Wanzen und Schaben
Oberste Zürcher Schädlingsbekämpferin: «Staubläuse sind u-herzig»

Morgen Sonntag finden sich in Zürich 270 Schädlingsexperten aus der ganzen Welt ein. Organisatorin Gabi Müller leitet die Zürcher Beratungsstelle für Schädlingsbekämpfung und sagt im Interview, weshalb das Thema von globaler Bedeutung ist.

Oliver Graf
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Auch Schädlinge können schöne sein, sagt Gabi Müller. Ein Messingkäfer erinnert sie etwa an einen Teddybären. zvg

Auch Schädlinge können schöne sein, sagt Gabi Müller. Ein Messingkäfer erinnert sie etwa an einen Teddybären. zvg

Sie organisieren den Weltkongress über Schädlinge. Reisst man sich bei einem solchen Anlass um Tickets?

Gabi Müller*: Es haben sich 270 Fachleute angemeldet, das sind mehr als erwartet. Sie stammen aus allen Teilen der Welt, es reisen Personen etwa aus den USA, aus Australien und Pakistan an. Das ist nicht selbstverständlich. Ein solcher Kongress ist wegen seiner Anreise teuer, eine Teilnahme können sich nicht alle leisten. Wir von der Beratungsstelle Schädlingsbekämpfung der Stadt Zürich sind froh, den Kongress organisieren zu können. So findet er vor unserer Haustüre statt, und unser ganzes dreiköpfiges Team kann für einmal daran teilnehmen und profitieren.

Wie wichtig ist denn dieser Kongress?

Die Zusammenkunft findet nur alle drei Jahre statt. Deshalb hat er eine grosse Bedeutung. Denn das Thema Schädlinge und deren Bekämpfung muss internationaler behandelt werden. Wegen der globalen Erwärmung und der Globalisierung, um nur zwei Schlagworte zu verwenden, gibt es neue Herausforderungen. Gewisse Schädlinge breiten sich in neue Regionen aus, in denen sie zuvor nicht überleben konnten. Und Tiere werden von überall mit- und eingeschleppt.

In der Stadt Zürich breitet sich die Bettwanze wieder aus.

In der Tat haben wir deswegen deutlich mehr Anfragen. Lange gingen pro Jahr ein Dutzend ein. 2010 waren es erstmals wieder mehr als 50, im vergangenen Jahr erreichten wir mit 77 einen neuen Höchststand. Wobei Bettwanzen an sich ja nicht neu sind. Um das Jahr 1930 gab es im noch kleineren Zürich etwa 200 Fälle. Ein Problem war damals, dass die Wanzen mit Gas bekämpft wurden – das führte zu einigen Todesfällen. Deshalb wurde unsere Beratungsstelle gegründet.

Weshalb fühlt sich die Bettwanze in Zürich wieder so wohl?

Dass sie wieder vermehrt auftaucht, ist kein Stadtzürcher Phänomen. Es ist weltweit feststellbar.

Auf dem Programm Ihres Kongresses stehen auch Diskussionen über Bettwanzen in den USA und in Flugzeugen. Also ist die Reiserei schuld?

Bettwanzen werden natürlich gerne passiv auf Reisen eingefangen und im Koffer und in Kleidern nach Hause eingeschleppt. Es gibt meines Wissens auch Hotels in den USA, welche die Mitglieder von Flugzeug-Besatzungen, die ja viel herumreisen, immer auf derselben Etage unterbringen. Sie erhoffen sich dadurch, dass sie einen allfälligen Befall auf eine einzige Etage beschränken können.

Können Sie als Schädlings-Expertin eigentlich reisen? Sehen Sie nicht überall Käfer, Schaben und Wanzen?

Ich blicke schon unter die Matratzen (lacht). Aber ich habe auch auf Reisen in abgelegene Regionen gut geschlafen.

Wie sollten Touristen reagieren, wenn sie Bettwanzen im Hotel entdecken?

Sie sollen natürlich ein anderes Zimmer verlangen, am besten ein weit entferntes. Und sie müssen auf ihr Gepäck achten – es sollte nicht zu nahe am Bett stehen und geschlossen bleiben. Oft bemerkt man die Tiere aber zu spät, erst wenn man gestochen wurde und die Haut juckt. Dann ist das Wichtigste, dass man die Wanzen nicht nach Hause mitschleppt. Denn haben sie sich erst einmal eingenistet, wird man sie nur mit grossem Aufwand wieder los. Bei einem Befall hilft nur eine professionelle Schädlingsbekämpfung.

