Prävention
Papiertiger oder Schutz vor Sextätern?

Ein spezieller Auszug soll helfen, Jugendliche und besonders schutzbedürftige Personen vor Sexualstraftätern zu bewahren. Während Invaliden-Einrichtungen das Papier von ihren Mitarbeitern einfordern, hat man beim kantonalen Fussballverband vom Sonderprivatauszug noch nie etwas gehört.

Patrick Gut
Merken
Drucken
Teilen
Besonders schutzbedürftige Personen wie Jugendliche sollen dank eines sogenannten Sonderprivatauszugs besser vor Sextätern geschützt werden. Key

Besonders schutzbedürftige Personen wie Jugendliche sollen dank eines sogenannten Sonderprivatauszugs besser vor Sextätern geschützt werden. Key

KEYSTONE

Halb ungläubig, halb empört betrachtete Petra Wullschleger* das Schreiben ihres Arbeitgebers. Seit 25 Jahren ist sie für die Invalideneinrichtung tätig und jetzt das: Sie müsse einen sogenannten Sonderprivatauszug einreichen – und zwar auf Geheiss des Kantons, hiess es da.

Hätte sie sich an einem Jugendlichen oder einer anderen besonders schutzbedürftigen Person vergriffen, wäre das auf diesem Papier ersichtlich. Zumindest sofern sie erwischt und zu einem Berufs- oder Tätigkeitsverbot, einem Kontakt- oder Rayonverbot verurteilt worden wäre – und dieses noch gelten würde. Für Wullschleger ist der Auszug ein Papiertiger.

Häufig komme es gar nicht zu einer Anzeige, geschweige denn einer Verurteilung. Erwische man einen Mitarbeiter, werde ihm die Kündigung nahegelegt. Das sei für eine Institution weitaus angenehmer, als einen Mitarbeitenden zu verzeigen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Das kantonale Sozialamt, das tatsächlich entsprechende Richtlinien erlassen hat, hält den Sonderprivatauszug nicht für ein Allerheilmittel. «Es ist ein Instrument, das den behinderten Menschen einen gewissen Schutz bietet», sagt Amtschef Ruedi Hofstetter. Und es sei schliesslich im Interesse der Institutionen, Mitarbeitende anzustellen, die eine weisse Weste hätten. Als generelles Misstrauen gegenüber den Angestellten will Hofstetter die Massnahme aber nicht verstanden wissen.

Privatauszug – Sonderprivatauszug

Ein Auszug aus dem Schweizerischen Strafregister (Privatauszug) enthält Urteile wegen Verbrechen oder Vergehen. Allfällige nicht abgeschlossene Verfahren sind nicht vermerkt. Es fehlen auch Urteile, die aufgrund einer Befristung bereits wieder gelöscht sind.

Seit dem 1. Januar 2015 kann der Sonderprivatauszug bestellt werden. Er gibt ausschliesslich Auskunft darüber, ob es jemandem wegen Sexualstraftaten verboten ist, eine Tätigkeit mit Minderjährigen oder besonders schutzbedürftigen Personen auszuüben oder ob ein Kontakt- oder Rayonverbot ausgesprochen wurde.
Urteile sind – anders als bei den Privatauszügen – während der ganzen Dauer des Verbots im Sonderprivatauszug ersichtlich.

2015 wurden laut Auskunft des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements schweizweit 17 600 Sonderprivatauszüge bestellt. Dieses Jahr waren es bis Ende September 24 700. Wie viele der Bestellungen von Personen aus dem Kanton Zürich eingingen, lässt sich nicht sagen. (pag)

Keine allgemeingültige Regelung

Nicht überall, wo Erwachsene mit Jugendlichen oder Schutzbedürftigen in Kontakt kommen, wird automatisch ein spezifischer Auszug verlangt. Eine allgemeingültige Regelung existiert im Kanton Zürich nicht. Das Volksschulamt hat bereits im Februar 2015 eine Weisung erlassen. Seither müssen Lehrerinnen und Lehrer einen Sonderprivatauszug einreichen, wenn sie sich um eine neue Stelle bewerben.

Amtschefin Marion Völger betont den präventiven Charakter dieser Massnahme. Wer einen Eintrag im Auszug habe, werde sich kaum für eine Stelle bewerben. Anders als bei den Invalideneinrichtungen müssen Lehrpersonen, die bereits an einer Stelle tätig sind, keinen Auszug nachliefern.

Die kantonale Gesundheitsdirektion verpflichtet Alters- und Pflegeheime nicht dazu, Sonderprivatauszüge einholen zu lassen. Der Entscheid liege im Ermessensspielraum und in der Verantwortung der jeweiligen Institutionen. Die meisten Alters- und Pflegeheime sind dem Verband Curaviva angeschlossen. Zur Thematik existiert ein Merkblatt von Curaviva Schweiz. Zu einer klaren Empfehlung ringt sich der Verband in diesem Merkblatt aber nicht durch.

Auch das Bundesamt für Sport (Baspo) verzichtet auf eine Weisung gegenüber Vereinen oder Verbänden. Das Baspo hält fest: «Die Vereine dürfen sich nicht in falscher Sicherheit wähnen, denn viele Täter werden nie angezeigt beziehungsweise verurteilt und sind somit nicht in einem Sonderprivatauszug erfasst.» Baspo und Swiss Olympic empfehlen «nur in begründeten Verdachtsfällen einen Sonderprivatauszug einzuholen». Und sie halten fest: Die Vereine dürfen die Prävention trotz dieser Möglichkeit nicht vernachlässigen.

Von Willy Scramoncini, dem Leiter der Abteilung Spielbetrieb beim Fussballverband Region Zürich, ist zu erfahren, dass der Verband Mitglied bei der Fachstelle mira ist. Die Fachstelle unterstützt Vereine bei der Prävention sexueller Gewalt. «Tauchen bezüglich eines Trainers Zweifel auf, können wir uns für Hilfe an die Fachstelle wenden», sagt Scramoncini.

Sonderprivatauszüge sind ihm, wie er unumwunden zugibt, «völlig unbekannt». Sexueller Missbrauch ist aus Sicht von Scramoncini «ein sehr heikles Thema». Komme ein Verdacht gegen einen Trainer auf, sei dieser für immer abgestempelt. Er könne nicht ausschliessen, dass nach einem Vorfall Anzeige erstattet werde.

«Der betroffene Verein wird aber in erster Linie versuchen, die Sache diskret zu erledigen», sagt Scramoncini. Gelange etwas in die Presse, sei heutzutage ein ganzer Verein gebrandmarkt. Scramoncini verweist auch auf die Schwierigkeiten, welche die Vereine mit der Rekrutierung von genügend Trainern hätten. Da werde möglicherweise nicht zuallererst an einen solchen Auszug gedacht.

Name geändert.