Gleich zu Beginn des Wahlkampfs trat Jacqueline Fehr (SP) in ein Fettnäpfchen. In einem Interview mit dieser Zeitung nannte sie die Seegemeinden wenig innovativ im Vergleich zu Winterthur, dem Glatt- und Limmattal. Das goutierten die Politiker am Zürichsee nicht. Ihr wurde «Arroganz» und eine «wilde Attacke» vorgeworfen. Heute sagt Fehr, es habe sich gelohnt, eine Debatte über den Soziallastenausgleich zwischen den Regionen zu lancieren.

Sie habe viele Gespräche geführt und ihre Argumente dargelegt. Als «Versöhnungsangebot» könne man auch den Gegenstand verstehen, den sie zum Fototermin mitgebracht hat: Ihre lila Turnschuhe der Firma On, die ihre Wurzeln am Zürichsee hat, trägt Fehr, wenn sie nach einem anstrengenden Tag nach draussen geht, oft erst um Mitternacht.

Nicht aus Streitlust

Fehrs «wilde Attacke» der Seegemeinden war keine. Es war Kalkül. Sie äussert sich gerne provokativ und hält es für wichtig, zu zeigen, wo sie steht. Sie tue dies nicht aus Streitlust, sondern weil sie die Probleme auf den Tisch legen wolle. Ihre offensive, ehrliche Art hat die 55-Jährige weit gebracht. In einfachen Verhältnissen in Elgg aufgewachsen, erkannte ihr Volleyballtrainer ihr politisches Potenzial. Durch ihn kam sie zur SP, für die sie bald im Winterthurer Gemeinderat sass.

Die Zürcher Firma On habe es geschafft, Funktionalität, Nachhaltigkeit und Stil in ein Produkt zu fassen, sagt Jacqueline Fehr. Mit ihren lila Turnschuhen ist sie gerne draussen unterwegs.

Die Zürcher Firma On habe es geschafft, Funktionalität, Nachhaltigkeit und Stil in ein Produkt zu fassen, sagt Jacqueline Fehr. Mit ihren lila Turnschuhen ist sie gerne draussen unterwegs.

Über den Kantonsrat gelangte sie in den Nationalrat, wo sie 17 Jahre lang politisierte. Ihr gefällt es, sich einzubringen, Vorstösse zu lancieren und Entscheide zu erwirken: «Es ist das, was ich am besten kann», sagt Fehr. Bös gesagt, sei es auch das Einzige, was sie könne.

Dass sie 2014 für den Regierungsrat kandidierte, war das Resultat einer selbstkritischen Analyse: «Obwohl alle sagten, ‹wir finden dich toll›, hörte ich heraus, dass es Zeit war, Platz zu machen.» Die Wahl schaffte sie, obwohl sich manch Bürgerlicher im Vorfeld grauste ob ihrer dezidiert linken Politik.

Auch heute wird ihr das noch angekreidet, wenn man der Justizdirektorin etwa «Kuscheljustiz» vorwirft. Gerne lancieren die Bürgerlichen Anfragen im Kantonsrat, die gezielt gegen sie gerichtet sind. Sie empören sich, wenn Fehr ihre Büroräumlichkeiten umbauen lässt, sich auf Facebook ärgert über Podiumsteilnehmer, die eine Bundesrätin niederschreien, oder zu Feiern für neu gewählte Behördenmitglieder lädt.

An besagten Feiern hätten sich aber sogar Kritiker positiv geäussert, sagt Fehr. «Es lohnt sich, hinzustehen und die Auseinandersetzung zu führen, weil man nur so gemeinsam weiterkommt.» Sie geht gerne in die Höhle des Löwen und scheut sich nicht, wenn es schwierig wird.

Jacqueline Fehr im Interview

Jacqueline Fehr im Gespräch.

Erstmals schwierig in ihrem neuen Amt wurde es, als sich die Mutter aus Flaach im Gefängnis umbrachte. Fehr versammelte ihre Mitarbeiter, informierte die Medien. «Vertuschen ist ein No-Go», sagt sie. Als sich zeigte, dass die Gemeinden mit einem Paragrafen im neuen Gemeindegesetz kämpften und verzerrte Budgets präsentierten, griff sie hart durch. Auf Zeit zu spielen, um im Wahlkampf niemanden zu verärgern, ist nicht ihr Stil. Das Ergebnis gibt ihr recht: Der Paragraf wird angepasst – als schnellster Vorstoss der Legislatur.

Stich ins Wespennest

Nicht nur Schlagzeilenträchtiges treibt die Justizdirektorin um. Als Chefin setzt sie sich für flache Hierarchien ein und will, dass ihre Mitarbeiter ihr Potenzial entfalten können. Sie kümmert sich auch um Themen, die ein Schattendasein führten. Sie lässt die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im Kanton aufarbeiten, schaut sich die Untersuchungshaft an, die während 20 Jahren nicht mehr reformiert wurde, und entdeckt die Religion als neues Betätigungsfeld.

Auch dort stach sie in ein Wespennest, als sie vorschlug, muslimische Gemeinschaften staatlich anzuerkennen. Damals sei dieses Statement wichtig gewesen gegen die Stimmung, dass Muslime nicht in unsere Gesellschaft passten, sagt Fehr. Heute steht die Anerkennung nicht mehr im Vordergrund – auch weil sie selber dazugelernt hat. Der Kanton hat aber eine muslimische Seelsorge aufgegleist und einen wegweisenden Leitfaden entwickelt zur Zusammenarbeit mit Religionsgemeinschaften.

Die Legislaturerfolge von Jacqueline Fehr füllen neun A4-Seiten. «Es ist auch eine grosse Direktion», sagt sie fast entschuldigend, spricht aber auch über ihr Scheitern: Aus heutiger Sicht würde sie über die Entlassung des Dietiker Statthalters nicht mehr alleine entscheiden, sondern den Gesamtregierungsrat anrufen. Das Verwaltungsgericht befand die fristlose Entlassung von Adrian Leimgrübler als unrechtmässig.

Weil ihre Arbeit «wichtig, spannend und schwierig» sei, würde Fehr gerne Justizdirektorin bleiben. Sie weiss aber, dass das nicht selbstverständlich ist. Seit ihrer Brustkrebsdiagnose vor vier Jahren ist sie demütiger geworden: «Ich bin glücklich, wenn ich das Amt noch vier Jahre gesund ausführen kann. Danach schauen wir weiter.»