Fredy Lienhard parkt seinen Geländewagen bei der Bahnstation Ringlikon. Der letzte Revierförster des ETH-Lehr- und -Forschungswalds am Üetliberg hat alte Fotos mitgebracht. Er breitet sie auf der Kühlerhaube aus. Sie zeigen einen kahlen Hang, zersplitterte Baumstämme, umgeknickte Fahrleitungen der Üetlibergbahn. Mit bis zu 241 Stundenkilometern war der Sturm «Lothar» am 26. Dezember 1999 über den Üetliberg gebraust. Er richtete in weiten Teilen Mitteleuropas enorme Schäden an. «Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld», sagt Lienhard. «Die Bäume waren wie durch eine Walze umgelegt.»

Als kurz nach Mittag der Sturm vorbei war, verliess Lienhard sein Haus in Uitikon. Um 15.30 Uhr nahm er an einer ersten Koordinationssitzung mit Vertretern von Feuerwehr, Polizei und Sihltal-Zürich-Üetlibergbahn teil. Noch hatte niemand die Übersicht. «Meine erste Sorge galt den vielen Spaziergängern, die am Stephanstag auf dem Üetliberg unterwegs sein mussten», erinnert sich der pensionierte Förster.

Nach der Sitzung stapfte der damals 49-Jährige über umgeknickte Bäume auf den Üetliberg durch den Wald, der heute der Stadt Zürich gehört. Es dunkelte. «Leute irrten herum und schlossen sich mir an. Es war ein Riesenglück, dass wir keine Toten hatten», sagt Lienhard. Schweizweit tötete «Lothar» 14 Personen. 15 weitere starben im Jahr danach bei den Aufräumarbeiten. Mit 17 Leuten kam Lienhard an jenem 26. Dezember heil aus dem Wald heraus, obwohl sogar er in dem verwüsteten Gelände zeitweise die Orientierung verlor.

Waldwirtschaft verändert

Tags darauf begannen die Aufräumarbeiten. Noch am Stephanstag hatte Lienhard Holzerntemaschinen angemietet. Das Aufräumen zog sich über Wochen und Monate hin. Und es veränderte die Waldwirtschaft in mehrfacher Hinsicht: «Lothar gab der schweizerischen Forstwirtschaft einen Mechanisierungsschub», sagt Lienhard.

Wir spazieren durch eine Allee junger Mammutbäume. Sie zeugen davon, wie die Not unternehmerisch machte. Nach «Lothar» brachen nämlich die Holzpreise ein. «Das war eine ökonomische Katastrophe», sagt Lienhard. Zwar hatten Bund und Kantone Gelder gesprochen, um die Wälder wieder aufzuforsten. Doch als Bundesbetrieb bekam der damalige ETH-Lehr- und -Forschungswald davon nichts. Die Folge: «Wir hatten kein Geld mehr zum Aufforsten.» Lienhard suchte Sponsoren. Und fand sie: Firmen bezahlten neue Bäume. Sie durften dafür Firmenevents im Wald veranstalten. Auch Schulklassen und Zivilschützer halfen beim Aufforsten mit.

Lienhard schlug der Raiffeisenbank vor, eine Allee mit Mammutbäumen zu sponsern. Die Bäume werden bis zu 60 Meter hoch und maximal etwa 2000 Jahre alt. Sie können wahre Sturmbrecher sein. Die Bank zögerte. Lienhard schmiss sich in Anzug und Krawatte und sprach beim Präsidenten der Zürcher Kantonalbank (ZKB) vor. Ein Mittelsmann hatte ihm den Kontakt verschafft. «Der ZKB-Präsident war sofort Feuer und Flamme», erinnert sich Lienhard. Die Bank investierte eine Viertelmillion Franken in die Mammutbaumallee. An deren Ende spendierte sie gleich noch einen Rast- und Spielplatz.

Pilze besiegten Borkenkäfer

Nicht alle der seither zwischen Ringlikon und jenem Rastplatz gepflanzten Bäume überlebten. Einzelne sehen kümmerlich aus. Andere bieten trotz ihres jugendlichen Alters einen stattlichen Anblick. Nebst den Mammutbäumen pflanzten Lienhard und seine Leute vor allem Laubbäume an. «Wir wollten Bäume, die einem Sturm besser trotzen würden», erklärt er. So sind heute in der ehemaligen Sturmschneise die Laubbäume in der Mehrheit.

Zuvor war es umgekehrt: Nadelbäume prägten den Wald, vor allem Rottannen dominierten. Sie wären zwar wirtschaftlich lukrativer. Doch als Flachwurzler konnten sie dem Sturm nicht standhalten. Und nach «Lothar» boten ihre Überreste dem Borkenkäfer Gelegenheit, sich rasant zu vermehren. Seine natürlichen Feinde, vor allem die Spechte, hatten keine Chance, die Käferplage einzudämmen. Es dauerte Jahre, bis auf den Sturmholz-Resten wachsende Pilze dies schafften.

«Die Pflanzenvielfalt hat sich durch den Sturm vergrössert. Ökologisch war er wertvoll», bilanziert Lienhard. Der Wald sei heute stabiler, da weniger rottannenlastig. Die Probe aufs Exempel blieb bisher aus. «Doch der nächste Sturm kommt bestimmt», sagt Lienhard. Dann fährt er mit seinem Geländewagen davon.