Vor rund 6000 Jahren erstellten Pfahlbauer dort, wo heute das Zürcher Seefeld ist, erste Siedlungen. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse über ihre Lebensweise. Der Grund: Die Auswertung der archäologischen Funde, die beim Bau des Parkhauses Opéra und des neuen Sechseläutenplatzes in den Jahren 2010 bis 2011 gemacht wurden, ist weitgehend abgeschlossen. Dies teilte die Zürcher Baudirektion gestern mit.

«Neu haben wir Grundrisse, die zeigen, wie die Dörfer aussahen», sagt Christian Harb, Projektleiter der Zürcher Kantonsarchäologie, die die Grabung zusammen mit Fachleuten des Amts für Städtebau der Stadt Zürich auswertet. So umfasste die älteste bei den Opéra-Grabungen gefundene Siedlung 13 Gebäude, die in einer Reihe mit den Giebelseiten zum Wasser standen. Seeseitig war die um 3230 vor Christus erbaute Siedlung durch eine Palisade geschützt. Landseitig waren die Häuser jener ersten Siedlung über einen Weg entlang des Ufers erschlossen.

Vergleiche mit früheren archäologischen Grabungen ergaben: Um 3200 vor Christus gab es im Zürcher Seefeld eine kleine Agglomeration von verschiedenen Dörfern, die im Umkreis von wenigen hundert Metern gleichzeitig existierten. In den Dörfern der Zürcher Steinzeit-Agglo lebten laut Harb insgesamt ein paar hundert Menschen.

Mehrere Pfahlbauer-Siedlungsphasen folgten in den anschliessenden rund 450 Jahren am Sechseläutenplatz. Sie lassen sich mittels Analyse der verwendeten Hölzer fast aufs Jahr genau datieren. Auffällig: Die Siedlungen standen meistens nur 10 bis 20 Jahre. Dann wurden sie – oft ganz in der Nähe – wieder neu aufgebaut. «Die Häuser standen im Wasser und im feuchten Boden und waren daher schnell baufällig», erklärt Harb. Zwar seien die Pfahlbauer gute Handwerker gewesen. Doch langlebige Häuser entsprachen offenbar nicht ihrem Lebensstil.

Sie assen auch Hunde

Dieser lässt sich jetzt auch aufgrund der Opéra-Grabungen genauer beschreiben. «Die Pfahlbauer waren Bauern. Sie bauten Getreide an und betrieben Viehzucht», so Harb. Nebst Fleisch von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen assen sie auch Hund. Hundefleisch spielte auf ihrer Speisekarte aber eine untergeordnete Rolle. Zur Lebensweise der Pfahlbauer gehörte auch die Fischerei sowie die Jagd.

Mit Einbäumen paddelten sie auf den Zürichsee, um Felchen zu fangen. Für andere Fische kamen vorwiegend Stellnetze zum Einsatz. Und mit Pfeil und Bogen, wahrscheinlich auch mit Fallen, jagten sie nach Rothirschen, Wildsauen, Mardern, Wildkatzen und Füchsen – teils zwecks Ernährung, teils zwecks Bekleidung mit Fellen. Apropos Kleider: Zwei Hüte und ein Umhang aus Lindenbast zählen ebenfalls zu den Opéra-Funden.

Die Pfahlbauten waren rund 4 Meter breit und 8 bis 15 Meter lang. Dabei ist unklar, ob diese Grundrisse ganz überbaut oder teils auch als Terrassen genutzt wurden. «Wahrscheinlich handelte es sich um einstöckige Häuser mit jeweils nur einem Raum», so Harb. Die Häuser hatten Türen aus Holz und Schindeldächer, wie die Grabungen am Sechseläutenplatz weiter ergaben.

Ihren Bewohnern bot sich Gelegenheit zu Kontakten mit anderen Pfahlbauern rund um den Zürichsee: Das Zürcher Seebecken stellt laut einer soeben erschienenen Fachpublikation der Kantonsarchäologie «eine der in prähistorischer Zeit am intensivsten besiedelten Strandplatten im ganzen Alpenraum» dar.

Vereinzelt gab dort offenbar auch überregional Reisende. Darauf weisen Feuersteine aus dem Pariser Becken und aus Norditalien hin, auf die Archäologen in Zürich stiessen. Solche Importe sind unter den mehreren tausend am Sechseläutenplatz gefundenen Feuersteinen laut Harb allerdings die Ausnahme.

Ein gespaltenes Dorf

Eine Besonderheit weist eine Siedlung im Gebiet Sechseläutenplatz aus der Zeit um 3170 vor unserer Zeitrechnung auf: Mitten durchs Dorf führte ein dichter Zaun aus dünnen Pappeln und unterteilte es in zwei Hälften. Laut Harb lebten damals offenbar zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen in dem Dorf: Die auf der einen Seite des Zauns benutzte Werkzeuge, die anders gefertigt waren als jene der Steinzeit-Zürcher jenseits des Zauns.

Wie es mit dem gespaltenen Dorf weiterging, ist unbekannt: Aus der nächsten Siedlungsphase, die auf die Zeit um 3090 datiert ist, sind nur wenige Pfähle erhalten.