Coronatote
"Niemand muss alleine sterben", verspricht Zürichs oberster Heimleiter

Die meisten der über 1000 Zürcher Coronatoten starben in Alters- und Pflegeheimen. Wie gehen diese damit um?

Matthias Scharrer
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Von rund 250 Zürcher Alters- und Pflegeheimen hatten über 100 bereits Coronafälle.

Von rund 250 Zürcher Alters- und Pflegeheimen hatten über 100 bereits Coronafälle.

Keystone

Nun hat der Kanton Zürich also über 1000 Coronatote. Am 8. Januar wurde diese Schwelle überschritten. Das Sterben hat sich seit dem Spätherbst stark beschleunigt. Zur Erinnerung: Am 27. Februar letzten Jahres hatte der Kanton die ersten beiden Covid-19 Infektionsfälle zu verzeichnen. Bis Mitte April starben 100 Menschen daran, immer auf den Kanton Zürich bezogen. Dann flaute die erste Welle der Pandemie ab. Der 200. Todesfall wurde mehr als ein halbes Jahr später, am 2. November, verzeichnet. Doch seither verdoppelte sich die Zahl der Coronatoten jeweils innerhalb knapp eines Monats: Über 400 Todesopfer waren ab 26. November zu beklagen, über 800 ab 23. Dezember.

Von den 1023 Coronatoten, die der Kanton am Dienstag meldete, waren 641 in Alters- und Pflegeheimen, 371 im Spital und 11 zu Hause, als ihr Leben endete. Als Sterbeorte am stärksten betroffen sind somit die Alter- und Pflegeheime. Mit der nun beginnenden Impfkampagne sollte sich die Situation verbessern: Bis Mitte März können sich alle Bewohnerinnen und Bewohner sowie alle Mitarbeitenden in den rund 250 Alters- und Pflegeheimen im Kanton Zürich gegen Corona impfen lassen, wie André Müller, Präsident des Heimverbands Curaviva Zürich sagt. Doch wie hat die Pandemie das Sterben in den Alters- und Pflegeheimen verändert?

«Es sind schon immer Leute im Alters- und Pflegeheim gestorben. Aber jetzt haben wir eine Übersterblichkeit. Das ist sehr belastend», sagt Müller. «Alle Mitarbeitenden wollen unbedingt verhindern, dass sie das Virus ins Heim bringen. Das erhöht den Stress.»

Zumal sich in manchen Heimen die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner mit Corona infizierten und mancherorts mehrere Todesfälle innert kurzer Zeit stattfanden. Über 100 der kantonsweit 250 Alters- und Pflegeheime hatten laut Müller schon Coronafälle.

Mit Schutzanzügen
durch Schleusen

Für die Infizierten bedeutet dies, dass sie isoliert zu pflegen sind. Im Kompetenzzentrum Pflege und Gesundheit in Embrach, das Müller leitet, gibt es eine Isolierstation ausschliesslich für Corona-Infizierte. Der Zugang erfolgt durch Schleusen, Personal und Besuchende müssen Schutzanzüge tragen.

«Wenn jemand einen leichten Krankheitsverlauf hat, sind wir sehr zurückhaltend mit Besuchen. Aber sollte jemand im Sterben liegen, dürfen die Angehörigen Abschied nehmen», sagt Müller. «Niemand muss alleine sterben.»

Nicht alle Heime haben jedoch eine Isolierstation. «Aber alle bemühen sich, die Gratwanderung zwischen dem Ermöglichen von Besuchen und der kompletten Abriegelung zu machen», so der Curaviva-Zürich-Präsident. Denn: «Die sozialen Kontakte sind enorm wichtig.»

Üblich sei ein Ampelsystem. Das bedeutet gemäss Müller: Wenn es in einer Abteilung positiv auf Corona getestete Fälle gibt, haben Besucherinnen und Besucher keinen Zutritt. Aber: «Im Sterbeprozess werden alle Institutionen alles daran setzen, dass die Angehörigen Abschied nehmen können.»

Verstorbenen dürfen nicht berührt werden

Ansonsten seien für Besuchende in Alters- und Pflegeheimen Besuchszonen eingerichtet. Besucherinnen und Besucher dürften nur auf Anmeldung kommen. Zudem müssen sie vor dem Eintritt Fieber messen und frei von Corona-Symptomen sein. Generell herrscht Maskenpflicht. Nur im besten Fall, wenn genug Abstand möglich ist, könne man die Maske mal ablegen, um einen Kaffee zu trinken, so der Heimleiter weiter.

Auch wenn ein Heimbewohner an Corona gestorben ist, gelten laut Müller besondere Vorkehrungen: Angehörige dürfen den Verstorbenen oder die Verstorbene nicht berühren, denn auch der Leichnam kann noch ansteckend sein. Bestattungsunternehmen müssen ihn deshalb unter speziellen Sicherheitsvorkehrungen rasch abtransportieren.