«Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert», heisst es in der Schöpfungsgeschichte. Zuerst seien im Paradies noch keine Pflanzen gewachsen, dann sei die Feuchtigkeit aus der Erde gestiegen und habe sie bewässert – von «köstlichen Früchten» ist die Rede in der Bibel.

Auf einer Kiesbank in der Nähe von Thalheim an der Thur leuchten sie rot im grauen Kies – Tomaten. Einst wurden sie auch Paradiesäpfel genannt, in Österreich noch heute Paradeiser. Im kiesigen Flussbett der Thur wachsen dieses Jahr mindestens sieben verschiedenen Tomatensorten: Cherrytomaten, Cocktailtomaten, Datteltomaten, eierförmige Tomaten und längliche San-Marzano-Tomaten.

Wenige Schritte weiter im knirschenden Kies wartet schon die nächste Überraschung: eine Pflanze mit zwei Wassermelonen. Dann die lampionförmigen, essbaren Andenbeeren, Rucola, Minze, Raps, Sonnenblumen, Nachtkerze, Löwenmäulchen, Topinambur, der giftige Stechapfel und eine Zierkürbispflanze. Steigt der Wasserpegel der Thur, wird die Kiesbank zur Insel im Fluss.

Es ist eine Kombination von etwa fünf Faktoren, die dieses Jahr den fruchtenden und blühenden Garten Eden in der Thur erschaffen hat. Erstens: Anders als 2016 und 2017 gab es im Frühling 2018 keinen Spätfrost. Ein solcher Frost hätte die sehr kälteempfindlichen Wassermelonen, Tomaten und Andenbeeren schon als kleine Pflänzchen gleich wieder erfrieren lassen. Die drei Pflanzenarten stammen ursprünglich aus dem warmen Afrika respektive Südamerika. Zweitens: Den sehr warmen und bis weit in den September andauernden Sommer mochten die wärmeliebenden Pflanzen sehr. So wurden etliche der Früchte unter freiem Himmel reif – also ohne Treibhaus oder Folientunnel. Normalerweise ist die Vegetationsdauer in den Breitengraden hierzulande für solche südländischen Pflanzen draussen schlicht zu kurz. Anders dieses Jahr: Laut Meteo Schweiz war heuer der viertwärmste Frühling und drittwärmste Sommer seit Messbeginn im Jahre 1864.

Neue Kiesbänke, neuer Boden

Wer käme schon auf die Idee, Tomaten oder Wassermelonen in den trockenen Kies zu säen? Hier kommt der dritte Faktor ins Spiel: Zwischen den Steinen gibt es sehr feinen, grauen Schlick. Es handelt sich dabei um Sedimente, welche die Thur bei Hochwasser auf der Kiesbank abgelagert hat. Diese Ablagerungen sind sehr fruchtbar und wirken für die Pflanzen wie ein natürlicher Dünger. Auch das nötige Wasser ist nicht weit. Tomaten beispielsweise können über einen Meter tief wurzeln und sich so das Wasser aus dem Flussbett der Thur holen. Übrigens: Fast alle frühen Hochkulturen entstanden im fruchtbaren Schwemmland grosser Flüsse, zum Beispiel des Nils.

Viertens wirkt die Thur wie ein Verkehrsweg für den Transport der Samen. Aus Gärten oder Gärtnereien könnten diese durch Regenfälle in Bäche gespült worden sein. Oder jemand ass am Thurufer im Sommer 2017 eine Wassermelone und spuckte die Kerne ins Wasser. Am wahrscheinlichsten ist der Weg über das Abwasser. Vor allem Tomatensamen, aber auch Kürbis- und Melonenkerne, sind besonders widerstandsfähig. Die Samen der Tomate etwa bleiben also über alle Stufen hindurch keimfähig – vom Tomaten-Mozzarella-Salat durch den Magen bis zur Kiesbank. Und schliesslich fünftens: Bei der streckenweisen Renaturierung der Thur wurden alte Uferverbauungen entfernt. So begann der Fluss wieder zu mäandern, zu schlängeln. Dabei entstanden Kiesbänke – freie Flächen für neue Pflanzen.

Dass dies problematisch sein kann, zeigt die Kiesbank bei Thalheim. Dort wuchern auch fremdländische Pflanzen, welche die einheimische Flora verdrängen, wie etwa die Kanadische Goldrute, der Sommerflieder oder das Drüsige Springkraut. Bei Hochwasser transportiert die Thur Unmengen von Samen dieser Pflanzen flussabwärts. Bleiben sie auf einer kargen, noch nicht bewachsenen Kiesbank liegen, keimen sie ohne Konkurrenz.

«Tomateninseln» auch im Rhein

Auch verwilderte Tomaten oder Wassermelonen sind nicht einheimische Pflanzen, also sogenannte Neophyten. Die Temperaturen hierzulande setzen der Ausbreitung dieser Pflanzen bislang noch Grenzen. Wird das Klima allerdings wärmer, breiten sie sich vermutlich weiter aus. Im Flussbett des deutschen Rheins gibt es das Phänomen verwilderter Tomaten schon länger. Es gibt dort sogar Kiesinseln im Rhein, die im Volksmund als «Tomateninseln» bezeichnet werden.

Ob im Fernsehen auf ARD und RTL oder in diversen Regionalzeitungen: Tomaten und Wassermelonen auf Kiesbänken am Rhein zwischen Bonn und Köln machten in Deutschland Anfang September Schlagzeilen. «Das ist ein reiner Gemüsegarten hier am Rhein», sagte ein Anwohner gegenüber dem TV-Sender RTL. Es sei ungewöhnlich, «so was hat es hier noch nie gegeben».

Zurück zum Garten auf der Kiesbank in der Thur und zur Frage, ob die «Paradiesfrüchte» essbar sind. Sowohl die reifen Tomaten als auch die Wassermelonen und Andenbeeren schmecken sehr gut. Doch wie in der Bibel wird auch diese Geschichte ein Ende haben: «Alles, was auf Erden ist, soll untergehen», heisst es da zur Sintflut. Das nächste Thurhochwasser wird die Früchte flussabwärts tragen, die irgendwo auf dem Trockenen stranden – und die Samen keimen wieder.