WEF 2012
Occupy-Aktivisten am Wef: Dünne Luft und langer Atem

Die Occupy-Zürich-Bewegung campiert am Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort plädieren die Aktivisten nicht nur für die Abschaffung des Elite-Treffens, sondern wollen auch ihrer eigenen Bewegung neues Leben einhauchen.

Matthias Scharrer
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Banner der Occupy-Aktivisten
9 Bilder
Iglu-Camp der Occupy-Aktivisten
Occupy besetzt Luftraum über Davos
Auf dem Kongresszentrum lauern Scharfschützen
Shuttle-Busse bringen WEF-Gäste zum Kongresszentrum
Occupy-Camp in Davos
Occupy Wef in Davos
Occupy-Aktivistin im Iglu-Eingang
Im Inneren eines Occupy-Iglus

Banner der Occupy-Aktivisten

Matthias Scharrer

Die beiden Frauen treffen sich vor einer Jurte im tief verschneiten Davos. Die eine, Simone Leuthold, ist 27 Jahre jung und wurde letzten Herbst in der Occupy-Zürich-Bewegung erstmals politisch aktiv. Die andere, Katharina Prelicz-Huber, hat 30 Jahre Politik auf dem Buckel, war Nationalrätin der Zürcher Grünen und präsidiert die Gewerkschaft VPOD. Sie sind gekommen, um gegen das gestern eröffnete World Economic Forum (Wef) zu protestieren. Und, um der Occupy-Bewegung neues Leben einzuhauchen.
«Das Wef ist abzuschaffen»
«Das Wef hat den Anspruch, die Welt zu verbessern», sagt Leuthold. Sie erinnert an den alten Wef-Slogan «Improving the World». «Wenn es wirklich darum ginge, müsste man das Wef viel breiter abstützen und auch die einbeziehen, die es betrifft.» Doch die Firmen- und Staatschefs bleiben im Davoser Kongresszentrum weitgehend unter sich. Leuthold, die Occupy-Aktivistin, Psychologie- und Philosophiestudentin aus Zürich, fordert deshalb: «Das Wef ist abzuschaffen. Die CEOs sind doch nur an Profitmaximierung und Wachstum interessiert. Das ist absurd, denn unser Planet ist begrenzt.»
Prelicz-Huber, die Politveteranin, pflichtet der Studentin bei. «Die Lösungen für eine gerechtere Welt kennen wir schon lange», sagt sie. «Zentral ist der Zugang zu Wasser, Nahrung und Bildung.» Die VPOD-Präsidentin erklärt, sie fühle sich wieder unterstützt von den Jungen, seit die Zürcher Occupy-Bewegung letzten September auf dem Paradeplatz begann. Nun verspricht sie der Bewegung ideelle und materielle Unterstützung durch den VPOD.
Das Camp auf einem Parkplatz unweit des Bahnhofs Davos Dorf umfasst neben den zwei Jurten drei kleine Iglus. Der Davoser Landammann Hans Peter Michel (FDP) persönlich legte Hand an, um die Iglus so zu bauen, dass sie nicht einstürzen. Dennoch senkten sich die Dächer unter der Last des Neuschnees leicht ab. «Ich schlief unruhig», sagt eine Aktivistin, die im Iglu übernachtete.

30 bis 40 Aktivisten vor Ort

30 bis 40 Occupy-Aktivisten sind derzeit laut Leuthold im Iglu-Camp - die meisten von ihnen aus dem Raum Zürich. «Aufs Wochenende hin dürften noch mehr kommen», meint sie, während wir in Richtung Kongresszentrum laufen, wo eine noch geheime Aktion mit Ballonen geplant ist.
Begleitet wird der Aktivisten-Tross von diversen Kameras. Eine davon führt der Zürcher Kunststudent David Borter. Er dreht einen Dokumentarfilm über die Occupy-Bewegung in Davos. Während die Bewegung in Zürich vor allem das Interesse der lokalen Medien auf sich zog, fokussieren in Davos Kamerateams aus aller Welt auf sie. «Gestern waren ARD und CNN da», sagt Leuthold, während ein Team US-Senders CNBC um sie herumstiefelt.
Es war still geworden um die Occupy-Bewegung, seit die Polizei ihr Camp auf dem Zürcher Lindenhof im Spätherbst geräumt hatte. Die Bewegung traf und trifft sich zwar immer noch Woche für Woche zu Vollversammlungen im reformierten Kirchgemeindehaus Zürich-Aussersihl. Doch in der Öffentlichkeit machte sie kaum noch von sich reden. Jetzt zeigt sich: Sie ist alles andere als tot.
Ihr Motto, die 99 Prozent der Bevölkerung zu repräsentieren, die sich die Hälfte des weltweiten Reichtums teilen müssen, während 1 Prozent die andere Hälfte einsackt, stösst noch immer auf Anklang. «Damit ernten wir auf der Strasse hier in Davos immer wieder ein freundliches Lächeln», sagt Aktivist Raphael Wüthrich und zeigt auf seinen 99-Prozent-Ansteckknopf.

Gemeinde lieh dem Camp einen Container

Einheimische hätten der Bewegung in Davos auch Wohnungen für die Wef-Woche zur Verfügung gestellt. Und: Die Gemeinde lieh dem Camp einen Container, in dem jetzt die Küche untergebracht ist. Geschirr und Vorräte stammen laut Leuthold grossteils noch aus Lindenhof-Beständen. Trotz aller Sympathie vonseiten der Davoser: Personenkontrollen durch Polizisten seien für die Occupy-Aktivisten an der Tagesordnung.
In einem Hinterhof unweit des Kongresszentrums füllen sie Gas in Wetterballone. An die Ballone hängen sie ein Transparent. Darauf steht: «Hey Wef! Where are the other 6,999 billion leaders?» (Wo sind die anderen 6,999 Milliarden Führer?)
Als die roten Ballone gut gefüllt sind, tragen die Aktivisten ihr gelbes Banner vors Kongresszentrum und lassen es in den grauen Himmel steigen. Die Luft in den Ballonen ist noch dünner als die Davoser Höhenluft. Doch die Occupy-Bewegung zeigt, dass sie einen langen Atem hat.