Wer mit diesen Substanzen in Berührung kommt, fällt nicht sofort tot um. Die poly- und perfluorierten Alkylsubstanzen – kurz PFAS – entfalten ihre Wirkung in der Regel langfristig. Den Verbindungen kommt quasi zugute, dass sie beinahe ewig halten. Und das ist genau ein Hauptproblem. Rund 4000 dieser chemischen Verbindungen sind zum Teil seit den 1970er-Jahren weltweit auf dem Markt. Sie werden eingesetzt, um die Streich- und Fliesseigenschaften von Flüssigkeiten zu verbessern und sie sind stark wasser- und fettabweisend.

Mit diesen Eigenschaften tauchen sie in zahlreichen Konsumgütern auf; etwa in Outdoor-Bekleidungen, Imprägniermitteln, Nahrungsmittelverpackungen, teflonbeschichteten Pfannen aber auch in Körperpflegeprodukten wie Hautcremes. Die Verbindungen sind aber auch Bestandteil von Feuerlöschschäumen, wie sie auf Flughäfen verwendet werden. Tatsächlich sind die Stoffe beinahe allgegenwärtig.

Die Verbindungen bestehen in der Hauptsache aus Kohlenstoff und Fluor. Das Fluor ist im Wesentlichen für die erwünschten Eigenschaften verantwortlich. PFAS bauen sich in der Umwelt kaum ab und zum Teil werden sie im menschlichen Körper nur sehr langsam ausgeschieden.

Und: Sie schaden der Gesundheit. «Beim Menschen können PFAS Leber und Nieren schädigen, sowie das Immunsystem schwächen», sagt der ETH Umweltchemiker Martin Scheringer. Im Tierversuch wurde festgestellt, dass der Nachwuchs von Tieren, die den Substanzen ausgesetzt waren, kleiner und leichter zur Welt kommt als bei Vergleichstieren ohne PFAS-Belastung. «Einige PFAS sind im Tierversuch krebserregend», sagt Scheringer, der sich schon seit über zehn Jahren mit diesen Verbindungen befasst.

Der Wissenschaftler hat in seinem Zukunftsblog auf der Website der ETH Zürich kürzlich Alarm geschlagen. PFAS stellen nicht nur aus seiner Sicht ein «gröberes Problem dar». Die Wissenschaft ist sich in dieser Einschätzung laut Scheringer weitgehend einig.

Mehr oder weniger schädlich

Der Forscher räumt ein, dass man bisher erst ein paar der gut 4000 Substanzen genau auf ihre Schädlichkeit untersucht hat. Alle hätten sich als mehr oder weniger gesundheitsschädigend herausgestellt. Allerdings seien die Untersuchungen sehr aufwendig und sie wären aufgrund der grossen Zahl an existierenden Verbindungen auch nicht in einem sinnvollen Zeitrahmen zu bewältigen.

Die herstellende Industrie sieht die PFAS-Problematik freilich anders. Sie anerkennt die Schädlichkeit einzig bei jenen Substanzen, bei denen sie zweifelsfrei bewiesen ist. Diese werden dann oft durch ein anderes PFAS ersetzt. «Häufig ist das neue Produkt aber ebenfalls problematisch», sagt Scheringer. Die Industrie sehe das Problem dann aber als erledigt an.

Tatsächlich ist die PFAS-Thematik in der breiten Öffentlichkeit noch nicht angekommen. Das mag in Anbetracht der Problematik erstaunen. Scheringer bestätigt den mangelhaften Informationsstand in der Bevölkerung. Die Zahl der problematischen Chemikalien sei – über die PFAS hinaus – derart gross, dass sich die einzelnen Themen quasi gegenseitig erschlagen würden. Die Bevölkerung müsse sich schon mit Pestiziden, Mikroplastik und so weiter befassen. Da sei es schwierig, für das sperrige Thema PFAS Aufmerksamkeit zu bekommen.

Früher war der Umgang sorglos

Dass man sich heute mit PFAS beschäftigen müsse, habe mit der Sorglosigkeit zu tun, mit der man in den 1970er-Jahren mit Chemikalien umgegangen sei. «Damals wurde nicht gross danach gefragt, ob solche Stoffe schädlich sind, bevor man sie einsetzte», sagt Scheringer. Ähnliches spielte sich beispielsweise auch beim Asbest ab. Die Quittung kriege man heute präsentiert.

Was die PFAS angeht, verweist Scheringer auch auf Gerichtsurteile aus den USA. Dort hätten Verschmutzungen des Grundwassers zu gesundheitlichen Schäden bei Anwohnern geführt. In mehreren Fällen hätten sich die Betroffenen vor Gericht hohe Entschädigungssummen erkämpft.

Immerhin haben sich vor einem Jahr – unter anderem auf Initiative von Martin Scheringer – über 30 Wissenschaftler und Behördenvertreter aus 14 Ländern in Zürich zu einem Workshop getroffen. Ziel war es, eine Strategie für den Umgang mit PFAS zu entwickeln. Aus den Diskussionen ist die «Erklärung von Zürich» entstanden. Die Fachleute sind sich einig, dass die Regulierung von Substanzen, die – wie die PFAS – extrem langlebig sind, überdacht werden muss.

Nach heutiger Praxis muss zuerst die unerwünschte Wirkung auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt nachgewiesen werden, bevor eine Chemikalie verboten wird. Gerade bei Verbindungen wie den PFAS – alle bisher untersuchten PFAS sind schädlich – macht dies laut den Fachleuten keinen Sinn. Bis der Nachweis für jede Substanz erbracht sei, würden nämlich erhebliche Mengen in die Umwelt gelangen. Diese würden dann für Jahrzehnte oder Jahrhunderte zirkulieren und die menschliche Nahrung und das Trinkwasser kontaminieren.

Die Fachleute wollen deshalb zwischen essenziellen und nicht-essenziellen Anwendungen von PFAS unterscheiden. Essentiell wäre etwa der Einsatz in Hydraulikflüssigkeiten oder als Isolier- und Dichtematerialien in Luft- und Raumfahrt. In vielen Konsumgütern seien PFAS hingegen nicht unerlässlich. Solche Anwendungen sollten aus Sicht der Fachleute mit hoher Priorität unterbunden werden.