Zürich-Affoltern
Pfarrer Sieber realisiert einen alten Traum nach vielen Jahren

In Zürich Affoltern entsteht ein Selbsthilfedorf für rund 35 Randständige. Obwohl Einheimische skeptisch sind, stehen dem auf zehn Jahre befristeten Projekt von Pfarrer Sieber kaum mehr Hindernisse im Weg.

Thomas Schraner
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Pfarrer Ernst Sieber. wal

Pfarrer Ernst Sieber. wal

Limmattaler Zeitung

«Ich bin überglücklich, dass ich hier meinen Traum verwirklichen kann», frohlockte der 84-jährige Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber gestern vor den Medien. Er hatte diese auf die knapp 3000 Quadratmeter grosse Parzelle in Affoltern gerufen, wo sein Traum Wirklichkeit werden soll. Dort, an der Zehntenhausstrasse 63/65, ist das Baugespann für die drei zweigeschossigen Gebäude bereits ausgesteckt. Ende September soll mit dem Bau begonnen werden, so dass die Unterkünfte im «Dörfli Brothuuse» ab November zur Verfügung stehen. Voraussetzung ist allerdings, dass es zu keinen Verzögerungen durch Einsprachen kommt. Danach sieht es aber zurzeit nicht aus (siehe Box).

Wohngemeinschaften

Rund 35 Randständige sollen in Brothuuse vorübergehend eine neue Heimat finden. Ursprünglich war die Rede von 50 Plätzen. Aus Komfortgründen habe man die Zahl reduziert, sagte Christoph Zingg, Gesamtleiter der Stiftung Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS). Die Unterkünfte befinden sich in zwei der drei Gebäude. Gebaut werden fünf Wohneinheiten mit Wohnküchen und 33 Zimmer, die je zehn Quadratmeter gross sind. Vorgesehen ist, dass die Leute in Wohngemeinschaften leben. Im separaten mittleren Gebäude, wo die Dörflileitung und die Technik untergebracht sind, befindet sich auch ein Gemeinschaftsraum für Gottesdienste.

Dorfplatz mit grossem Kreuz

Wer wird in Brothuuse aufgenommen? Einen strengen Kriterienkatalog gebe es nicht, sagte Zingg. Im Gespräch entscheide sich, wer zum Zug kommt und wer nicht. Nötig sei die Bereitschaft, Arbeiten zu übernehmen und sich ins Projekt zu integrieren. Dazu gehöre auch, an den sonntäglichen Gottesdiensten teilzunehmen. Eine maximale Verweildauer für die Bewohner gibt es laut Zingg nicht. Im Durchschnitt verblieben die Leute rund dreieinhalb Jahre.

Nachbarn sind nicht begeistert vom Projekt

Direkte Nachbarin von Pfarrer Siebers Projekt ist die Fördertechnik-Firma Meili. «Begeistert sind wir nicht», sagen die Inhaber Viktor und Roland Meili, «aber wir wurden sauber informiert.» Sie wären berechtigt, anlässlich der Bauausschreibung Einsprache zu erheben, wollen aber darauf verzichten.

Skeptisch ist auch Pia Meier, Vorstandsmitglied der Quartiervereins. «Es sind Ängste da, dass die Randständigen herumlungern und betteln werden.» Allerdings anerkenne sie Siebers Arbeit und wolle das Projekt nicht wegen gewisser Bedenken ablehnen. Meier glaubt nicht, dass es viele Einsprachen geben wird. Sie selber ist als Nicht-Nachbarin dazu nicht berechtigt.

Sorgen wegen herumhängenden Randständigen macht sich Fausto Huber, der in einer nahe gelegenen Wohnsiedlung lebt. «Da kommen ja sicher nicht alles musterhafte Leute», gibt der alteingesessene Rentner zu bedenken.

Solche Sorgen versucht Christian Klaus, ebenfalls Rentner in Affoltern, zu zerstreuen. Als freiwilliger Mitarbeiter in Siebers Pfuusbus, kenne er die Klientel. «Man braucht sich nicht mehr oder weniger Sorgen zu machen als beim Zuzug anderer Leute.» Wer sich belästigt fühle, könne sich in der neuen Siedlung beschweren und werde ernst genommen. Affoltern wachse rasant - mit all den negativen Folgeerscheinungen. Da heisse es rasch einmal: «Und jetzt kommen auch noch die.»

Vorläufer war «Brotstube»

Dabei handelt es sich um einen Erfahrungswert aus dem Vorläuferprojekt «Brotstube» an der Binzmühlestrasse in Zürich, wo 11 Wohnungen für 35 Bewohner zur Verfügung standen. Die Brotstube war von Anfang an als Provisorium deklariert und musste einem Hotel weichen. Rund 70 Prozent der Brotstuben-Leute ziehen nun nach Affoltern um.

Die dortige Bauparzelle gehört der Stadt Zürich. Sie verpachtet das Land der Sieber-Stiftung für jährlich 45000 Franken. Die Laufzeit des Vertrags beträgt fünf Jahre, ist aber verlängerbar um fünf Jahre. Die Stiftung rechnet mit Kosten von 2,5 Millionen für den Bau und einer halben Million für den Betrieb bei einer zehnjährigen Laufzeit. Laut Zingg ist die Stiftung seit 2005 finanziell wieder gesund und in der Lage, die Investitionen selber zu tragen. Als Wermutstropfen bezeichnete er den Umstand, dass Brothuuse wie andere Sieber-Einrichtungen ein Provisorium ist.

Nicht nur Drogensüchtige

Die Idee, ein Selbsthilfedorf für Randständige aufzubauen, treibt Pfarrer Sieber schon lange um. Als EVP-Nationalrat hatte er 1993 eine Motion eingereicht, um ein solches Dorf für ausstiegswillige Drogenabhängige aufbauen zu können. Unter dem Eindruck der ausufernden Zürcher Drogenszene stimmte damals sogar die SVP zu. Es tat sich aber nichts, so dass die EVP noch 2007 den Bundesrat vergeblich mahnte, Siebers Traum endlich zu erfüllen. Nun hat der Zürcher Stadtrat dem Traum nachgeholfen. Allerdings richtet sich das Projekt nicht mehr an akut Drogensüchtige, sondern allgemein Menschen in Notsituationen, wie Zingg sagte.

Sieber versuchte, den Einwohnern von Affoltern die Furcht vor den neuen Bewohnern zu nehmen. «Ihr müsst keine Angst haben. Es kommen anständige Menschen, die sich bewusst sind, was sie der Nachbarschaft schuldig sind.» Als Beweis liess er ein Schreiben des Gemeindepräsidenten von Urdorf verlesen, worin es heisst, der Betrieb des ehemaligen «Ur-Dörfli» in Urdorf habe während all der 16 Jahre zu keinen nennenswerten Problemen geführt.