«Wer entscheidet, wen du heiratest?», heisst es auf dem Flyer. «Mein Grossvater? Mein Onkel? Mein Bruder? Meine Mutter? Meine Schwester? Meine Familie?» Darunter findet sich eine spiegelnde Folie, in der sich der Betrachter oder die Betrachterin selber sieht. Entsprechend lautet die Antwort: «Ich!»

Eine alte Tradition

Laut Nora Bussmann von der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich sind Beratungsstellen und Schulen vermehrt mit dem Problem der Zwangsverheiratung konfrontiert. Manche Mädchen und Söhne, die mit ihren Familien in die Schweiz gekommen sind oder dank dem Familiennachzug zu ihren Eltern reisen konnten, sind nun im heiratsfähigen Alter, und da machen sich die Familien natürlich Gedanken über die Zukunft ihrer gross gewordenen Kinder. Nicht selten sehen sie dann die beste Lösung darin, für sie nach alter Väter Sitte selber einen Ehemann oder eine Ehefrau zu suchen, oft im Land, aus dem sie ausgewandert sind.

Was die Kinder wollen, die in der Schweiz in einem ganz anderen Umfeld leben und möglicherweise gleich wie ihre Kolleginnen und Kollegen sich verlieben und Freundschaften pflegen wollen, ist dann oft zweitrangig. Und so kann es geschehen, dass eine junge Frau im entsprechenden Alter zwei Wochen vor der Abreise
in die Sommerferien ins Heimatland merkt, sie könnte dort verheiratet oder verlobt werden.

Wenn sie sich zum Beispiel einer Lehrperson anvertraut oder gar ins Mädchenhaus flieht, können die auf solche Fälle spezialisierten Fachstellen oder auch die Polizei eingreifen. Aber dann, weiss Nora Bussmann, ist es oft schwierig, eine für alle befriedigende Lösung zu finden. Dann steht der Schutz der Betroffenen im Vordergrund.

«Hast du Angst?»

«Besser ist es, wenn die Mädchen früh Bescheid wissen, dass es nicht rechtens ist, wenn sie gegen ihren Willen verheiratet werden», erklärt Bussmann. Sie sollten möglichst früh das Thema mit ihren Eltern besprechen. Wenn der Bräutigam schon ausgewählt ist, der Termin für die Hochzeit feststeht und die Einladungen an die ganze Verwandtschaft verschickt sind, dann ist es schwierig, alles abzublasen, weil die Eltern dann ihr Gesicht zu verlieren drohen. Nicht allein Mädchen droht die Verheiratung gegen ihren Willen, das kann auch Burschen treffen.

Daher werden die Empfängerinnen und Empfänger des Flyers gefragt: «Hast du Angst, gegen deinen Willen verheiratet zu werden? Ahnst du, dass du versprochen bist und möchtest du dieses Versprechen vielleicht nicht einlösen? Wird eine Freundin oder ein Freund von dir gedrängt zu heiraten, ohne dass sie dies möchten?»

Wer sich in einer solchen Situation befindet, dem werden verschiedene Vorschläge gemacht, wo sich Hilfe finden lässt. Und zwar bei Institutionen, die wissen, wie man das Problem angeht, ohne dass es gleich zum Bruch mit der Familie kommen muss.

Der Flyer ist in Zusammenarbeit mit der Bildungsstelle Häusliche Gewalt Luzern entwickelt worden und gilt als Pilotprojekt. Es besteht die Absicht, ihn auch in anderen Kantonen einzusetzen, wenn es sich herausstellt, dass er mithilft, dass sich junge Frauen und Männer gegen mögliche Zwangsheiraten rechtzeitig wehren oder Schritte zu unternehmen, um eine bereits vollzogene Zwangsheirat mithilfe der Behörden aufzuheben.

Mit Eltern ins Gespräch kommen

Parallel dazu sucht man auch nach Mitteln und Wegen, mit den Eltern frühzeitig ins Gespräch zu kommen. Wenn die Schule oder die Integrationsstelle zu einem Abend einlädt, bei dem es um die Zukunft der Kinder geht, kann ja auch erwähnt werden, was in der Schweiz bezüglich Liebe, Freundschaft und Ehe gilt und wie weit die Eltern das Recht ihrer Söhne und Töchter auf die eigene Wahl des Partners zu beachten haben. Zwangsverheiratung fällt heute unter den Tatbestand der Nötigung, ausserdem sind beim Bund Bestrebungen im Gang, dies speziell unter Strafe zu stellen.

Der ab Februar lieferbare Flyer kann schon jetzt bestellt werden auf der
Internetseite www.stadt-zuerich.ch/
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