Ein sogenannter Guckloch-Fahrer hat eigentlich keine Chance. Wer die Scheiben seines Autos nicht genügend von Schnee und Eis befreit, wird von der Polizei angehalten, die den Zustand mit Fotos dokumentiert. In solchen Fällen verhängt die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl. Zack, und der Guckloch-Fall ist erledigt.

Doch ein 53-Jähriger, der letzten März aus dem Verkehr gezogen wurde, ist nicht einverstanden. Er beginnt den Prozess am Bezirksgericht Horgen dramatisch: «Schneechaos» habe am 2. März 2018 geherrscht. Der Verteidiger hat extra im Zeitungsarchiv nachgeschaut. So schlimm waren die Verhältnisse, dass sein Mandant von der A3 wegfuhr und sein Auto zwischen dem Bahnhof Wädenswil und der Au abstellte. Nach Zürich nahm er den Zug. Als er abends zurückkam, sei das Auto komplett eingeschneit gewesen, erzählt der 53-Jährige dem Bezirksgericht. Gewissenhaft habe er den Schnee weggeräumt, was ziemlich leicht gegangen sei. Um sicherzugehen, dass die Scheibe nicht beschlägt, habe er während des Putzens die Heizung laufen lassen, «was ich sonst nicht so gerne mache». Doch kaum sei er losgefahren, sei der Schneefall zum Eisregen geworden. Die Autos seien im Schritttempo unterwegs gewesen, als er auf der Seestrasse Richtung seines Wohnorts in Ausserschwyz unterwegs war. Beim Kreisel habe er noch bremsen müssen, weil ein Fussgänger auf die Strasse sprang. Langsam habe er gemerkt, dass sich ein Eisfilm auf der Scheibe bilde. Beim Kreisel sei ihm ein Polizeiauto entgegengekommen, das im Kreisel wendete und hinter ihm herfuhr. Da die Scheibenwischer nicht mehr in der Lage gewesen seien, den Eisfilm zu beseitigen, habe er auf Höhe der Einfahrt Einsiedlerstrasse angehalten.

«Ich bin doch nicht verrückt»

Überraschend habe die Patrouille hinter ihm gestoppt. Er habe nicht gewusst, dass das seinetwegen war, beteuert der Deutsche. Er sei angewiesen worden, die Papiere abzugeben und ins Auto zu sitzen. Erst nach rund zehn Minuten habe einer begonnen, sein Auto zu fotografieren. Entrüstet weist er von sich, dass er nur mit einem Guckloch von 20 mal 20 Zentimetern unterwegs war. Die Polizei wirft ihm vor, dass der Rest der Windschutzscheibe, die Seitenscheiben und die Seitenspiegel komplett vereist waren. Es sei Schnee darauf gelegen, dieser habe sich aber in den zehn Minuten angesammelt, in denen sein Auto an der Seite stand, hält der Autofahrer dagegen.

«Ein Quadrat, kein Guckloch»

Er bringt sogar seine berufliche Erfahrung ein. «Ich bin doch nicht verrückt. Ich war jahrelang Notarzt und weiss, wie gefährlich es sein kann, so herumzufahren», sagt der Gründer einer Privatklinikgruppe mit Schwerpunkt in Deutschland. Er will einen Freispruch. Die Polizisten hätten doch selber gesehen, dass er auf der anschliessenden Fahrt zum Verkehrszug Neubühl erneut aussteigen und die Scheibe vom Eis befreien musste. Auf den Fotos der Kantonspolizei ist tatsächlich ein Guckloch zu sehen. «Das ist ein Quadrat, kein Guckloch», widerspricht der Beschuldigte. Er habe dieses kreiert, als die Polizisten noch seine Papiere kontrollierten. Wozu? Er wollte schauen, ob die Scheibe darunter beschlage, sagt er.

Die Richterin fragt kritisch nach und zeigt Ortskenntnis. Mittels Google Maps und der Polizeifotos kann sie zeigen, dass die Kontrolle unmöglich bei der Einmündung Einsiedlerstrasse gewesen sein könne, sondern beim Parking Weinrebe, also noch vor dem Bahnhof. Auch dass die Patrouille im Kreisel gewendet habe, könne nicht stimmen. Der Beschuldigte redet sich raus, es sei alles schon länger her, ein Polizist habe das so gesagt. Doch das Entscheidende kommt noch: Bei der Staatsanwaltschaft hatte der 53-Jährige behauptet, dass er das «Quadrat» zu Beginn der Kontrolle frei gemacht habe.

«Zu viele Widersprüche»

Nachdem ihn die Richterin darauf hinweist, dass auch das Quadrat wieder mit Schnee hätte bedeckt sein müssen, wären die Fotos zehn Minuten danach entstanden, ändert er seine Aussage. Er habe es erst kurz vor der Kontrolle kreiert. Es war wohl die entscheidende Aussage. Das Gericht verurteilt ihn im Sinne der Anklage zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 1300 Franken wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln. Der hohe Tagessatz erklärt sich durch seine Vermögensverhältnisse. Die Probezeit dauert zwei Jahre. Eine ebenfalls hohe Busse von 5000 Franken soll der Beschuldigte bezahlen. Die Aussagen der Polizisten wertet die Richterin als glaubhafter als die des Mediziners. «Sie haben sich in zu viele Widersprüche verstrickt», erklärt die Richterin. Seine Version gehe einfach nicht auf. «Ich bin doch nicht verrückt», murmelt der 53-Jährige. Es folgt wohl eine Fortsetzung.