Simulation
Pflegepersonal trainiert mit einer 130 000 Franken teuren Hightechpuppe

Im neuen Simulationszentrum des Universitätsspitals Zürich üben Ärzte und Pflegepersonal an einer Hightechpuppe. Diese kann weinen, stöhnen, husten oder gar würgen. Das Personal ist positiv überrascht wie realitätsnah die Puppe ist.

Matthias Scharrer
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Herr Dürst stöhnt. Er hat Schweiss auf der Stirn. Plötzlich stimmt etwas mit seiner Herzfrequenz nicht mehr. Pfleger Radovan Stojkovic vermutet ein schweres Herzproblem. Er telefoniert: «Ich brauche Hilfe!» Ärztin Nadine Stanek und die Pflegerinnen Monika Graf und Alexandra Häring treten ein. «So viele Leute hier, was hat das zu bedeuten?», murmelt Dürst.

Infusion und Herzdruckmassage

Eine Pflegerin lässt Schmerzmittel durch die Kanüle in Dürsts Arm fliessen: «Infusion läuft!» Dürsts Puls setzt aus. Die Augen fallen zu. Er bekommt eine Herzdruckmassage, Stromstösse und Adrenalin verabreicht. Jemand ruft: «Wer am Kopf ist, soll die Führung übernehmen.» Der Narkosearzt kommt ins Zimmer: «Wollen wir nochmals schocken?» Noch ein Stromstoss für Herrn Dürst. Er stöhnt leise und öffnet die Augen. Die Simulation ist beendet.

Herr Dürst heisst immer wieder mal anders. Und er kommt immer wieder mit anderen Leiden im Simulationszentrum des Universitätsspitals Zürich (USZ) zum Einsatz. Er ist eine lebensgrosse, ferngesteuerte Hightech-Puppe – in technischer Hinsicht die Hauptfigur im Simulationszentrum, das Anfang dieses Jahres als eigenständige Unispital-Abteilung eröffnet wurde. Er wird auch «das Phantom» genannt.

Füllbar mit falschem Blut

Zu seinem programmierten Simulations-Repertoire zählen Würggeräusche wie beim Erbrechen; Stöhnen; Husten; Atmung, bei der sich die Brust hebt und senkt; Schweissausbrüche; Augenlider, die auf- und zugehen; Pupillen, die sich bei grellem Licht verkleinern; zitternde Arme; Lippen, die sich durch Lämpchen im Mund blau verfärben; fühlbarer Pulsschlag, hörbare Herztöne – und künstliche Tränendrüsen.

«Man kann ihn auch mit falschem Blut füllen», erklärt Adrian Marty, der ärztliche Leiter des Simulationszentrums, während er im Steuerungsraum hinter der verspiegelten Glasscheibe sitzt. Von hier aus wird die Puppe im Nebenzimmer via Computer kabellos gesteuert und live mit einer menschlichen Stimme versehen.

130 000 Franken

Das Phantom kostete rund 130 000 Franken. Es dient medizinischem Personal aus allen USZ-Kliniken zu möglichst realistischen Übungen, ohne dass Patienten zu Schaden kommen. «Medizinische Simulationstrainings sind weltweit seit etwa 15 Jahren im Kommen und werden immer wichtiger», sagt Marty. Ziel des Trainings sei, die Patientensicherheit zu verbessern.

Nach der Simulation folgt das Debriefing, laut Marty der wichtigste Teil der Übung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer analysieren unter Leitung von Marty und Alfons Scherrer, dem operativen Leiter des Simulationszentrums, anhand von Videoaufzeichnungen ihr Verhalten bei der Notfallübung mit Herrn Dürst.

Hierarchiedenken kann hinderlich sein

Was allen auffällt: Zwar tat niemand etwas Falsches. Aber zu lange blieb unklar, wer die Führung übernehmen sollte. Traditionellerweise würde dies vom Oberarzt oder der Ärztin erwartet, stellen die Gesprächsteilnehmer fest. Doch auch im Spital sind strikte Hierarchien nicht mehr das Ein und Alles: «Nach den neuen Richtlinien muss es nicht zwingend der Arzt sein. Es kann auch die Person sein, die am meisten Erfahrung hat», gibt Pflegerin Alexandra Häring zu bedenken. Zu starkes Hierarchiedenken könne in kritischen Situationen hinderlich sein, bestätigt Marty.

Regeln für die Teamarbeit

Er zeigt auf ein Plakat, das zehn Regeln für die Teamarbeit in solchen Situationen auflistet, Situationen, in denen schnelle Entscheide gefragt sind, da es um Leben und Tod gehen kann. Regel Nummer 10 lautet: «Wenn Zweifel bestehen: Sprich es an!» Regel Nummer 3: «Definiert eine klare Führung. Nutzt die Erfahrung und Arbeitskraft aller Teammitglieder.» Regel Nummer 8: «Re-evaluiert die Situation immer wieder neu. Zehn Sekunden für zehn Minuten. Und setzt die Prioritäten dynamisch.»

Das Phantom nimmt wieder eine neue Identität an: Diesmal ist es Herr Franzen, der am späten Freitagabend in einem asiatischen Restaurant an der Langstrasse zusammengebrochen war. Er hatte viel Reiswein getrunken und Meeresfrüchte gegessen. Rettungskräfte haben ihn ins Spital eingeliefert. «Sonst esse ich immer nur Bratwürste», sagt er zur Pflegerin. Und: «Das Atmen geht wirklich nicht so gut.»

Allergisch auf Meeresfrüchte

Diesmal kommuniziert das medizinische Personal ruhig und bestimmt. Die Rollen sind schnell klar verteilt. Anders als beim ersten Mal kommt keine Hektik auf. Und die richtige Diagnose ist bald da: Herr Franzen ist allergisch auf Meeresfrüchte.

«Ich bin positiv überrascht, wie realitätsnah das ist und wie wir als Team funktionieren», sagt Radovan Stojkovic, der seit vielen Jahren als Pfleger arbeitet, beim Debriefing am Ende des Übungstages. «Das Verbale ist klar der bessere Weg als das Nonverbale, wie es sonst oft läuft», lautet das Fazit von Pflegerin Alexandra Häring. Auch Ärztin Nadine Stanek zeigt sich positiv überrascht – «überrascht davon, wie man mit wenig Aufwand etwas Gutes bewirken kann, wenn man nur aufeinander achtet.»