Die Krise ist noch da, aber ihre wütenden Kinder sind aus dem Epizentrum geschleudert worden – fast genauso schnell, wie sie dieses im letzten Herbst für kurze Zeit erobert haben. Und sie wissen, dass sie daran nicht ganz unschuldig sind.

Nicht nur diffuser Protest

Der 25-jährige Informatiker Dominic Schriber, der damals via Facebook zum Protest aufgerufen hatte, zeigt sich im Rückblick selbstkritisch. Es sei kein Zufall, dass die Aktivisten heute auf den Begriff «Occupy» verzichten, wenn sie dieser Tage ein wachstumskritisches Symposium in der Roten Fabrik veranstalten. Unter der neuen Chiffre «Danach» bereiten sie dort ein Comeback vor – aber diesmal eines, das nicht nur von diffusem Protest getragen sein soll, sondern von konkreten Vorschlägen für eine bessere Wirtschaft und eine bessere Welt. Schriber ist klar, dass viele Leute bei «Occupy» genau das vermissten.

Dabei war die Chance vielleicht eine einmalige, damals im Oktober 2011, weil zwei Momente zusammenspielten: Zur Empörung über die Kollateralschäden eines ausser Rand und Band geratenen Finanzmarktes kam dank dem Arabischen Frühling der Hoffnungsfunke, dass gesellschaftliche Veränderung von unten her möglich ist. Als 1000 Demonstranten den Paradeplatz besetzten und ein paar Dutzend davon auf dem Lindenhof ihre Zelte aufschlugen, hielt die Öffentlichkeit den Atem an und wartete auf konkrete politische Forderungen. Aber die kamen nicht.

Dominic Schriber spricht heute von einer lähmenden Gruppendynamik, wenn er zu erklären versucht, was damals im Zeltlager geschah. Für einige sei zwar klar gewesen, dass man die mediale Aufmerksamkeit nutzen müsse, um breitere Schichten für die eigenen Anliegen zu gewinnen. Das Problem war aber: Es gab kaum konkrete Anliegen, auf die sich die Aktivisten einigen konnten. Dies, weil sie sich strenge Regeln auferlegt hatten und nur einstimmig gefasste Entscheide der Vollversammlung gelten liessen. Wer hier vorgeprescht wäre, hätte sich verdächtig gemacht. Auch professionelle Organisationen und Umweltverbände, die sich gerne eingebracht hätten, seien auf Distanz gehalten worden – aus Angst, dass sie die Bewegung vereinnahmen könnten. «Unsere Ideale wollten wir nicht für den schnellen Erfolg opfern.» Die Konsequenz: Die Bewegung blieb sprachlos, und der Erfolg blieb aus. Zumindest, wenn man ihn an der Breitenwirkung misst. Die Medien konzentrierten sich mangels anderer Inhalte bald auf frierende Camper und Randständige.

«Auf diese Art chancenlos»

Der FDP-Kantonsrat Hans-Peter Portmann suchte damals als Mitglied des Zürcher Bankenverbands das Gespräch mit den Aktivisten. Er zeigte sich aufgeschlossen gegenüber Kritik an einer globalisierten Wirtschaft, die nur auf Gewinnmaximierung aus ist. Aber er fand keine verbindlichen Ansprechpartner mit konkreten Anliegen. Was er hörte, waren allenfalls Ideen, die in seinen Ohren utopisch klangen. Etwa der Ruf nach einer einzigen, weltweiten Währung mit einer Zentralbank, die zinslose Darlehen an alle ausgibt. Portmanns Urteil heute: Die weltweite Occupy-Bewegung habe die Leute zweifelsohne aufgerüttelt, aber ihr Zürcher Ableger sei mit seiner Art in breiten Kreisen der Bevölkerung chancenlos geblieben.

Die Aktivisten glauben indes, ihre Lehren gezogen zu haben. Nicht, indem sie sich auf eingängige programmatische Forderungen geeinigt hätten. Laut Schriber haben sie stattdessen die Vollversammlung aufgegeben und sich wieder jenen Interessengruppen zugewandt, aus denen sie gekommen waren. Die Resultate ihrer Arbeit präsentieren sie nun in der Roten Fabrik. Es ist ein Potpourri aus allen möglichen Ansätzen gesellschaftlicher Reformen. Das übergeordnete Ziel sei es, am Sonntag eine neue Allianz zu bilden, so Schriber. Wenn sie ihre nächste Chance im Scheinwerferlicht bekommen, wollen die ehemaligen Occupisten bereit sein, für konkrete Inhalte zu werben.