Verpflegung
Onlineplattform «Margrit» bringt Fremde an einen Tisch

Zwei Brüder hatten genug davon, sich am Mittag nur verpflegen zu können. Dank ihrer Onlineplattform finden nun zahlende Gäste bei privaten Köchen einen Zmittag wie aus Grossmutters Küche.

Florian Niedermann
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Margr.it-Gründer Stefan Ganz (links), Verena und Christine (Tischmitte) liessen sich von Marcos und Carolas hausgemachten Ravioli verführen. fni

Margr.it-Gründer Stefan Ganz (links), Verena und Christine (Tischmitte) liessen sich von Marcos und Carolas hausgemachten Ravioli verführen. fni

Florian Niedermann

Ein Platzregen geht über Zürich Altstetten nieder, als ich kurz nach 12 Uhr zum lukullischen Gruppen-Blind-Date anreise. Die Betonsiedlung in der Grünau wirkt kalt an diesem Tag. Doch so unwirtlich die Anreise, so warm ist der Empfang, der mich in der Wohnung von Carola und Marco, dem Gastgeberpaar, erwartet. Am gedeckten Tisch auf ihrem Balkon sitzen bereits die anderen Gäste: Verena, Christine und Stefan. Wir alle sind gekommen, um mit wildfremden Menschen zu speisen. Obwohl: Ums Essen geht es hier nicht wirklich.

Zusammengebracht hat uns ein Zürcher Start-up mit seiner Internet-Plattform Margr.it. Deren Funktionsweise ist einfach: Auf einer interaktiven Karte kann man sich einen Überblick darüber verschaffen, wer wann und wo ein Mittagessen anbietet, und was auf der Speisekarte steht. Hat man sein Wunschmenü gefunden, ist der Sitz am Tisch in wenigen Klicks gebucht und bezahlt. Schweizweit zählt «Margrit» fünf Monate nach dem Start bereits 850 eingetragene Mitglieder, davon bieten rund 150 Mittagessen an – der allergrösste Teil in der Deutschschweiz, weil Übersetzungen noch fehlen. Doch es ist Ferienzeit, die Auswahl im Raum Zürich ist beschränkt. Ich entscheide mich für den Mittagstisch bei Carola und Marco: Ihr Dreigangmenü mit Salat, hausgemachten Ravioli und einem Himbeerkuchen für 25 Franken wirkt solide, das Profilbild sympathisch.

Und der Online-Eindruck bestätigt sich. Der Salat, die Ravioli und der Himbeer-Chia-Samen-Kuchen im Einmachglas werden schön präsentiert und schmecken ausgezeichnet. Als echtes Highlight entpuppt sich aber das Beigemüse: Die Tischrunde, die hier zusammengefunden hat.

Vom Platzspitz nach Buenos Aires

Ab der ersten Minute entwickeln sich interessierte – und interessante – Gespräche. Dass sich ausser den beiden Gastgebern zuvor niemand kannte, ist ein Vorteil: Schon alleine die Lebensgeschichten der Anwesenden bieten genügend Anknüpfungspunkte für ein abendfüllendes Gespräch. So etwa jene der Pensionärin Verena: verwitwet, zwei Söhne, zwei Ehemänner, mehrere Anstellungen in städtischen Betrieben, eine davon auf dem Platzspitz zur Zeit der offenen Drogenszene.

Einiges zu erzählen hat aber auch das Gastgeberpaar. Der Finanzfachmann und die E-Commerce-Spezialistin sind vor wenigen Tagen von einer halbjährigen Südamerikareise zurückgekehrt. Carola, ursprünglich eine Südsteierin, berichtet von einer Uber-Taxi-Fahrt durch Buenos Aires, die, weil der Dienst dort illegal ist, fast auf dem Polizeiposten geendet hätte.

Sharing-Economy-Dienste wie Uber werden wohl auch deshalb zum Thema, weil Stefan Ganz, einer der beiden Gründer von «Margrit», mit uns am Tisch sitzt. Die Plattform sei bereits auf dem Radar von Gastroverbänden und Lebensmittelbehörden, sagt er. Das Problem: Werden die Mitessgelegenheiten als gastwirtschaftliches Angebot ausgelegt, wären die «Margrit»-Köche dem Lebensmittelgesetz und in manchen Kantonen dem Gastgewerbegesetz unterstellt. Wobei dies die Kantone sehr unterschiedlich handhaben.

Doch Stefan und sein Bruder und Firmen-Mitgründer Tobias stellen sich auf den Standpunkt, dass die vermittelten Essen Privatanlässe seien. Die Jungunternehmer stehen aber im Austausch mit den Behörden und arbeiten mit dem Lebensmittelinspektorat an einer Lösung. Solange kein anderslautender Rechtsspruch vorliegt, ist ihr Argument der Privatanlässe auch nicht anfechtbar.

Und das sei gut so, sind sich alle Anwesenden am Tisch von Marco und Carola einig. «Es doch schön, dass man Dank der Plattform neue Leute kennen lernt», sagt Verena. Christine, die selbst auch Essen anbietet, freut sich darüber, dank «Margrit» nicht mehr immer für sich alleine kochen zu müssen. An unserer Runde zeigt sich zudem, dass die Plattform durchaus auch eine Generationenverbindende Funktion haben kann.

Eine Erinnerung führte zum Namen

Der soziale Aspekt solle bei «Margrit» im Vordergrund stehen, betont Stefan denn auch. Den Anstoss, die Plattform aufzubauen, gab aber ein ganz anderes Bedürfnis: Als der Werbetexter aus Buch am Irchel nach einem mehrmonatigen Auslandaufenthalt nach Zürich und in den Arbeitsalltag zurückkehrte, graute es ihm vor den immer gleichen Verpflegungs-Möglichkeiten am Mittag. Da habe er sich daran erinnert, wie er und sein Bruder früher zu ihrer Grossmutter Margrit zum Zmittag gingen, sagt Stefan: «Ich dachte mir: Warum sollten Leute, die Zeit haben und gerne kochen, das nicht auch für Fremde tun wollen?» Die Idee des Start-ups war geboren.

Die Brüder nehmen zwar von jedem Essen 15 Prozent des Menüpreises ein. Doch davon leben können sie nicht: «Die Einnahmen decken gerade mal die Serverkosten», so Stefan. Um mit «Margrit» Geld zu verdienen reicht der Schweizer Markt nicht aus. Die Jungunternehmer planen daher, das Angebot auszubauen. Einerseits fassen sie eine Expansion ins Ausland ins Auge, andererseits könnten künftig auch Abendessen oder Brunches angeboten werden. Dass sie zunächst auf den Mittag fokussierten, leuchtet aber ein: Am Mittag müssen viele Leute auswärts essen und bleiben auch nicht ewig sitzen, weil sie wieder zur Arbeit müssen.

In unserem Fall stimmt das allerdings nur bedingt: Die Zeit vergeht wie im Flug, es wird fast 14 Uhr, bis wir die Gastgeber wieder verlassen. Doch so voll der Magen ist und so angenehm die Begegnungen waren – auf dem Weg zurück zur Arbeit beschleicht mich ein trister Gedanke: Dass ich diese Menschen unter anderen Umständen wohl nie kennen gelernt und wohl nicht einmal angesprochen hätte.