Leseratten
Ob auf dem Friedhof oder in ehemaligen Telefonkabinen: In Zürich boomen die Bücherschränke

Ausleihen, zurückbringen oder behalten – darin unterscheiden sich öffentliche Buchschränke von Bibliotheken.

Lina Giusto
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In der alten Telefonkabine der ehemaligen Poststelle beim Beckenhof ist ein öffentlicher Bücherschrank installiert

In der alten Telefonkabine der ehemaligen Poststelle beim Beckenhof ist ein öffentlicher Bücherschrank installiert

Lina Giusto

Ecke Stampfenbachstrasse-Nordstrasse im Zürcher Kreis 6. Eine junge Frau öffnet den roten Schrank, der in einer ehemaligen Telefonzelle des alten Postgebäudes beim Beckenhof steht. Bücher werden sichtbar. Die Frau kramt aus ihrer Tasche ein Buch hervor, dann noch eines. Insgesamt vier Krimis stellt sie in den Schrank. Sie schliesst ihn wieder und geht. Mitnehmen will sie offenbar nichts. Obwohl sie das dürfte.

Es hat unterschiedlichste Literatur im öffentlichen Bücherschrank des Internationalen Seminars für analytische Psychologie nach C. G. Jung (ISAP). Seit Ende 2015 betreibt das Institut diesen Bücherschrank und sorgt für dessen Unterhalt. Regelmässig überprüfen Mitarbeiter den Inhalt, stellen Bücher rein oder nehmen welche raus. Das kann auch jeder Anwohner und Passant tun.

Grosses Interesse an Bücherbox

Isabelle Meier, Initiantin des Projektes am Beckenhof und Psychologin bei ISAP, sagt: «Das Interesse an der Bücherbox ist gross. Die Gäste des gegenüberliegenden Hotels holen oft englische Bücher. Wir beobachten aber auch Eltern mit ihren Kindern, die regelmässig Bücher ausleihen oder welche in die Box legen.» Vor allem an den psychologischen Büchern, die das Institut zur Verfügung stellt, sei das Interesse gross.

Die Idee von öffentlichen Bücherschränken wie jenem von der ISAP hat sich bereits in den 1990er-Jahren entwickelt. Jedoch erst, als 2001 ein solches Projekt im deutschen Mainz im Rahmen eines Wettbewerbs prämiert wurde, fand das Konzept zahlreiche Nachahmer. Das erste öffentliche Bücherregal der Schweiz entstand 2011 in Basel. Ein Jahr später installierte das Café Gloria an der Josefstrasse in Zürich ein öffentliches Bücherregal.

Der Standort ist bewusst gewählt

Öffentliche Bücherschränke lagern Bücher mit dem Ziel, dass diese kostenlos, anonym und ohne jegliche Formalitäten getauscht, mitgenommen oder eben angeboten werden. Es gibt auch öffentliche Bücherregale, die von Einrichtungen wie Kirchen oder Bibliotheken betrieben werden. Diese aber sind meist nur für eine befristete Zeit zugänglich. In der Regel bieten sie die Bücher zum Lesen oder Mitnehmen an. Mitgebrachte Lektüren jedoch werden regelmässig aussortiert.
Nach diesem Prinzip funktionieren die Bücherschränke in den Zürcher Badeanstalten wie auch ein Pilotprojekt auf dem Friedhof Sihlfeld. Sie sind als Kooperation der Stadt Zürich zusammen mit der Pestalozzi Bibliothek Zürich (PBZ) entstanden. Die Ortswahl der Schränke ist nicht zufällig, wie Gabriela Mattmann, Chefbibliothekarin der PBZ, erklärt: «Die Bücherschränke stehen dort, wo die Freizeit der Menschen stattfindet.»

So sei der Friedhof nicht nur ein Ort der Trauer, sondern werde mehr und mehr als Parkanlage, also ein Ort der Erholung, verstanden. Die Reaktionen auf den Bücherschrank im Friedhof seien positiv. «Je nach dem kommen im nächsten Jahr noch weitere Bücherschränke auf den Zürcher Friedhöfen hinzu. Die Abklärungen dazu laufen», so Mattmann.
Der Nutzer ist verantwortlich

Wie eine Tauschbörse

Während also die Bücherschränke der PBZ einen Geschenkcharakter aufweisen, funktioniert jener am Beckenhof eher wie eine Tauschbörse. Vor allem aber geht es um die Freiwilligkeit des Weitergebens. Trotz der Funktionsunterschiede gehören alle Arten von Bücherschränken wie auch die Bibliotheken zur Sharing Economy. In dieser ökonomischen Theorie rückt das Teilen an die Stelle des Besitzens. Während Bibliotheken dem Produkt-Service-Markt zugeordnet werden, gehören Bücherschränke zum Verteilungsmarkt.

Während also in Bibliotheken die Werke gezielt gesammelt, ausgewählt und eingeordnet werden, passiert genau das bei Buchschränken nur bedingt. Insbesondere wird die vorhandene Literatur für den Nutzer in Bücherschränken nicht nach Thema oder Historie eingeordnet. Während Bibliotheken sich darin verstehen, Wissen zu bewahren und zu überliefern, vermitteln die Bücherschränke dieses ebenfalls nur teilweise. Dies obliegt der Verantwortung des Nutzers.