Entwicklungshilfe

PET als Währung: Dieser Student verwandelt Plastikabfall zu Geld für den guten Zweck

Der Zürcher Student Khalil Radi hat in Nicaragua PET-Flaschen als Währung eingeführt – mit dem gesammelten Abfall sollen nun Häuser gebaut werden. Wer zehn PET- Flaschen mitbringt, kriegt Essen und Trinken. Seine Idee wurde zum Erfolg.

Wer zehn PET-Flaschen mitbringt, erhält dafür eine warme Mahlzeit inklusive Getränk. So lautet die Idee hinter dem Projekt «Buy food with plastic» (zu Deutsch: Kauf Essen mit Plastik). Und sie schlug ein. 180 Personen folgten dem Aufruf und kamen zu diesem Anlass, der Anfang Juli im Südwesten von Nicaragua zum ersten Mal stattfand. Seither wurde der Event vier weitere Male durchgeführt.

«Ziel ist, dass wir monatlich Plastikflaschen einsammeln und den Menschen dort dafür zu essen geben», sagt Initiant Khalil Radi. Der Zürcher Student mit schweizerisch-marokkanischen Wurzeln ist 24 Jahre alt und besucht den Lehrgang International Management an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Zu seiner Ausbildung gehört auch ein einjähriger Auslandaufenthalt. Radis Destination war Kolumbien. In den Semesterferien reiste er nach Nicaragua, um dort seiner Passion, dem Surfen, nachzugehen.

Am Anfang steht der Abfall

Auf die politischen Unruhen, die das Land jüngst in eine Tourismuskrise stürzten, folgte die Arbeitslosigkeit und damit das fehlende Geld, um Essen zu kaufen. Zum anderen fehlt im lateinamerikanischen Land seit je ein Abfall- respektive Recyclingsystem. «Es gibt eine Frau, die reist durch das Land, sammelt Plastik ein und verkauft ihn nach China», sagt Radi. Auf sie stiess er, als er bereits sein Projekt an die Hand genommen hatte.

Auf das Plastikproblem aber stiess er vorher – wortwörtlich beim Surfen. «Stellenweise begegneten mir Plastikhaufen», sagt der Student. Es sei nicht so, dass Nicaragua zugemüllt sei. Oft werde der Plastik auch einfach vor den Häusern verbrannt. Im Gespräch mit anderen Surfern wurde er auf den Geldmangel und damit das fehlende Essen aufmerksam.

Eins und eins zusammengezählt, kam Radi auf die Idee, Plastik als Währung zu etablieren und den Menschen dafür etwas zu geben. «Einfach gratis Essen abgeben löst das Problem nicht. Die Leute brauchen eine Aufgabe», sagt der junge Mann.

So trommelte er zusammen mit seinem nicaraguanischen Freund Jaffet Davila ein zwölfköpfiges Helferteam zusammen, sammelte Geld, stellte eine Einkaufsliste zusammen, suchte einen Veranstaltungsort und machte Mund-zu-Mund-Propaganda auf den Strassen des Küstenortes Popoyo und in den sozialen Medien.

«Die Resonanz der Leute hat mich umgehauen», sagt Radi. Knapp 2000 PET-Flaschen sind beim ersten Anlass zusammengekommen. «90 Prozent waren Pepsi-Flaschen. Das Getränk ist billiger als Wasser», sagt Radi und schüttelt den Kopf.

Und was passierte im Anschluss mit dem ganzen Abfall? «Eine Deutsche, die im Ort ein Café betreibt, wollte damit ein Haus bauen», sagt Radi. Die restlichen Male habe man die PET-Flaschen über die Plastiksammlerin an die Chinesen weiterverkauft. «Dort stellt eine Firma aus dem Plastik Schnüre und Textilien her», so Radi.

Ohne Bildung keine Entwicklung

Seit ein paar Wochen ist der Student nun wieder in Zürich. Er betreut von hier aus die sozialen Medien. Mittlerweile hat er hier Hilfe von Freiwilligen. Sie helfen bei der Website, dem Marketing und dem Einholen von Spendengeldern mit. Das Team in Nicaragua wird weiterhin von Radis Freund Davila organisiert. Lediglich das Geld für den Einkauf der Lebensmittel erhalten sie von Radi. «Ein Event mit 150 Mahlzeiten und Getränken sowie zwölf Löhnen kostet rund 250 Dollar», sagt er.

Davila und sein Team erhalten für den Aufwand und die Zeit etwas Geld. Ziel von Radi ist es, dass die Leute in Nicaragua sich irgendwann vollständig selber organisieren können und das Projekt damit selbsttragend wird. Auch Touristen seien bei den Anlässen willkommen: «Für sie gibt es eine Mahlzeit, wenn sie fünf PET-Flaschen abgeben und fünf Dollar bezahlen», sagt Radi.

Im Rahmen der Sammelaktionen organisiert das Team von «Buy food with plastic» Filmabende oder Vorträge von lokalen Lehrpersonen. Die Themen drehen sich dann meistens um den Umweltschutz, Ökologie oder Recycling. «Bildung ist das wichtigste Gut auf dem Weg der Entwicklung», sagt Radi. Weil sein Leben dahingehend privilegiert sei, wolle er etwas zurückgeben.

Zudem soll das Projekt noch erweitert werden, damit der Hausbau aus PET-Flaschen keine einmalige Aktion bleibe. «Wie es bei der Entwicklung so ist, es geht langsam vorwärts», sagt Radi. So bewegt sich das Projekt auch Schritt für Schritt auf die nächste PET-Flaschen-Sammelaktion zu. Die findet Anfang November statt. Radis Traum ist es, dass sich diese Veranstaltungen zu einer Bewegung entwickeln, die über die Grenzen Nicaraguas hinausreicht.

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