Herr Steiger*, wenn die Polizei heute eingreift, bleibt das praktisch nie unbeobachtet. Schaulustige zücken ihre Handys, Videos und Fotos der Aktion landen innert kürzester Zeit im Internet. Wie war das für Sie, als Sie zum ersten Mal gefilmt wurden?

Reto Steiger*:​  Eines vorweg: Begebe ich mich als uniformierter Polizist auf die Strasse, bin ich sehr exponiert. Ich stehe im Fokus, die Menschen schauen mich an. Das weiss ich, deshalb bin ich bei all meinen Handlungen sehr konzentriert. Es spielt für mich gar nicht so eine Rolle, ob dann noch jemand ein Handy zückt. Bei einer Verhaftung kann ich mich nicht auch noch darum kümmern, ob ich gefilmt werde oder nicht.

Aber der Druck ist doch enorm? Würde ich während meiner Arbeit permanent gefilmt, würde jeder Fehler im Internet landen, stünde ich unter Dauerstress.

Ich war schon nervös, als ich das erste Mal einen Streifenwagen lenkte. Parkieren Sie Mal seitwärts ein mit einem Streifenwagen; da bleiben zehn Leute stehen, schauen und warten nur darauf, bis man einen Fehler macht. Die ersten paar Male als junger Polizist hatte ich dabei fast schon Schweissperlen auf der Stirn, das gebe ich gerne zu. In Uniform steht man ständig im Mittelpunkt und dadurch unter Beobachtung – damit umzugehen, ist schwieriger als mit dem Smartphone gefilmt zu werden.

«Ich frage mich, ob unsere Gesellschaft ein Problem hat, wenn Leute bei einem Unfall filmen, bevor sie helfen.»

Dass die Polizei im Fokus steht, ist aber schon seit je her der Fall.

Natürlich klatschen wir nicht in die Hände, wenn Handys hochschnellen. Ob ein Smartphone auf mich gerichtet ist oder 15, das macht aber eigentlich keinen Unterschied – solange ich nicht bei der Arbeit gestört werde. Dass das Ganze intensiver wird, kann ich jedoch nicht wegdiskutieren. 

Was meinen Sie mit intensiver?

Dass immer mehr Leute filmen. Das macht mich nachdenklich. Ich frage mich vor allem, ob unsere Gesellschaft ein Problem hat, wenn Leute bei einem Unfall filmen, bevor sie helfen.

Kommt das oft vor?

Es kommt immer wieder vor. Wir hatten auch schon Einsätze, da waren Bilder auf den Online-Portalen zu sehen, bevor unsere Einsatzzentrale etwas davon wusste. Zum Beispiel bei Unfällen, in die Polizeifahrzeuge verwickelt waren.

Nehmen wir den Fall der Solidaritätskundgebung beim Helvetiaplatz in Zürich, nachdem ein Polizist eine Demonstrantin aus nächster Nähe mit Pfefferspray besprühte. Davon gibt es mehrere Handy-Vidoes, die im Netz kursieren. Der Polizist geriet stark in die Kritik, eine Untersuchung wurde eingeleitet. Wie gehen Sie damit um?

Ja, man hat die Bilder. Das macht meine Arbeit, auch die Arbeit meiner Kollegen beim Mediendienst nicht einfacher. Das beschäftigt einen natürlich. Mit solchen Filmen kann man Hass schüren gegen die Polizei. Dass wir häufig auch ‹Freund und Helfer› sind, wenn wir zum Beispiel einer älteren Person über die Strasse helfen oder diese nach Hause begleiten, das filmt niemand. Das frustriert manchmal schon ein wenig. 

Frustrierend muss es auch sein, dass gewisse Personen Polizisten mit Handy-Fotos und Handy-Videos im Internet gezielt an den Pranger stellen.

Das gab es schon immer und es wird so bleiben. Solche Handlungen laufen in eine Persönlichkeitsverletzung hinein. Man versucht die Urheber zu finden und geht zivilrechtlich gegen sie vor. Leute, die das tun, müssen sich bewusst sein, dass sie belangt werden können.

Sie sagten, Sie haben kein Problem damit, gefilmt zu werden, solange Sie niemand stört. Wie wehren Sie sich, falls dem doch so ist?

Stört jemand gezielt, lassen wir uns das nicht gefallen. Wir können Absperrungen aufstellen oder Leute ermahnen, sie sollen die Amtshandlung nicht stören oder den Ort verlassen. Befolgt dies jemand nicht, können wir diese Person wegweisen oder allenfalls verzeigen. Worauf wir zusätzlich achten müssen, ist dass wir etwa bei der Aufnahme eines Tatbestandes nicht so gefilmt werden, dass Daten ersichtlich sind. Solche sind bekanntlich vertraulich. 

Ihre Arbeit als Polizist hat sich durch das Smartphone aber nur sanft verändert?

Wie soll ich sagen? Ältere Kollegen, die mussten sich sicher umstellen. Und auch für Polizisten-Kollegen in ländlicheren Regionen, die sich das weniger gewohnt sind, dürfte das schwieriger sein. Bei uns gehört das gefilmt werden schlicht und einfach zum Alltag und wir haben uns damit abgefunden.

Wie wurden Sie eigentlich auf den Umgang mit den Gaffern geschult?

Während der Polizeischule haben wir die Problematik als Teil der Psychologieausbildung behandelt. Wir übten verschiedene Einsätze in sogenannten Szenarien-Trainings. Dabei wurden wir gefilmt. Danach schauten wir uns das Video-Material an und lernten, wie zum Beispiel gewisse Gesten rüberkommen und was sie auslösen können. 

* Die Redaktion hat den Namen geändert. Reto Steiger ist seit sechs Jahren Uniformpolizist bei der Stadtpolizei Zürich. Sein Gebiet ist der Kreis 4. Dieser gilt für Polizisten als eines der härtesten Pflaster der Schweiz.

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