Wahlen 2015
Noser, Girod oder Vogt: Wer begleitet Daniel Jositsch nach Bern?

Ruedi Noser (FDP), Bastien Girod (Grüne) oder Hans-Ueli Vogt (SVP): Wer das Rennen um den zweiten Zürcher Ständeratssitz gewinnen wird, entscheidet sich in zwei Wochen. Eine Auslegeordnung

Matthias Scharrer und Oliver Graf
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Girod, Vogt oder Noser? Am 22. November gilts ernst.

Girod, Vogt oder Noser? Am 22. November gilts ernst.

Limmattaler Zeitung

Bastien Girod (Grüne)

Die Person

Er ist der Sonnyboy unter den drei Kandidaten. Girod wurde als Jungspund im Rahmen einer Protestaktion gegen Polizeikontrollen, bei denen sich die Kontrollierten ausziehen mussten, durch seinen Waschbrettbauch bekannt. Später sorgte seine Heirat mit einer Ex-Miss-Zürich für Boulevard-Schlagzeilen. Längst hat sich der 34-Jährige, kürzlich Vater geworden, ein seriöses Polit-Image erarbeitet.

Der Politiker

Bastien Girod vertritt als «Mister Energiewende» grüne Kernanliegen. Im Kanton Zürich hat er der Kulturlandinitiative zum Durchbruch verholfen. Im Ständerat will er sich nach der «übermässigen Zunahme des rechts-bürgerlichen Lagers» unter anderem für intakte Natur und Schutz der Umwelt, bezahlbare Wohnungen und ein gutes Verhältnis mit der EU einsetzen. Das seien Themen, die die Zürcher beschäftigten.

Die Unterstützer

Grüne, SP, AL; unter anderem Pro Natura, Bird Life und Dachverband Regenbogenfamilie.

Ruedi Noser (FDP)

Die Person

Von Anfang an war der FDP-Kandidat in der Favoritenrolle, deshalb drängte sich der 54-Jährige im Wahlkampf wohl auch nicht in den Vordergrund. Das wäre auch gar nicht seine Art gewesen. Der gebürtige Glarner stammt aus einfachen Verhältnissen, hatte als Legastheniker Mühe in der Schule. Dennoch arbeitete er sich hoch zum Unternehmer, dessen Firma heute fast 500 Mitarbeitende beschäftigt.

Der Politiker

In der FDP Schweiz spielte Pullover-Träger Noser eine wichtige Rolle, als der krisengeschüttelte Freisinn sein Image als Vertreter einer abgehobenen Manager-Kaste abzuschütteln versuchte. Zürich brauche offene Märkte für seine Dienstleistungen und Produkte sowie gute Rahmenbedingungen für den Finanzplatz, nannte der Freisinnige gegenüber dieser Zeitung als «Kernanliegen», das er als Ständerat in Bern voranbringen will.

Die Unterstützer

FDP, CVP, EVP, BDP, EDU; unter anderem «Forum Zürich» (Zusammenschluss von Verbänden wie Hauseigentümerverband und kantonaler Gewerbeverband).

Hans-Ueli Vogt (SVP)

Die Person

Der Rechtsprofessor ist im Kantonsrat meistens in seinen Computer vertieft. Doch wenn er das Wort ergreift, hört man ihm zu. Vogt kam der SVP gerade recht, als sie sich im Laufe des Wahlkampfs 2015 auch ein etwas jüngeres, urbaneres, intellektuelleres Image zulegte. Der 45-Jährige lebt in Zürich, bekennt sich zu seiner Homosexualität, mag Schlager und trägt neuerdings einen Dreitagebart.

Der Politiker

Vor seiner Ständeratskandidatur war Kantonsrat Hans-Ueli Vogt eher unbekannt. Durch die von ihm massgeblich geprägte Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht» positionierte er sich als strammer SVPler, dem die Unabhängigkeit der Schweiz höchster Wert ist. In Bern will er sich für «freiheitliche Rahmenbedingungen für Unternehmen» einsetzen. Es brauche einen Ständerat, der von Wirtschaftsrecht und den Gefahren der Überregulierung etwas verstehe.

Die Unterstützer

SVP; Zürcher Bauernverband.

Rechenspiele: Vogt/Noser/Girod gewinnt, wenn ...

Die Zahlen des ersten Wahlgangs sprechen eine klare Sprache. Hinter Daniel Jositsch (SP), der am 18. Oktober die Hürde des absoluten Mehrs bereits übersprang und gewählt wurde, ergab sich eine klare Reihenfolge:
Ruedi Noser (FDP): 148 558 Stimmen
Hans-Ueli Vogt (SVP): 123 144, Bastien Girod (Grüne): 80 737

