Eine schwarze Limousine parkiert auf dem Platz beim Grossmünster. Mehrere breitschultrige Herren in dunklen Anzügen stehen an strategischen Punkten und über fünfzig Personen warten. Angekündigt wird am Dienstagabend «Ihre Exzellenz, die Botschafterin der Vereinigten Staaten von Amerika». Zuerst sieht man aber nur einen Selfie-Stick.

Als die US-Botschafterin Suzan LeVine am Erkerfenster des Zentrums Karl der Grosse erscheint, filmt sie zuerst ihr Publikum, platziert dann das Smartphone für den Live-Stream auf Facebook neben sich und beginnt zu sprechen: «O Romeo, Romeo, wherefore art thou Romeo?» 

Der beste Moment

Trotz Rede am Balkon gehe es aber nicht um Shakespeare, sagt die Botschafterin sogleich und kann den ersten Lacher ernten. Vielmehr sei der Erker ein «window of opportunity». Das gibt die optimistische Richtung der englischsprachigen Winterrede der 46-Jährigen vor. Damit eröffnet sie die diesjährigen «Karls Winterreden». Die Reihe dauert noch bis 29. Januar.

«Heute ist der beste Moment, um auf der Welt zu sein», sagt die Botschafterin am Erkerfenster und ein paar Leute, die auf dem Platz gewartet haben, gehen bereits wieder. LeVine reagiert: «Denken Sie jetzt nicht, das sage ich nur, weil ich eine dieser überoptimistischen Amerikanerinnen bin.» Vielmehr lasse sich das statistisch belegen. Noch nie sei die Weltbevölkerung so gesund, gebildet und informiert gewesen wie heute.

Drei V zur Weltverbesserung

Zwar sei das schwer zu glauben, wenn man in den Sozialen Medien aktiv sei, sagt die Botschafterin und lässt alle mehrfach die Hände heben, die kürzlich Facebook, Twitter oder Instagram genutzt haben. Etwas körperliche Betätigung tue gut, witzelt sie. Ihr Publikum solle schliesslich nicht frieren. Wichtig seien aber nicht die Schreckensnachrichten, sondern «the bigger picture».

Ganz in der Tradition der amerikanischen Pep Talks ruft LeVine dazu auf, sich zu überlegen, wie man die Welt zu einem besseren Ort machen könne. Sie empfehle die drei V: «vote» (wähle), sonst dürfe man sich nicht beklagen, «volunteer» (melde dich freiwillig) und «voice» (Stimme). Es sei wichtig, dafür einzustehen, woran man glaube, aber genauso wichtig, den anderen Stimmen zuzuhören. Sie beginne 2016 mit grosser Hoffnung, sagt LeVine, dass es ein «wahrhaft unglaubliches Jahr wird.»

Der Applaus auf dem Platz ist gross, auch wenn sich nur wenige Passanten zu den Wartenden gesellt haben. Nach der Rede versammeln sich im Restaurant Karl der Grosse einige «Fans» zum Glühwein mit der Botschafterin. Sie wollen Fragen stellen zur US-Migrationspolitik, ihrer Erfahrung mit dem dualen Bildungssystem in der Schweiz und, was man als Amerikaner den Schweizern mitgeben könne. Vor der ersten Frage macht LeVine die Runde und stellt sich jedem vor: «Hi, I’m Suzie». Ihre Exzellenz ist sympathisch und volksnah – trotz den breitschultrigen Herren, die nun beim Eingang stehen.