Jubiläumsbuch
Open-Air-Kino am See als Teil der Mediterranisierung

Philosophische Reflexionen über Zürichs kulturellen Wandel zur 25. Ausgabe des Kinos am See, der Mutter aller Open-Air-Kinos. Philosophieprofessor Georg Kohler stellt in einem Essay das Kino als Sinnbild der Mediterranisierung Zürichs dar.

Matthias Scharrer
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Das Kino am See kann man mit Recht die Mutter aller Open-Air-Kinos nennen- nicht nur auf Zürich bezogen.

Das Kino am See kann man mit Recht die Mutter aller Open-Air-Kinos nennen- nicht nur auf Zürich bezogen.

Limmattaler Zeitung

Wenn ein emeritierter Philosophieprofessor wie Georg Kohler über ein Kino-Jubiläum schreibt, muss es mit dem Jubilar etwas Besonderes auf sich haben. Die Rede ist vom Kino am See, das mit dem Film «The Sapphires» heute Abend zum 25. Mal am Zürichhorn beginnt.

Man kann es mit gutem Recht die Mutter aller Open-Air-Kinos nennen, nicht nur auf Zürich bezogen. Schliesslich schickte sein Macher, der aus dem Limmattal stammende Peter Hürlimann, sein Kino zuerst durch die halbe Schweiz und dann um die halbe Welt, um die teure Infrastruktur auszulasten. So entstanden Ableger unter anderem in Bern, Basel, Lugano, Lausanne, aber auch in Sidney, den Metropolen Südafrikas, Brasiliens, in Abu Dhabi, Dubai, Madrid und Okinawa. Manche gingen ein, einige bestehen weiterhin. Nachzulesen ist dies im Jubiläumsbuch «Kultur unter freiem Himmel. 25 Jahre Kino am See Zürich», das soeben erschienen ist.

Kohler stellt das mit 1700 Sitzplätzen grösste und älteste Open-Air-Kino Zürichs in seinem einleitenden Essay als Sinnbild der Mediterranisierung Zürichs dar, die die einstige Zwinglistadt seit den 1980er-Jahren erfasst habe: «Wer wissen will, was ‹Mediterranisierung› konkret heisst, muss da bloss zuschauen - und zuhören: Bevor beim letzten Abendlicht langsam und majestätisch die riesige Bildwand vom Seespiegel her aufsteigt und Vorstellungsräume jenseits der Uferlinie von Thalwil und Horgen eröffnet, bevor die Projektionen inszenierter Lebendigkeit beginnen, darf man, im Getümmel sitzend oder von einem Balkon aus zuschauend, beim erwartungsfrohen Corso einer mittelmeerischen Urbanität mitspielen.»

Ein Satz zum Zweimallesen. Und wie es sich für einen Philosophen gehört, fragt Kohler, was hinter der Kulisse dieser «mittelmeerischen Urbanität» steckt, wann sie begann und womit sie zu tun habe. Sein Befund: «Der Mentalitätswandel, den ‹68› nicht nur in der Schweiz einleitete, wird nach der 80er-Bewegung in Zürich kulturpolitisch stabil.»

«Nieder mit den Alpen - freie Sicht aufs Mittelmeer» lautete einer der Slogans von Zürichs 80er-Bewegung. Die Alpen blieben zwar, und Kino-Macher Hürlimann musste sogar eine herunterfahrbare Leinwand entwickeln lassen, um die Bewilligung fürs Kino am See zu erhalten. Den Behörden war die freie Sicht auf die Berge nämlich ein wichtiges Anliegen.

Doch ansonsten erfasste Zürich im Zeitraum, der auch die Geschichte des Kinos am See umfasst, ein Wandel, der das Lebensgefühl in der Stadt nachhaltig verändert hat: Die Polizeistunde und die Kontingentierung der Wirtschaftspatente fielen. Die Verkehrsbetriebe Zürich starteten an Wochenenden den Nachtbusbetrieb. Die Stadt verpachtete einen Teil ihrer Badeanstalten an Private, die sie zu trendigen Bars erweiterten. Das Tanzverbot an hohen Feiertagen wurde abgeschafft. Die Street Parade entwickelte sich zum alljährlichen Millionentanz.

Ein «moralisches Grummeln»

Kohler sieht hinter diesen Fakten den «Konsumstil des hedonistisch gewordenen Kapitalismus», der seit den späten 60er-Jahren die «Kontrollmoral der Knappheit» ablöste - und stellt fest: «Wirtschaftswachstum braucht kauflustige Käufer, nicht sparwütige Asketen.»

Ein «moralisches Grummeln» kann sich der Philosoph zum Abschluss jedoch nicht verkneifen: «Auch die mediterranisierte Öffentlichkeit funktioniert allein dann gut, wenn sie Werten wie Fairness, Toleranz und Kompromissbereitschaft treu bleibt.»

Kultur unter freiem Himmel

25 Jahre Kino am See Zürich. 92 Seiten. Herausgeber: Cinerent OpenAir AG, Peter Hürlimann, Zollikon.