Vogt lag damit schon mehr als 25 000 Stimmen hinter Noser und dem zweiten Ständeratssitz zurück. Und Girod erzielte nur etwas mehr als die Hälfte der Stimmen, die auf den FDP-Politiker entfielen. Doch für den zweiten Wahlgang, der am 22. November stattfindet, bedeutet dieser klare Zieleinlauf nichts: Die Ausgangslage ist eine völlig andere. Einerseits treten lediglich drei Kandidaten an. Andererseits gilt es nur noch einen Sitz zu besetzen. Das heisst: Auf dem Wahlzettel, auf den sich im ersten Wahlgang noch ein Duo notieren liess, ist jetzt nur noch eine Linie auszufüllen. Das lässt keinen grossen Raum für taktische Spiele zu.
Das bringt insbesondere Hans-Ueli Vogt in die Bredouille. Die SVP kann in der Regel im zweiten Wahlgang nicht mehr zulegen. So erreichte etwa Christoph Blocher 2011 im ersten Durchgang 131 000 Stimmen, im zweiten waren es noch 124 000. Vogt kann im zweiten Wahlgang, weil auch der Freisinn antritt, kaum auf zusätzliche Fremdstimmen hoffen. Selbst die sehr wertkonservative EDU unterstützt FDP-Noser, weil ihr dieser in «familienpolitischen Positionen» näher liege.

Die SVP hat die Limite erreicht

Damit kann Hans-Ueli Vogt lediglich auf die eigene Wählerbasis zurückgreifen. Bei den Nationalratswahlen erreichten die SVP und ihre Unterlisten im Kanton Zürich einen Anteil von 31 Prozent. Ein paar Stimmen von der SVP könnten aus Angst vor einem linken Zürcher SP-Grünen-Duo im Ständerat zudem noch zum bürgerlichen Noser wandern, sodass eine Marke von rund 30 Prozent für Vogt die Limite zu sein scheint.
Ruedi Nosers Ausgangslage ist komfortabler. Zwar ist seine Stammwählerschaft, wenn man die Nationalrats-Ergebnisse im Kanton heranzieht, nur halb so gross wie jene von Vogt (15 Prozent). Doch haben ihm verschiedene Mitteparteien die Unterstützung zugesagt. Sollte der Grossteil der Stimmen der BDP-, CVP- und EVP-Wähler (sowie eben jene der EDU) zukommen, läge Noser schon bei 35 Prozent. Zusätzlich wird er auch auf viele Stimmen aus Kreisen der GLP sowie auf einige von SVP- und SP-Wählern zählen können.
Der dritte Kandidat Bastien Girod verfügt über die kleinste Heimbasis; die Grünen kamen auf einen Wähleranteil von fünf Prozent. Allerdings agiert der 34-Jährige taktisch geschickt und stilisiert den zweiten Wahlgang zu einer «Richtungswahl» empor; er will so das gesamte linke Spektrum mobilisieren. Grüne, SP, AL und Kultur kamen bei den Nationalratswahlen auf 29 Prozent. Damit läge Girod, der vor dem ersten Wahlgang nur als Aussenseiter betitelt wurde, bereits auf Höhe der SVP. Mit Stimmen aus der Mitte, auf die Girod durchaus auch hoffen kann, käme er Noser bedrohlich nahe.

Normalerweise gewinnt Noser

Angesichts der Wählerstärke lassen sich folgende Schlüsse ziehen: Noser liegt vorne, Girod macht ein Überraschungsergebnis und Vogt hofft auf eine Überraschung. Die Rechenspiele:
Noser gewinnt, wenn es weitgehend normal läuft. Dank breiter Unterstützung aus der Mitte sowie bis in SVP- und SP-Kreise hinein wird er am 22. November am meisten Stimmen der drei offiziellen Kandidaten machen und in den kommenden vier Jahren gemeinsam mit Daniel Jositsch den Stand Zürich im Stöckli vertreten. Eine tiefe Wahlbeteiligung oder eine geeint auftretende Linke lässt ihn aber zittern.
Vogt gewinnt nicht. Der SVP-Kandidat kann über die eigene Partei hinaus keine Stimmen holen – das reicht nicht. Vogts (kleine) Chance liegt in einer tiefen Wahlbeteiligung. Für die SP geht es nach dem erfolgten Erfolg mit Jositsch direkt um nichts mehr. Auch die Mitte-Parteien haben ihre Kandidaten ernüchtert zurückgezogen. Bleiben diese Wähler der Urne fern, könnte das den Grünen Girod und den Freisinnigen Noser Stimmen kosten.
Girod gewinnt, wenn die Linke geeint auftritt und genügend mobilisiert werden kann und wenn auch ein genügend grosser Teil der Mitte-Wähler nach links tendiert. Das ist ein Szenario, das insgesamt eher unwahrscheinlich ist, selbst Girod bezeichnet eine allfällige Wahl nach wie vor als «Sensation». Allerdings liegt dieses Szenario theoretisch im Bereich des Möglichen.
Als Fazit gilt, dass die Polit-Prognosen zwar klar sind. Wie immer bei Prognosen ist aber auch klar: Am Ende kann es anders herauskommen. Es ist wie im Fussball: In der Regel gewinnt der Favorit; aber hin und wieder gibt es auch eine Überraschung. Noch läuft das Spiel – die Wähler können es noch zwei Wochen beeinflussen.