Ali ist die Anstrengung anzusehen. Die Augen sind zusammengekniffen, die Mundwinkel nach unten gezogen. Sein gesamter Körper ist nach oben gewölbt, nur sein Hinterkopf und seine Füsse berühren die Ringmatten. River, sein Kontrahent, hat ihn fest im Griff und versucht mit aller Macht, ihn auf den Boden zu drücken. Dadurch hätte er den Kampf gewonnen. Aber Ali wehrt sich, so gut es geht, und kann sich schliesslich aus der Umklammerung befreien. Die beiden lösen sich kurz, bevor der Kampf von vorne beginnt.

Ali und River sind beide zwölf Jahre alt und duellieren sich an diesem Donnerstagabend im Ring des Iron MMA Fitness Gym in Schlieren. Dort trainieren jeweils die Mitglieder des Zürcher Ringer Clubs ZRC, den es erst seit zehn Monaten gibt. Ringen, sagen Ali und River, mache Spass – auch wenn man ihnen das während des Kampfes nicht anmerkt. «Im Kampf ist man aggressiv», sagt Ali, der am vergangenen Samstag sogar NAGA-Champion in seiner Gewichtsklasse wurde. «Aber danach sind wir wieder Kollegen.»

Kollegen haben Ali auch zum Ringen gebracht. River hingegen, der in seiner Gewichtsklasse kürzlich Vize-Schweizermeister wurde, hat wie sein jüngerer Bruder Stone die Begeisterung für die Sportart von seinem Vater Rafael Perlungher geerbt, der beim ZRC als Headcoach sowohl für die Erwachsenen als auch die Junioren fungiert. Bei den Junioren hat Perlungher zu Beginn nur seine beiden Söhne trainiert. Mittlerweile sind es rund 20 Kinder im Alter zwischen vier und 16 Jahren, darunter auch drei Mädchen. Macht es den Jungen nichts aus, gegen Mädchen zu kämpfen? «Ich finde es cool, dass Mädchen auch ringen», sagt River. «Aber mir ist es egal, gegen wen ich kämpfe. Wenn ich im Ring stehe, schaue ich nicht, ob es sich beim Gegner um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Ich schaue nur auf die Beine.»

Zum Training gehören aber nicht nur Kämpfe. In einer Übung steht Perlungher mitten im Ring, in der Hand ein Seil, an dessen Ende ein Boxhandschuh befestigt ist. Um Perlungher herum stehen die Kinder im Kreis. Dann schwingt der Trainer das Seil im Ring herum – einmal am Boden, einmal auf Brusthöhe. Wer vom Handschuh berührt wird, der muss Liegestütze machen. Die Kinder springen auf und ducken sich abwechslungsweise – ein Training in Geschicklichkeit. «Beim Ringen ist die Technik sehr wichtig», sagt Renaldo Zimmermann, der früher selbst mal Ringer war und dessen Sohn jetzt ebenfalls in Schlieren trainiert. «Es geht nicht darum, wer am meisten Kraft hat.»

Die Stimmung bei der Übung mit dem Boxhandschuh ist gelöst, Kinder und Trainer müssen immer wieder lachen. Doch manchmal wird Perlungher auch ernst – wenn die Kinder die Konzentration verlieren oder sich nicht an seine Anweisungen halten, was immer wieder vorkommt. Auch deshalb ist für den Headcoach das Training mit den Nachwuchsringern deutlich herausfordernder als jenes mit den Erwachsenen. «Das ist jedes Mal Borderline», sagt er und lacht. «Aber die Kinder sind so dankbar, wenn man ihnen etwas beibringt. Das spürt man, und das macht solch grosse Freude.»

Und die Kinder freuen sich über ihre Fortschritte. So wie Leonardo. Der Zehnjährige trainiert seit einem halben Jahr im ZRC. «Am Anfang hatte ich Angst vor Verletzungen», gesteht er. «Da habe ich fast jeden Kampf verloren.» Dann aber wurde Leonardo an einem Turnier erst Zweiter und schliesslich Erster.

Verletzungen kommen gemäss den Nachwuchsringern jedoch selten vor. «Ich habe mir einmal den Fuss verdreht», sagt Ali. «Aber im Fussball hatte ich schon einen Bänderriss erlitten, das tat deutlich mehr weh.»

Obwohl das Verletzungsrisiko gering ist, sind die Reaktionen der Kollegen in der Schule auf die gewählte Sportart der jungen Ringer gemischt. «Die einen finden es nicht cool, die anderen wollen auch ringen», sagt Leonardo. Und Ali fügt hinzu: «Manche fragen, ob Ringen nicht brutal sei.» Auf jeden Fall aber hätten die Klassenkameraden mehr Respekt, wenn sie wüssten, dass man ringe.

Kinder werden ruhiger

Den Kindern Selbstbewusstsein zu vermitteln, ist eines der Ziele der Verantwortlichen beim ZRC. Ein anderes ist es, Kinder zu beruhigen, die im Alltag Probleme machen. «Wir hatten im Training auch schon Zappelphilippe oder Kinder, die aggressiv waren», sagt Daniel Kummer, Präsident des Zürcher Ringer Clubs. «Diese haben sich nach wenigen Monaten total verändert. Und in welcher Sportdisziplin schafft man das schon?»

Überhaupt sieht Kummer den Ringsport als soziale Aufgabe. «Kinder, die unter Aggressionen und einem unterdrückten Bewegungsdrang leiden, profitieren ungemein von der Einbindung in ein Team», sagt Kummer. Hinzu kommt, dass im ZRC verschiedene Nationen vertreten sind. So kämpfen bei den Junioren auch die Kinder von einem türkischen Ringer aus der Türkei, bei den Erwachsenen sind eine Iranerin und ein mehrfacher russischer Meister dabei. «Während ansonsten oft von Integration gesprochen wird», sagt Kummer, «so wird diese im ZRC eins zu eins gelebt.»

Im Herbst dieses Jahres wollen die Zürcher Ringer dann auch in der 1. Liga der Swiss Wrestling Federation starten, dem Schweizerischen Amateurringerverband. Die guten Resultate an den 18 Turnieren, an denen die Ringer bisher teilgenommen haben, lassen sie von höheren Zielen träumen. «Wir wollen mal in die Nationalliga A kommen», sagt Kummer.»
Ob Ali, River und Leonardo auch mal in der Nationalliga A ringen werden, steht in den Sternen. Leonardo will Profiringer werden.

Ali hingegen liebäugelt mit einer Karriere als Fussballer. «Wenn mir das nicht gelingt», sagt er, «möchte ich eines Tages Mixed-Martial-Arts-Kämpfer werden.» Für River, der ebenfalls Fussball spielt, ist das Ringen momentan am wichtigsten. «Aber eines Tages», sagt er, «hat vielleicht Mixed Martial Arts Priorität für mich.» Mit dem Ringen wäre er zumindest auf dem Weg dazu. «Wer MMA trainieren möchte, muss sich zunächst eine solide Basis als Ringer erarbeiten», so Rafael Perlungher. Und was hält er von der Idee seines Sohnes, MMA-Kämpfer zu werden? «Wenn er so weit ist, soll er es ruhig ausprobieren», sagt er.

Vorerst konzentrieren sich Perlungher und seine Söhne aufs Ringen. Und darauf, die Sportart in der Region populärer zu machen. «Wir planen in den kommenden Jahren einen eigentlichen Zürcher Ringertag mit Festwirtschaft, einem Stier als Hauptpreis und Ländlermusik», sagt Kummer. «Erste Gespräche mit der öffentlichen Hand waren sehr vielversprechend.»