Biografie

Nichts hören zu können, ist kein Grund, um aufzugeben

Corinne Parrat stand - und steht - vor vielen Barrieren als Gehörlose. ddi

Corinne Parrat stand - und steht - vor vielen Barrieren als Gehörlose. ddi

Die in Zürich lebende Corinne Parrat, ehemalige Miss Handicap,veröffentlichte mit «Meine Augen hören» eine Autobiografie über ihr Leben als Gehörlose

Was sich anhört, als sei es vor vielen Jahrzehnten geschehen, ereignete sich tatsächlich erst Ende der 1980er-Jahre: Die gehörlose Corinne Parrat (36) berichtet, wie sie als junges Mädchen in der Schule oft eine Kopfnuss oder Schläge mittels Stock auf die Finger riskierte. Aber nicht, weil sie etwa frech war, sondern weil sie die Gebärdensprache anwendete – diese war damals an den Schweizer Gehörlosenschulen verboten. Eine Folge des sogenannten Mailänderkongresses von 1880, an dem entschieden wurde, dass gehörlose Schülerinnen und Schüler in Lautsprache, sprich im Lippenlesen zu unterrichten sind. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam die Gebärdensprache zurück an die hiesigen Schulen.

Diese Begebenheit und viele weitere Einblicke in ihr Leben, viele davon auch positiv, hat Parrat, die 2009 als Miss Handicap bekannt wurde, in ihrem Buch «Meine Augen hören» niedergeschrieben. «Es benötigte fünf Jahre, bis ich das fertige Manuskript dem Verlag übergeben konnte.» Parrat wollte genau abwägen, wie viel Privates sie preisgeben würde. In der Sprache legt sie bisweilen eine erfrischende Selbstironie an den Tag. Aber sie ist auch fest entschlossen, die Gesellschaft über das Leben und den Umgang mit gehörlosen Menschen aufzuklären. «Sensibilisierungsarbeit war meine Hauptmotivation für das Schreiben.»

Der wichtige Schlüsselmoment

Parrat kam ohne Behinderung in St. Gallen als Jüngste von zwei Schwestern zur Welt. Im Alter von zwei Jahren erkrankte sie an einer Hirnhautentzündung und wurde mit Antibiotika behandelt. Aufgrund dessen verlor sie das Gehör. Es begann ein Leben, in welchem sie auf viele Barrieren traf. 

Obwohl von der Familie behütet, weiss sie heute, dass die Eltern überfordert waren. Unscheinbare Situationen sorgten für grossen Frust. Etwa, wenn bei Tisch rege diskutiert wurde und sie nichts verstanden habe. «Habe ich nachgefragt, sagte man mir oft, es sei nicht wichtig, das machte mich immer traurig.»

Für das einst verschlossene Mädchen benötigte es einen Schlüsselmoment, um die nötige Aufmerksamkeit zu erlangen: Mit 15 Jahren wollte sie das Snowboarden lernen. Ihr Vater, notabene Skilehrer, verwehrte ihr zunächst diesen Wunsch – es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Parrat wusste, wenn sie jetzt nicht reagieren würde, kann sie nie das erreichen, was sie will. Also bestand sie mit Nachruck auf das Erlernen des Sports. Heute ist sie eine geübte Snowboarderin. Dieses für sich Einstehen war die Grundlage für eine Entwicklung, wie sie viele Gehörlose durchleben. Parrat selbst entdeckte daraufhin die Gebärdensprache als ihre Muttersprache und in der Gehörlosenkultur ihre Identität.

Der Optimismus überwiegt

Ein wesentlicher Teil des Buches beschreibt die zermürbende Arbeitssuche. «Die Gesellschaft weiss noch zu wenig über uns Gehörlose. Viele wissen nicht, wie sie mit uns umgehen sollen.» Dabei bestehen entsprechende Angebote seit Jahren. So bietet etwa der Schweizerische Gehörlosenverbund viele Möglichkeiten an. Trotzdem: nicht nur Parrat hat die Erfahrung gemacht, dass sie trotz bester Qualifikationen für vakante Stellen nicht in Betracht gezogen wird, da in ihrem Dossier der Vermerk «gehörlos» steht. Sie kenne Personen, die deswegen seit über zehn Jahren keine Arbeit finden. Ein Thema, das Parrat aufwühlt: «Das tut uns weh! Wir Gehörlosen lernen viel, wir passen uns an, aber wir erhalten im Gegenzug sehr wenig dafür.»

Heute bezeichnet sich Parrat, die in der Nähe der Stadt Zürich lebt, als starke Persönlichkeit, die offen und neugierig sei. Nach langer Suche ist sie nun in einem 50 Prozent-Pensum als kaufmännische Angestellte im Kreis 5 angestellt: «Ich habe das Glück, in einem lebendigen und interessierten Team zu arbeiten.» Auch ist sie noch als Web-Publisher tätig – ihre Webseite sowie ihren neuen Blog hat sie selbst kreiert und programmiert. Jüngst spielte sie sogar in einem Theaterstück in St. Gallen mit. In «Gottes vergessene Kinder» von Mark Medoff, das 1986 verfilmt wurde, bekam sie die Rolle der Sarah. Die gehörlose amerikanische Schauspielerin Marlee Matlin erspielte sich damit den Oscar als beste Darstellerin.

Die Zukunft hält viel Spannendes für Parrat bereit. «Im März werde ich an der Leipziger Buchmesse meine Autobiografie vorstellen. Noch fehlt mir aber die Finanzierung für den Dolmetscher.» Für PR-Termine wie diesen sei ein solcher unverzichtbar. Aber sie ist überzeugt, dass es klappen wird, und hat deswegen auf der Internet-Plattform wemakeit.com eine Crowfunding-Aktion mit dem Titel «Meine Augen hören» lanciert. Aufgeben sei nicht ihr Ding – und das glaubt man ihr auf Anhieb.

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