Tourismus
«Not macht erfinderisch»: Zürcher Stadtführerin bietet einen virtuellen Stadtrundgang an

Die Zürcher Stadtführerin Sandra Claus fragt sich, ob die Lust am Reisen nach der Krise wiederkommt – und bietet Alternativen.

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Sandra Claus arbeitet seit 2006 als Stadtführerin in Zürich - jetzt auch virtuell.

Sandra Claus arbeitet seit 2006 als Stadtführerin in Zürich - jetzt auch virtuell.

Matthias Scharrer

Die hiesige Tourismusbranche spürte die Coronakrise schon früh: Ende Februar meldete Zürich Tourismus zwar noch, dass 2019 erneut ein Rekordjahr war, mit 6,5 Millionen Logiernächten. Doch in der gleichen Medienmitteilung wurde bereits vor Ausfällen für 2020 gewarnt.

Anfang März bekam auch Sandra Claus, selbstständige Stadtführerin in Zürich, die Krise zu spüren: Kunden, die Führungen bei ihr gebucht hatten, fragten, ob man so etwas denn noch machen könne. Nachdem der Bund dann den weitgehenden Lockdown inklusive Versammlungsverbot verfügte, wurden alle Buchungen bis September von den Kunden annulliert, sagt Claus.

Die 42-jährige, die einst eine Lehre in einem Reisebüro machte, arbeitet seit 2006 als Stadtführerin in Zürich. Ein zweites berufliches Standbein hat sie in der Eventbranche. Doch auch die liegt darnieder, gebeutelt von der Coronapandemie.

«Not macht erfinderisch», sagt Claus, als sie im Gespräch mit zwei Metern Abstand auf einer langen Bank am Münsterhof von ihrer neuen Geschäftsidee erzählt: virtuelle Stadtführungen. Eine Bekannte, die nun online Yogalektionen gibt, habe sie auf die Idee gebracht.

Gedacht, getan. Claus engagierte einen Filmer und zog mit ihm durch die wegen des Lockdowns fast menschenleere Zürcher Altstadt. Sie erzählte die Geschichten, die sie schon unzählige Male auf Führungen erzählt hatte – nun aber nicht einer Gruppe von 10 bis 20 Personen, sondern in Richtung Kamera. «Eine ungewohnte Situation», sagt Claus.

Es sind Geschichten wie jene von den Erkern, die im 17./18. Jahrhundert an die Häuser der Altstadt angebaut wurden, damit auch Frauen, die ohne Mann nicht auf die Strasse durften, von zu Hause aus den Überblick behielten. Oder vom Lindenhof, wo einst die alten Römer zur Limmat hin ihre Zollstation errichteten, später dann eine mittelalterliche Absteige für Kaiser und Könige entstand, bis Zürich im 13. Jahrhundert reichsfrei wurde und entschied, dass fortan niemand mehr auf dem Lindenhof bauen dürfe.

Knapp 500 Kunden in zwei Wochen

Der so entstandene 13-minütige Film ist nun im Internet zu sehen, für 1,95 Franken. So hofft Claus, zunächst einmal die Produktionskosten von 3500 Franken wieder hereinzuholen. Sie schrieb rund 300 E-Mails, bis nach China und Indien, um ihre virtuellen Zurich City Tours bekannt zu machen. So habe sie ein indisches Reisebüro gefragt, ob es Kunden habe, die eine Reise nach Zürich geplant hatten und jetzt virtuell auf diese Reise gehen wollten. Auch Altersheime kontaktierte sie, damit deren Bewohner zumindest online wieder einmal in die Stadt könnten. In den ersten zwei Wochen, seit der Film im Netz ist, wurde er laut Claus knapp 500 mal angeschaut. Die virtuelle Altstadt-Führung ist auf Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Englisch erhältlich. Etwa die Hälfte der Abrufe habe die Schweizerdeutsche Fassung betroffen, je ein Viertel die Hochdeutsche und die Englische.

Ob sich so dereinst ein Einkommen erwirtschaften lässt, nachdem einmal die Produktionskosten refinanziert sind, bleibt abzuwarten. Claus sagt: «Das Virtuelle kann auch später noch funktionieren, wenn der Bundesrat das Versammlungsverbot wieder aufhebt. Wer weiss, ob die Leute dann noch Lust haben, sich in grösseren Gruppen durch die Stadt führen zu lassen? Wer weiss, ob sie dann im gleichen Ausmass reisen wie bisher?» Vielleicht trete aber auch ein Jetzt-erst-recht-Effekt ein. Wer weiss.

40 von 165 Hotels im Raum Zürich sind noch offen

Normalerweise würde jetzt die Hochsaison für den Städtetourismus anlaufen. Doch die Coronakrise hat auch hier gravierende Folgen: «Es gibt noch Hotels, die offen sind. Aber der Tourismus ist mehr oder weniger zusammengebrochen», sagte ein Sprecher von Zürich Tourismus gestern auf Anfrage.

Martin von Moos, Präsident des Zürcher Hotelierverbands, nennt Zahlen: Von den 165 Hotels im Raum Zürich, die dem Verband angehören, seien derzeit noch etwa 40 offen.

In den Hotels, die noch geöffnet seien, schätzt er die aktuelle Auslastung auf null bis fünf Prozent. Die Gäste seien vereinzelte Durchreisende oder Leute, denen zu Hause die Decke auf den Kopf falle und die deswegen mal im Hotel übernachten wollen.

Hotels dürfen zwar trotz dem vom Bundesrat Mitte März angeordneten Lockdown noch offen haben und ihren Übernachtungsgästen Verpflegung anbieten. «Aber es ist auch nicht lustig, wenn man allein im Speisesaal sitzt» sagt von Moos. Die Bars und Restaurants der Hotels sind für die Öffentlichkeit geschlossen, auch Kongresse fallen weg.

«Man kann Hotels so nicht kostendeckend betreiben», erklärt der Zürcher Hoteliers-Präsident. «Bei einer angeordneten Schliessung wären wenigstens manche Versicherungen für den Schaden aufgekommen.»

Wichtig sei nun, dass der Bundesrat bald kläre, wie und wann er die Lockerung des Lockdowns auch im Hinblick auf die Hotels gestalten wolle, so von Moos. (mts)