Zürich

Opfer am Arosasteig niedergestochen: Staatsanwalt fordert Höchststrafe für Seefeld-Mörder

Blumen am Tatort, dem Arosasteig in Zürich, erinnern an das Opfer.

Blumen am Tatort, dem Arosasteig in Zürich, erinnern an das Opfer.

Um seinen Knastkumpanen freizupressen, erstach Tobias K. ein Zufallsopfer. Die Anklageschrift enthüllt nun die Details eines teuflischen Plans.

Fünf Mal soll Tobias K. am Nachmittag des 30. Juni 2016 im Zürcher Seefeld auf sein Zufallsopfer – einen 41-jährigen IT-Fachmann – eingestochen haben. Die Waffe, ein Fleischermesser mit 18 Zentimeter langer Klinge, hatte sich der mutmassliche Täter am Vortag in einer Coop-Filiale gekauft.

Das stark blutende Opfer schleppte sich zwar noch rund 100 Meter in Richtung Bahnhof Stadelhofen, brach dann aber zusammen und verblutete. Der damals 23-jährige Tobias K. hatte zum Zeitpunkt seiner Tat eigentlich gar nichts im Seefeld verloren. Er verbüsste nämlich wegen einer ganzen Reihe von Delikten eine fünfjährige Freiheitsstrafe in der Strafanstalt Pöschwies. Unter anderem war er wegen Freiheitsberaubung, versuchter räuberischer Erpressung und versuchten Raubes verurteilt.

Tobias K. war am 23. Juni – eine Woche vor der Tat – nicht mehr aus seinem ersten unbegleiteten Urlaub zurückgekehrt. Er befand sich also auf der Flucht. Weil er am Tatort seinen Hut liegen liess, kam man ihm mit Hilfe einer DNA-Analyse schnell auf die Schliche. Bis zu seiner Verhaftung sollte es aber noch beinahe sieben Monate dauern. Doch davon später mehr.

Am 29. und 30. Januar findet am Bezirksgericht Zürich der Mordprozess gegen Tobias K. und seinen mutmasslichen Mittäter, einen heute 39-jährigen Litauer statt. Der Staatsanwalt fordert für die beiden Beschuldigten lebenslange Freiheitsstrafen und eine ordentliche Verwahrung. Die Hintergründe der Tat offenbart die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, welche den Medien diese Woche vom Gericht zugänglich gemacht wurde.

Eine verhängnisvolle Freundschaft

Demnach kam es in der Strafanstalt Pöschwies zu einer verhängnisvollen Freundschaft zwischen Tobias K. und dem besagten Litauer. Dieser war zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden, weil er 2012 versucht hatte, von der Stadt Zürich 100 Millionen Franken und von der Grossindustriellenfamilie Schmidheiny 50 Millionen Franken zu erpressen.

Gegenüber der Stadt Zürich drohte der Litauer mit Bombenanschlägen, gegenüber den Grossindustriellen mit Mord an Familienangehörigen. Der Litauer überzeugte Tobias K. davon, dass er zu Unrecht verurteilt worden sei. Zudem erzählte er seinem Gefängniskumpanen allerlei Lügengeschichten über die Schmidheinys.

Nun kommt ein wichtiges Element ins Spiel: Die Mutter von Tobias K. hatte ihrem Sohn laut Anklageschrift erzählt, sie habe als Spitex-Mitarbeiterin während vieler Jahre Asbestopfer gepflegt, die vormals im Eternitwerk der Schmidheinys gearbeitet hätten. Tobias K. und sein Mithäftling sollen dann den Entschluss gefasst haben, raschestmöglich aus der Pöschwies zu fliehen. Dazu wollte man den anstehenden unbegleiteten Hafturlaub von Tobias K. nutzen. Tobias K. solle auf dem Hafturlaub die Flucht ergreifen und dann ein Erpresserschreiben an den Zürcher Kantonsrat verfassen.

Den Hafturlaub verbrachte er bei der Familie

Absender des Schreibens sollte eine unbekannte litauische Täterschaft sein, welche den Litauer freipressen wollte. Andernfalls würde man wahllos einen Menschen umbringen. Der Plan ging so weit, dass man dem Schreiben Fotografien von Tobias K. beilegen wollte – gefesselt, geknebelt und mit blutüberströmtem Kopf. So sollte der Eindruck erweckt werden, Tobias K. sei in die Fänge der litauischen Bande geraten.

Nach Antritt seines Hafturlaubs setzte Tobias K. den vorgefassten Plan um. Seinen Urlaub verbrachte er mit der Familie beim Bräteln an der Thur, kehrte dann aber am Abend nicht in die Pöschwies zurück. Die folgenden Tage verbrachte er bei einem Bekannten in Winterthur. Dort wurde auch der Erpresserbrief an den Kantonsrat verfasst und die Fotoaufnahmen erstellt. Um den Fotografien die nötige Dramatik zu verleihen, entnahm sich Tobias K. mit einer Spritze intravenöses Blut und liess sich dieses über den Kopf fliessen.

Das Erpresserschreiben traf tatsächlich am 28. Juni 2016 beim Kantonsrat ein. Es enthielt ein Ultimatum bis zum Mittwoch, 29. Juni, 9 Uhr. Das ist auch der Tag, an dem sich Tobias K. die Tatwaffe besorgte und in der Stadt Zürich nach einem geeigneten Opfer Ausschau hielt. Weil sich keine geeignete Möglichkeit fand, begab sich Tobias K. am folgenden Tag erneut nach Zürich.

Nach dem Mord flüchtete der Täter ins Tessin

Er war an der Bahnhofstrasse, auf dem Zürichberg und im Seefeld unterwegs. Dort stiess er auf sein 41-jähriges Zufallsopfer. Der IT-Fachmann sass auf einer Mauer beim Eingang einer Fussgängerunterführung und rauchte E-Zigarette.

Nach seiner Tat floh Tobias K. und verbrachte die folgenden Monate auf einer Alp im Tessin, in Winterthur und im Jura. Den Plan, seinen Mithäftling freizupressen, hatte er indes noch nicht aufgegeben. So wollte er sich im Darknet eine Handfeuerwaffe der Marke Glock organisieren. Dabei geriet er aber an einen Scheinverkäufer der Polizei und konnte am 18. Januar 2017 bei einem Treffen am Bahnhof Burgdorf schliesslich verhaftet werden. «Unter heftiger Gegenwehr», wie es in der Anklageschrift heisst.

Der Staatsanwalt fordert nun ein Verurteilungen unter anderem wegen Mordes. Tobias K. gilt als teilgeständig, während der Litauer die Tatvorwürfe bestreitet und sein Verteidiger auf
Freispruch plädieren wird.

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