Zürich
Patrick Gmür über die zunehmende Verdichtung: «Ich hoffe, dass wir tolerant bleiben»

Zürichs scheidender Stadtbaumeister über die Folgen der Verdichtung.

Matthias Scharrer
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«Der grösste Frust war das Nein zum Fussballstadion», sagt Gmür.zvg

«Der grösste Frust war das Nein zum Fussballstadion», sagt Gmür.zvg

Juliet Haller Amt fur Stadtebau

Herr Gmür, nach sieben Jahren treten Sie als Zürichs Stadtbaumeister zurück. Ihre Amtszeit fiel in eine Zeit des Baubooms. Der vorherrschende Häusertyp dieser Boomzeit sind klotzige Bauten mit Flachdach und grossen Fenstern. Wie kommt das?

Patrick Gmür: Für Bauherren gibt es heute kaum neues Bauland. Also will man das vorhandene möglichst maximal ausnützen. Das führt dazu, dass die Häuser alle etwas grösser und breiter werden. Und die grossen Fenster entsprechen einem Bedürfnis nach Luft und Licht. Wenn wir das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft ernst nehmen, müssen wir das aber hinterfragen. Beim Fensterrahmen passiert immer der grösste Wärmeverlust. Es braucht eine Veränderung. Vielleicht sehen wir in zehn Jahren wieder mehr Häuser mit kleineren Fenstern.

Eine Stadt braucht auch Vielfalt. Was derzeit in den städtischen Ballungsräumen neu gebaut wird, wirkt eher wie ein Einheitsbrei...

Architektur ist nicht gefeit vom Zeitgeist. Ob das richtig ist oder, wie Sie andeuten, Monotonie erzeugt, kann man sich fragen. Aber man muss auch sehen: Wenn man den Kostendruck hat und günstige Wohnungen bauen will, hat man gar nicht so viele Möglichkeiten.

Ist der Kostendruck der wahre Stadtbaumeister und Architekt?

Die Kostenoptimierung beschäftigt jeden Planer und Architekten.

Ist das mit ein Grund, warum Sie jetzt als Direktor des Amts für Städtebau aufhören?

Nein. Das hat mit meiner Biografie zu tun. Ich habe das Bauen als Architekt enorm geschätzt. Der Stadtbaumeister baut heute nicht mehr, und das ist wohl auch richtig so. Ich will wieder bauen. Deshalb will ich jetzt, mit 55 Jahren, den Beruf wechseln.

Was macht den grossen Unterschied aus?

In meiner jetzigen Stelle bin ich unter anderem für die architektonische Begutachtung von rund 3500 Baueingaben pro Jahr zuständig. Hinzu kommt die ganze Zukunftsplanung. Das ist total interessant. Aber als Architekt kann ich am Ende durch ein Produkt meiner Arbeit hindurchlaufen, das ich spüre. In der heutigen Stadtplanung dauert hingegen alles sehr lange, und viele reden mit. Das ist auch gut so. Aber ich will ehrlich sein: Es hat manchmal auch etwas Ermüdendes. Trotzdem: Der Job, den ich jetzt sieben Jahre lang bei der Stadt Zürich hatte, ist einer der interessantesten im deutschsprachigen Raum. Die architektonische Qualität in der Stadt Zürich ist ausserordentlich hoch, wie die diesjährigen Auszeichnungen für gute Bauten zeigen.

Sind Sie mit der städtebaulichen Entwicklung von Zürich in den letzten sieben Jahren zufrieden – oder ging es auch in Richtungen, die Ihnen nicht passen?

Der grösste Frust war sicher das knappe Nein zum Fussballstadion. Wir haben viel Energie für dieses Projekt aufgewendet. Aber das gehört dazu, so sind eben die demokratischen Spielregeln. Gefreut hat mich, dass in meiner Amtszeit viel gebaut wurde. Nicht alles war gleich gut. Aber grundsätzlich war ich sehr angetan von dieser Arbeit, alle wollten immer gute Lösungen. Gleichzeitig geht es beim Bauen immer um viel Geld. Und wo es um viel Geld geht, wird oft mit harten Bandagen gekämpft. Es gab viele Sitzungen, an denen hart um Lösungen gerungen wurde. Aber meistens kam es recht gut heraus.

Gibt es in Boomquartieren Fehlentwicklungen, weil alles viel zu schnell gewachsen ist?

Fehlentwicklungen nicht. Aber man muss von Zeit zu Zeit überprüfen, ob die getroffenen Annahmen sich als richtig erweisen. Nehmen wir als Beispiel Zürich-West. Der Anspruch war immer, dass dort besonders gut gebaut wird. Was man aber wohl besser machen könnte, ist die Erdgeschossnutzung. Ich bin mir nicht sicher, ob es langfristig zu einer guten Entwicklung führt, wenn bis ins Erdgeschoss hinunter gewohnt wird. Die Schwierigkeit ist jedoch: Gibt es so viele Beizen und Läden, um all die Erdgeschosse zu beleben? Gerade in unserer Welt, die sich so verändert mit dem Internet, muss man ja kaum noch aus dem Haus heraus, sondern kann alles online bestellen. Das hat für unsere Stadt Folgen. Aber grundsätzlich bin ich überzeugt: Zürich ist auf einem guten Weg.

Und wenn Sie über Zürichs Grenzen hinausblicken, sehen Sie dort Fehlentwicklungen im Bauboom, der ja die ganze Agglomeration erfasst hat?

Wir werden oft kritisiert, weil wir uns mit unserer architektonischen Beratung stark einmischen. Aber wenn ich am Sonntag spazieren oder wandern gehe, bin ich manchmal ganz froh, in Zürich zu wohnen. Wenn man beim Bauen einfach alles machen kann, wird es nicht besser.

Gibt es in der Agglomeration zu wenig Qualitätskontrollen beim Bauen?

In der Stadt Zürich ist man privilegiert, die Verwaltung ist relativ gross und professionell aufgestellt. Wenn es in einer Gemeinde nur einen Bausekretär gibt, der zudem noch diverse andere Aufgaben hat, hat er natürlich ein weiteres Feld. Man darf aber die Auflagen auch nicht überladen. Sie müssen lösbar sein.

Stossen bei 3500 Baubewilligungen pro Jahr auch die Zürcher Baubehörden an Kapazitätsgrenzen?

Zürich wächst um 6000 bis 7000 Leute pro Jahr. Das sind Zahlen wie in Wien – eine wahnsinnige Herausforderung. Sechs bis acht Prozent davon sind schulpflichtig. Es braucht somit etwa ein neues Schulhaus pro Jahr. Und bevor wir das finanzieren, müssten wir auch noch das nötige Land haben. Das sind die Herausforderungen der Zukunft: Wie können wir die Infrastrukturen schaffen – und die nötigen Freiräume? Das Wachstum muss mit Qualität verbunden sein.

Wie sieht Zürich in 20 Jahren aus?

Hoffentlich immer noch wie Zürich. Aber Zürich wird dichter, urbaner. Die öffentlichen Räume werden noch mehr genützt. Ich hoffe, dass wir uns dieser gesellschaftlichen Aufgaben bewusst sind und tolerant bleiben oder werden.