Wie wird denn verhindert, dass man Bettwanzen als Andenken mitbringt?

Falls man in einem verwanzten Raum übernachtet hat, sollte das Reisegepäck auf dem Balkon oder in der Waschküche ausgepackt werden. Können die Kleider nicht sofort gewaschen werden, gehören sie gut abgedichtet zwischengelagert. Etwa in einem mit Klebeband verschlossenen Abfallsack. Um die Kleider von den Wanzen zu befreien, müssen sie entweder heiss mit 60 Grad gewaschen oder während mindestens zehn Stunden in den Tiefkühler bei minus 17 Grad gelegt werden.

Anders als etwa Zecken übertragen Bettwanzen aber keine Krankheiten.

Ja, Zecken stufe ich in unserer Region für die Menschen als die gefährlichsten Schädlinge ein. Man muss sich wirklich schützen, wenn man in bekannte Zeckengebiete geht. Aber auch Bettwanzen können das Leben einer Person stark beeinträchtigen. Weit über die Hautreizungen hinaus. Denn die Tiere wohnen quasi in ihrem Bett mit. Das verunsichert. Das kann das Leben vermiesen. Einige Betroffene fühlen sich nach einem Befall jahrelang unsicher. Sie vermeiden es etwa, zu reisen oder bei Bekannten zu übernachten.

In Ihrer Beratungsstelle gehen jährlich gegen 2000 Anfragen ein. Die Bettwanze ist nur einer von vielen Schädlingen. Am häufigsten klagen die Zürcher über Wespen.

Mit rund zehn Prozent aller unserer Fälle sind Wespen mit Abstand das grösste Problem. Wobei, für mich sind Wespen gar keine Schädlinge, sie bekämpfen im Garten ja verschiedene richtige Schädlinge. Am bevorstehenden Weltkongress ist übrigens auch kein einziger Vortrag über Wespen geplant. Aber es gibt Personen, die allergisch auf die gelb-schwarzen Tiere sind. Und von den sechs Wespenarten, die in Siedlungsnähe leben, bauen zwei ihre grossen Nester auch in Storenkästen und können so lästig werden. Da gilt es dann halt eben auch, einzugreifen.

Welche weiteren Tiere sorgen bei den Zürchern derzeit für Unmut?

Nachfragen ergeben sich über alles, was irgendwie in die Wohnung reinkommt. Ob es nun Käfer sind, Fliegen oder Kellerasseln. Die Leute wollen einfach wissen, was sie da in ihren Räumen haben. Dabei handelt es sich meistens nicht einmal um Schädlinge, die bekämpft werden müssen. Und es gibt so viele verschiedene Arten, dass wir in unserer Statistik zahlreiche Tiere haben, die pro Jahr nur gerade einmal aufgetaucht sind.

Welches ist der grösste Irrtum, der in der Bevölkerung bezüglich der Schädlinge besteht?

Dass sich Betroffene schämen zu sagen, dass sie in ihrer Wohnung Schädlinge haben. Viele glauben, sie seien selber schuld. Man kann seine Wohnung noch so gut putzen – das nützt aber nichts, wenn der Nachbar Bettwanzen oder Ameisen aus den Ferien mitbringt. Deshalb müssten Betroffene auch offener über Schädlinge reden. Etwa bei den Nachbarn nachfragen, ob sie bei ihnen auch aufgetreten sind. Ist ein ganzes Haus befallen, bringt es nichts, wenn ein einzelner Bewohner in seiner Wohnung die Schädlinge bekämpfen lässt. Dann kehren sie später wieder zurück.

Gibt es auch schöne Schädlinge?

Ich habe viele Lieblingstiere. Mir gefällt beispielsweise der Messingkäfer. Mit seinen messingfarbenen Haaren, seinem runden Kopf. Er erinnert mich an eine Art Teddybär. Und auch die Staubläuse, die anders als ihr Name vermuten lässt, gar kein Blut saugen, sind u-herzig.

Staubläuse? Wirklich?

Ich finde schon. Es sind übrigens nicht nur die Fachleute, welche all diese Tiere auch für schön halten können. Erkläre ich den Personen, die verunsichert unsere Beratungsstelle aufsuchen, was jene Mücke oder jene Schabe tut, wie sie sich bewegt oder wie sie unter dem Mikroskop aussieht, dann sind viele fasziniert. Oder zumindest interessiert.