Hausbesetzungen
Party in Abbruchobjekt heizt wohnpolitische Debatte weiter an

Die Spuren einer Hausbesetzerparty im Abbruchobjekt an der Hottingerstrasse 44 sind noch deutlich sichtbar – verschmierte Wände, auf denen teils antisemitische Sprüche prangen, zersplitterte Scheiben. Auch Häuser der Umgebung sind betroffen.

Matthias Scharrer
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Am Wochenende besetzt: Liegenschaft am Hottingerplatz in Zürich.mts

Am Wochenende besetzt: Liegenschaft am Hottingerplatz in Zürich.mts

«Ich bin schockiert», sagt Thomas Wäber, der Besitzer der Liegenschaft. «Dass das passieren konnte, zeigt auch die Perspektivlosigkeit der Besetzer auf.» Irritiert habe ihn, dass die Polizei sie gewähren liess – obwohl er nachvollziehen könne, was Stadtpolizei-Sprecher Marco Cortesi am Sonntag gegenüber «Tele Züri» erklärte: Dass es abzuwägen galt zwischen Schäden an einer Abbruchliegenschaft und Lärmbelästigung einerseits und der Gefahr von gewaltsamen Ausschreitungen bei einem polizeilichen Eingreifen andererseits.

In der Nacht von Freitag auf Samstag waren die Besetzer eingedrungen in die beiden Häuser, die Wäbers Grossvater vor rund 80 Jahren gekauft hatte. Sie standen laut Wäber seit 15. Oktober leer, als die letzten Mieter auszogen. Bis Weihnachten soll der Häuserkomplex abgerissen werden, um einem Neubau mit Wohnungen und Ladenlokalen zu weichen. Die Baubewilligung liegt laut Wäber vor.

Juso veröffentlichte Häuser-Liste

Die Hausbesetzer-Party fällt in eine wohnpolitisch aufgeheizte Zeit: Vor einem Monat hatten die Jungsozialisten des Kantons Zürich eine Internetseite lanciert, auf der leer stehende Häuser aufgelistet werden – und gleichzeitig Hausbesetzungen zum wohnpolitischen Signal erklärt.

War die Besetzer-Party am Hottingerplatz eine Folge davon? «Das Haus war nicht auf unserer Homepage», sagt Ursula Näf, Co-Präsidentin Juso Kanton Zürich. «Aber die Besetzung zeigt, dass das Thema leer stehende Häuser in gewissen Kreisen enorm präsent ist. Als Mieter kommt man sich manchmal ohnmächtig vor.» Der Juso-Aufruf, leer stehende Häuser zu melden, habe viele Reaktionen ausgelöst. Derzeit sind auf der Liste der Juso für die Stadt Zürich sieben Häuser aufgeführt.

Zwar stehe nur ein sehr geringer Anteil der Häuser in Zürich länger leer. «Aber angesichts der herrschenden Wohnungsnot ist dies unhaltbar», sagt Näf.

Für Marc Bourgeois, FDP-Vertreter im Zürcher Stadtparlament, sind leer stehende Häuser kein Spekulationsskandal. Er zeigt Verständnis für die Hausbesitzer. «Die Bewilligungsverfahren sind langwierig. Das führt dazu, dass man gewisse leere Häuser hat.» Im Übrigen sei die Liste der leer stehenden Häuser, die die Juso publizierte, ein «Schuss in den Ofen». Als Folge davon hätten manche Hausbesitzer ihre Häuser unbewohnbar gemacht, um Besetzungen zuvorzukommen.

Doch das Thema bleibt auf der Zürcher Politagenda: Die Winterthurer SP-Kantonsrätin Mattea Meyer reichte kürzlich eine parlamentarische Initiative ein. Sie will via Planungs- und Baugesetz Grundeigentümer dazu verpflichten, die Nutzung von Wohnbauten zu ermöglichen. Wer eine Ligenschaft verfallen lässt, müsste gemäss Meyers Vorstoss künftig damit rechnen, dass die jeweilige Gemeinde die Liegenschaft kauft und saniert. «Eigentum verpflichtet», erklärt Meyer dazu.

Im bürgerlich dominierten Zürcher Kantonsrat dürfte ihre Initiative allerdings kaum mehrheitsfähig sein.