Baustelle Durchmesserlinie

Parallelwelt der Gleise im Zürcher Untergrund

Der neue Bahnhof Löwenstrasse unter dem Zürcher Hauptbahnhof ist im Rohbau fertig. Bis Ende 2013 soll auch der Innenausbau beendet sein. Eine Expedition ins Reich der Tunnels unter Sihl und Limmat.

Mit einem ohrenbetäubenden Tuten fährt der Dieselzug aus dem Dunkel des Tunnels heran. Journalisten – von den SBB zu einer Expedition in den Zürcher Untergrund geladen – springen beiseite. Auf dem Zug steht ein Betonmischer. Von dort fliesst durch eine Röhre dickflüssiger Beton. Bauarbeiter betonieren damit das Nebengleis ein.

Wir befinden uns im neuen Bahnhof Löwenstrasse, 16 Meter unter der Halle des Hauptbahnhofs. Über uns liegt eine Zwischenetage mit 3000 Quadratmetern neuen Ladenflächen. «Alles schon vermietet», sagt Roland Kobel, Projektleiter der Durchmesserlinie (siehe Kasten). Noch einen Stock höher liegen die Gleise 4 bis 9 des bestehenden Hauptbahnhofs.

Ein halbes Jahr für Tests

Der vierspurige Bahnhof Löwenstrasse ist nach gut fünf Jahren Bauzeit inzwischen im Rohbau fertig. Bauarbeiter verlegen Bodenplatten, teilweise sind auch schon Deckenverkleidungen montiert.

Ab Juni 2014 soll der neue Bahnhof den oberirdischen provisorischen Bahnhof Sihlpost ersetzen. Bis Ende 2013 wird gemäss Fahrplan der Innenausbau abgeschlossen. Die Arbeiten laufen auf Hochtouren: Auf einer Strecke von elf Kilometern betonieren Bauarbeiter im Bahnhof Löwenstrasse und im daran anschliessenden neuen Weinbergtunnel nach Oerlikon die Gleise ein; diese ruhen auf Kunststoffblöcken, die Vibrationen und Schall besser absorbieren als Schotter-Konstruktionen, wie Kobel erklärt. 16 Weichen werden verlegt; hinzukommen über 400 Kilometer Kabel, 1500 LED-Leuchten, 57 Rolltreppen und 33 Bahnhofsuhren – um nur einige Zahlen zu nennen.

Das meiste Baumaterial liefert der Bauzug, der jeweils dienstags und donnerstags aus dem Güterbahnhof anrollt. Von daher ist genaue Planung nötig. «Für kurzfristige Übungen ist der Zug meistens schon abgefahren», sagt Kobel.

Vom Bahnhof schreiten wir in den Weinbergtunnel. «Das schwarze Kabel oben rechts ist das Funkkabel», erklärt der Projektleiter. Telefonieren soll im neuen Tunnel möglich sein. «Aber keine Downloads von grossen Datenmengen aus dem Internet.» Seine Stimme hallt durch den Tunnel.

Kobel ist ein alter Hase im Tunnelbau. Er wirkte für eine Baufirma unter anderem beim Bau des Gubristtunnels und der Zürcher Westumfahrung mit. Dann wechselte er als Projektleiter Durchmesserlinie zu den SBB. Es wird das letzte Projekt im Berufsleben des 63-Jährigen sein.

«Jetzt sind wir still und leise unter der Limmat hindurchgelaufen – und vorbei am Grab der havarierten Tunnelbohrmaschine», sagt Kobel. Diese hatte vor vier Jahren für Aufregung gesorgt. Unfälle blieben seither laut Kobel aus – «ich lange Holz an!»

Die Endphase des Grossprojekts hat begonnen. Der Kostenrahmen dürfte laut Kobel eingehalten werden. Das halbe Jahr nach Abschluss des Innenausbaus ist für Tests und Bauabnahmen reserviert. Am 15. Juni 2014 rollt dann der erste fahrplanmässige Zug durch das Milliardenbauwerk.

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