So gross war der Kulturschock eigentlich gar nicht. Doch als Teju Cole hier zum ersten Mal in einem Zürcher Supermarkt stand, da wusste er, dass er in der Schweiz war. «Eine Seife kann nicht so viel kosten. Pasta kann nicht so viel kosten», sagt er, noch genauso ungläubig wie vor ein paar Tagen im Laden; so, als wolle er von mir hören, dass es sich bei den Preisen um einen Fehler gehandelt haben muss. «Wie teuer hier alles ist — das war der wahre Schock.»

Zum Glück muss sich der 39-Jährige den Kopf nicht allzu fest darüber zerbrechen. Denn als Autor des 2011 erschienenen Buchs «Open City» ist Teju Cole nicht nur der Verfasser eines der meist beachteten englischsprachigen Romandebüts der letzten Jahre. Seit gut einer Woche ist er auch der neue Writer in Residence im Literaturhaus der Museumsgesellschaft in Zürich, das ihm hier eine Wohnung zur Verfügung stellt und seine Lebenskosten deckt — nach Schweizer Standard, versteht sich.

Dem Literaturhaus, das zusammen mit der Stiftung PWG sowie Stadt und Kanton Zürich ausländischen Autorinnen und Autoren seit 2011 einen Raum zum Schreiben bietet, ist mit seinem achten Gast ein besonders grosser Wurf gelungen. Prestigeblätter wie die «New York Times», das «Time»-Magazin, der «Economist» oder der «New Yorker» widmeten ihm nach dem Erscheinen seines Erstlings seitenlange Beiträge, etablierte Autoren wie Salman Rushdie oder Nobelpreisträger V.S. Naipaul überschlugen sich mit Lob für das neue Wunderkind. Der mehrfach preisgekrönte Roman wurde bereits in zwölf Sprachen übersetzt, auf Deutsch erschien er beim Suhrkamp-Verlag.

«Produkt der Prokrastination»

Der Begeisterungssturm überraschte Cole selbst wohl am meisten. Lange hätte der nigerianisch-amerikanische Doppelbürger nicht zu träumen gewagt, dass er dereinst ein Buch veröffentlichen, geschweige denn der Liebling der internationalen Feuilletons werden würde. Als ein «Produkt der Prokrastination» — des Aufschiebens — bezeichnet er seine Romane, geschrieben als Versuch, sich von seinem Medizin-, dann seinem Kunstgeschichtsstudium abzulenken. Umso erstaunlicher war der Erfolg für ihn, als dass es sich bei «Open City» um eine Geschichte handle, «in der eigentlich gar nichts passiert» — und die damit einen Gegenpunkt zu den grossen Familienepen setzt, die zuvor einer ganzen Autorengeneration zu grossen Erfolgen verholfen hatten.

Tatsächlich passiert weder in «Open City» noch in seinem neuen Roman «Every Day is for the Thief» wirklich viel, zumindest an der Oberfläche. Doch Teju Cole reicht ein Bild, eine Melodie, ein beiläufig erwähnter Satz, eine kleine alltägliche Begebenheit, um die grossen Fragen über Leben und Tod und allem dazwischen heraufzubeschwören. Ein Museumsbesuch in Lagos oder ein Spaziergang, der am Ground Zero vorbeiführt, werden bei ihm zu einem Abriss ganzer Zivilisationsgeschichten. Seine Sprache ist klar, zuweilen fast simpel, doch in ihr verpackt Cole Einsichten in die menschliche Psyche, wie es nur wenigen gelingt.

Man kann nur hoffen, dass aus Coles halbjährigem Aufenthalt auch eine literarische Auseinandersetzung mit Zürich hervorgeht, auch wenn er dies nicht explizit vorhat. «Zürich ist für mich vor allem ein Ort, an dem ich in Ruhe an meinem neuen Buch arbeiten kann», sagt der Schriftsteller, der auch fotografiert und regelmässig Artikel in der «New York Times», «The Atlantic» oder dem «New Yorker» publiziert. Das neue Projekt soll ein Sachbuch über seine Heimat Nigeria werden, die er mit 17 Jahren verliess, um in Amerika zu studieren.

Das Schicksal seines Herkunftslands beschäftigt Cole nicht nur im Roman «Every Day is for the Thief», der bisher erst auf Englisch erschienen ist. Dass die Frustration seines Protagonisten, der nach langen Jahren in Amerika ins Lagos seiner Jugend zurückkehrt, seinen eigenen Gefühlen gegenüber Nigeria entspricht, streitet er zwar ab: «Meine Figuren mögen oberflächliche Ähnlichkeiten mit mir haben, doch sie sind nicht ich.» Sorgen über die Verhältnisse in seiner Heimat — etwa die Verschleppung Hunderter von Menschen durch die Terrorgruppe Boko Haram — äussert er aber auch immer wieder in seiner eigenen Stimme; etwa in seinen fast stündlich erscheinenden Tweets, die über 150 000 Follower erreichen.

Mit offenen Augen durch die Stadt

Die Gräueltaten in Nigeria im Kopf, das beschauliche Leben in Zürich vor der Haustür — der Widerspruch stört Cole nicht: «Jedes Land hat seine eigenen Themen, die die Menschen beschäftigen. Interessant sind sie alle.» Doch es sei «schon etwas seltsam, nun in einer der ordentlichsten Städte der Welt über einen der desorganisiertesten Orte, die ich kenne, zu schreiben». Neben der Arbeit am Sachbuch will der Brooklyner auch hier tun, was er am besten macht: mit offenen Augen durch die Stadt wandern und sich mentale Notizen machen. «Es braucht seine Zeit, bis man realisiert, was man beobachtet, und noch länger, bis man darüber schreiben kann», sagt er. «Zurzeit trage ich Eindrücke zusammen, die sich hoffentlich irgendwann zu einem Ganzen zusammenfügen.»

Noch weiss Cole nicht recht, zu welchen Schlüssen ihn seine bruchstückhaften Beobachtungen führen werden: Die vielen schwarzen Prostituierten im Langstrassenquartier sind ihm aufgefallen, das Dada-Haus, die Antipathie der Schweizer gegenüber den Deutschen, die sich besonders jetzt, während der WM, so deutlich äussere. Auch die vielen Museen, der Unwille der ZVV-Automaten, sein Bargeld zu schlucken, oder eine Geldnoten-Kunstinstallation an der Art Basel, die «nur in einem Land funktionieren kann, in dem zehn Franken nicht mehr als ein Trinkgeld sind».

Die Warnung einer Schweizer Bekannten, sich auf willkürliche Polizeikontrollen aufgrund seiner Hautfarbe einzustellen, stimmen ihn zwar misstrauisch. Besorgt ist er nicht; man sehe ja, dass es sich bei ihm nicht um den gemeinen Chügelidealer handle. «Leider», sagt Cole, «kommt es darauf an, was dich hierher verschlagen hat.» Dass das bei ihm nur internationaler Ruhm ist, stimmt ihn zwar dankbar. Doch man sieht es ihm an: Lieber wäre ihm, wenn nicht nur Glück und Privileg darüber bestimmen würden, wer in einem fremden Land eine Chance verdient.

Teju Cole liest am 18. Juli im Rahmen des Zürcher Openair Literatur Festivals aus seinem Romandebüt «Open City». Alter Botanischer Garten, 20.30 Uhr