Zürich

Notfalltelefon für Bauern: «Sie sollen wissen, dass jemand da ist, der ihnen zuhört»

Viel Arbeit, immer wenig Verdienst: Die Zahl der Bauern, die in eine Negativspirale geraten, nimmt zu.

Novum in der Schweiz: Angesichts der existenzbedrohenden Lage vieler Bauern im Kanton Zürich, richtete der kantonale Bauernverband kürzlich ein Notfalltelefon ein. Betreut wird es vom Agronomen Hansueli Lareida. Für ihn ist absolut klar, warum so viele Bauern heute verzweifelt sind.

Vor wenigen Wochen wurde im Kanton Zürich ein Notfalltelefon für Bauern eingerichtet, das es so in der Schweiz bisher noch nicht gab. Weshalb braucht es dieses neue Hilfsangebot?

Hansueli Lareida: Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass sich in der Landwirtschaft schweizweit immer mehr Einzelpersonen und Familien in einer schwierigen Situation befinden. Auch im Kanton Zürich gibt es Bauern, die dringend auf Hilfe angewiesen sind. Die Problematik hat sich in jüngster Zeit sogar noch akzentuiert. Viele Leute haben aber eine Hemmschwelle, sich irgendwo zu melden. Beim Zürcher Bauernverband ist deshalb die Überzeugung gereift, ein Angebot ins Leben zu rufen, in dem ich als Agronom und Mitarbeiter des Beratungsdienstes des Bauernverbandes den Hilfesuchenden auch ausserhalb der Bürozeiten zur Seite stehen kann.

Sie stehen den Bauern also jederzeit als Gesprächspartner zur Verfügung?

Ja. Denn wenn jemand schon den Mut aufbringt, uns in einer Notsituation anzurufen, dann darf die Hilfestellung nicht an unseren Bürozeiten scheitern.

Wie viele Bauern haben bis heute angerufen?

Sagen kann ich zumindest, dass es seit der Inbetriebnahme des Notfalltelefons mehrere Anrufe von verzweifelten Personen gab, denen ich beistehen konnte. Oft führte ich ein erstes, längeres Telefonat, dem anschliessend weitere Gespräche folgten. Wenn es gewünscht wird, versuche ich später vor Ort, mich mit allen Beteiligten an einen Tisch zu setzen. Gemeinsam versuchen wir eine Einordung der Probleme vorzunehmen und nach Lösungen zu suchen. Dann geht es darum, etwas Struktur in die weitere Vorgehensweise reinzubringen. Ich helfe also mitaufzuzeigen, welche Probleme als erstes gelöst werden sollten.

Dann ist also der Bedarf für ein Notfalltelefon tatsächlich ausgewiesen?

Aus heutiger Sicht: Ja. Die weitere Entwicklung lässt sich aber natürlich momentan noch nicht abschätzen.

Was bedrückt die Bauern derzeit am meisten?

Zu jenen Themen, die im Vordergrund stehen, gehört sicher die finanzielle Situation der Bauern. Die Liquidität nimmt ab. Die Verschuldung nimmt zu. Das lässt viele Bauern verzweifeln. Klar ist, dass gerade aufgrund des Marktdrucks und der schlechten Preise viele Landwirtschaftsbetriebe in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. Neuinvestitionen sind so kaum mehr möglich.

Was treibt die Landwirte sonst noch um?

Ein anderes Thema, das die Bauern sehr stark beschäftigt, sind die teils immer höheren Auflagen, die vonseiten des Bundes gemacht werden. Nicht alle Bauern sind immer ajour. Die Konsequenz ist, dass sie deshalb geahndet werden. Und das wiederum drückt stark auf die Moral. Zudem gibt es immer wieder besondere familiäre Konstellationen, die zu verhärteten Konflikten führen. Nicht wenige verlieren dann den Glauben an eine Lösung und können keinen Ausweg mehr sehen.

A propos: «Keinen Ausweg mehr sehen». Nach einer Suizid-Serie auf Bauernhöfen in der Waadt werden die Landwirte in der Westschweiz von einem Pfarrer betreut. Sprechen Sie das Thema «Suizid» im Gespräch mit den Bauern direkt an?

Ich spüre oft sehr rasch, wie es dem jeweiligen Menschen, der anruft, tatsächlich geht. Wenn eine latente Gefahr da ist, dann spreche ich das Thema durchaus an. Uns geht es aber mit dem Notfalltelefon vor allem darum, den Bauern zu zeigen, dass wir sie nicht allein lassen wollen in ihren Problemen. Dass immer jemand da ist, der ihnen zuhört, sie versteht und Hilfestellung anbietet. 365 Tage im Jahr, wie es die Bauern auch von ihrem Beruf her gewohnt sind.

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