Öffentlicher Verkehr
Ab Ende 2022 kommen Tram-und Busbillette auch auf Anruf

Nach Protesten gegen die Schliessung zweier bedienter Billette-Verkaufsstellen plant der Zürcher Verkehrsverbund nun ein neues Angebot: Tickets auf Rechnung per Anruf.

Matthias Scharrer
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Die Schliessung bedienter Billette-Verkaufsstellen wie am Schwamendingerplatz in Zürich Nord sorgte für Protest und Innovation.

Die Schliessung bedienter Billette-Verkaufsstellen wie am Schwamendingerplatz in Zürich Nord sorgte für Protest und Innovation.

Florian Niedermann

Die Digitalisierung des Ticketverkaufs im öffentlichen Verkehr (ÖV) schreitet voran. Manche fühlen sich deshalb abgehängt. Um ihnen entgegenzukommen, plant der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) nun ein Pilotprojekt: Ab Ende 2022 soll die Kundschaft telefonisch Billette und Abonnements auf Rechnung bestellen können. So lautet der Plan, den auch andere ÖV-Anbieter verfolgen.

Doch der Reihe nach. Hintergrund der Neuerung waren Proteste gegen die Schliessung der bedienten ZVV-Verkaufsstellen am Schwamendinger- und am Goldbrunnenplatz in Zürich. Sowohl im Gemeinderat als auch im Kantonsrat gab es Vorstösse gegen die Ende 2018 erfolgten Schliessungen. Eine Mehrheit des Kantonsrats beauftragte den Zürcher Regierungsrat daraufhin, sich für den Erhalt dieser Verkaufsstellen einzusetzen. Doch die Regierung wollte dem Auftrag nicht so recht nachkommen.

«Die Kundenbedürfnisse sind halt, wie sie sind»

Sie verwies darauf, dass in Zürich weiterhin für 98 Prozent der Bevölkerung innert 20 Minuten eine bediente Verkaufsstelle zu Fuss oder per ÖV erreichbar sei. Die bedienten ZVV-Verkaufsstellen befinden sich am Paradeplatz, Bellevue, Albisriederplatz und Hauptbahnhof. Hinzukommen die ebenfalls bedienten Bahnhöfe Altstetten, Hauptbahnhof, Oerlikon, Enge und Stadelhofen auf Zürcher Stadtgebiet.

Ohnehin gehe der Trend weiter in Richtung selbstbedienter Ticketverkauf, die Verkaufszahlen der bedienten Stellen seien rückläufig. «Die Digitalisierung schreitet voran, und die Kundenbedürfnisse sind halt, wie sie sind», sagte Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) am Montag im Kantonsrat. Mehrere Kantonsratsmitglieder wiesen zudem darauf hin, dass der ZVV ab 2022 für jenen Teil der Bevölkerung, der sich mit der Technik schwer tue, auch per Anruf Tickets auf Rechnung anbiete.

Voraussichtlich werde dieses Angebot Ende 2022 starten, sagte dazu ein ZVV-Sprecher auf Anfrage dieser Zeitung. Die Idee sei, dass Inhaberinnen und Inhaber eines Swiss Pass den Kundendienst anrufen und sich ein Billett oder Abonnement auf ihren Swiss Pass laden lassen können, um dann per Rechnung zu bezahlen.

Die Möglichkeit, sich Einzelbillette auf den Swiss Pass laden zu lassen, sei aber in der ÖV-Branche erst in Planung, weshalb noch keine detaillierteren Angaben dazu möglich seien. «Es ist ein Nischenangebot», so der ZVV-Sprecher. Und wer noch keinen Swiss Pass habe, müsse für dessen Erwerb dann wohl doch noch zumindest einmal an einen bedienten Schalter gehen.

Grosse Preisunterschiede je nach Art des Billettkaufs

Für den Kantonsrat ist das Thema soweit erledigt. Zwar sei die Schliessung von bedienten Verkaufsstellen ein Abbau an Service Public, sagte Florian Meier (Grüne, Winterthur). Doch würden ohnehin nur noch rund fünf Prozent der ÖV-Kunden Tickets am Schalter kaufen.

Letztlich geht es wie so oft ums Geld. Daniel Sommer (EVP, Affoltern am Albis) rechnete vor, was die verschiedenen Verkaufswege für den ZVV finanziell ausmachen: Ein elektronisch erworbenes Billette verursache Kosten von 70 Rappen, am Automaten sei es ein Franken und an einer bedienten Verkaufsstelle fielen Kosten von 6.40 Franken pro Ticket an.

Enttäuscht vom Regierungsrat zeigten sich die Stadtzürcher Kantonsratsmitglieder Birgit Tognella (SP), Ruth Ackermann (Die Mitte) und Roland Scheck (SVP). Sie hatten das Postulat zum Erhalt der bedienten Verkaufsstellen am Goldbrunnenplatz und am Schwamendingerplatz eingereicht – und ihr Ziel nun nicht erreicht.

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