpolizei begleitet.

Die Reorganisationsprojekte waren notwendig. Wir haben unsere alten Strukturen über Bord geworfen. Heute sind wir organisatorisch sehr modern aufgestellt. Auch im Bereich Technologien sind wir auf dem neusten Stand, zum Beispiel mit dem Einsatz von iPads bei der Frontarbeit. Solche Mittel sind wichtig, damit wir gut und schnell arbeiten können.

Welche Zeiten waren schwierig?

Eine sehr traurige und belastende Zeit war für mich das Jahr 2002. Damals ereigneten sich verschiedene selbst verschuldete Unfälle. Einem Passanten, der während einer Nahbereichsfahndung durch einen Einsatzwagen verletzt wurde, musste das Bein amputiert werden. Solch tragische Unfälle belasten nicht nur Opfer und Verursacher, sondern das gesamte Korps.

Wie kann man solche Unfälle verhindern?

Wir können noch so gut ausbilden und noch so vorsichtig zu Werke gehen, Unfälle kann es immer geben. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass die Fehlerquote bei der Polizei kleiner ist als in irgend sonst einem Unternehmen. Doch wenn ein Fehler passiert, hat er oft schwere Konsequenzen.

Wie erlebten Sie den Bussenstreik 2011, während dem Sie auch persönlich angegriffen wurden?

Historisch betrachtet könnte ich das locker wegstecken. Der Auslöser war nicht ich, sondern der Sparauftrag, den das Parlament im Rahmen des Budgets 2011 erliess. Dass bei der Polizei gespart wurde, hat unsere Mitarbeitenden massiv verärgert, wofür ich auch Verständnis hatte.

Trotzdem entzog Ihnen der Polizeibeamten-Verband das Vertrauen.

Dass ich dafür verantwortlich gemacht wurde, ist mir sehr nahe gegangen. Der Vertrauensentzug hat mich schwer getroffen. Der Vorwurf, ich hätte mich nicht für mehr Personal eingesetzt, war nicht gerechtfertigt. Doch es ist nicht so, dass ich deswegen verbittert in Pension gehe.

Wie gehen Sie denn in Pension?

Zufrieden, weil wir an einem guten Punkt angelangt sind. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um das Kommando in neue Hände zu legen. Ich konnte zusammen mit meinen Mitarbeitenden viel erreichen. Ich gehe mit einem guten Gefühl, auch wenn es sich seltsam anfühlt, die Polizei nach 32 Jahren hinter mir zu lassen.

Haben Sie Angst, dass Ihnen langweilig wird?

Nein. Ich habe genug Interessen, mit denen ich meine Agenda füllen kann. Seit zehn Jahren tauche ich intensiv. Zudem kann ich meinem Hobby, der Schwarz-Weiss-Fotografie, endlich genug Zeit widmen. Und ich freue mich darauf, wieder einmal in die Oper zu gehen, ein Buch zu lesen. Meine Frau und ich sind gespannt darauf, wie sich das gemeinsame Leben nach der Pensionierung anfühlt.

Weitere Ämter wollen Sie keine bekleiden?

Nein, sonst hätte ich mich ja nicht frühzeitig pensionieren lassen müssen. Ich habe keine Visitenkarten gedruckt und mache auch kein Consultingbüro auf.

Welchen Rat wollen Sie Ihrem Nachfolger auf den Weg geben?

Ich muss ihm keine Ratschläge geben. Er hat einen grossen Erfahrungsschatz und weiss als Zürcher, wie die Stadt tickt. Der einzige Tipp, den ich ihm gebe, ist: Machs gut.