Geroldareal
Nichts deutet auf ein Kongresszentrum hin

Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass an der Geroldstrasse zwischen dem Bahnhof Hardbrücke und dem Viadukt dereinst das neue Kongresszentrum Zürich entstehen soll. Doch Tüftler, Handwerker und Kreative hauchen dem Gebiet Leben ein.

Alfred Borter
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Ausstellungsplaner Beat Fässler arbeitet seit 20 Jahren auf dem Geroldareal.Alfred Borter

Ausstellungsplaner Beat Fässler arbeitet seit 20 Jahren auf dem Geroldareal.Alfred Borter

Vormittags ist hier nicht viel los: Ein kleiner Lastwagen verlässt gerade das Areal der Brockenstube der Heilsarmee, die Bewohner des angegliederten Wohnheims sind wohl noch beim Kaffee. Die Velowerkstatt hat noch zu, ebenso der aufsehenerregende Laden von Freitag mit seinem Container-«Hochhaus». Klubs wie der Supermarket und das Hive erwarten sowieso erst spätabends Gäste. Und Sportler, welche auf die riesige Badmintonhalle zustreben, sieht man auch noch keine.

Aber im Haus Nummer 11 herrscht Leben: Im Erdgeschoss ist ein Künstler an der Arbeit, der behelfsmässig auch gleich seinen Ausstellungsraum eingerichtet hat. Saukalt sei es in letzter Zeit gewesen, jetzt freut er sich auf den Frühling. Daneben ist eine Schlosserei eingerichtet, alte stehen neben modernsten Maschinen. In einem Nebenraum stehen Drehbänke einer Schreinerei, die bei Bedarf immer noch ihren Dienst versehen.

Erzählungen von wilden Zeiten

Das Haus selber soll ursprünglich, wie vom Ausstellungsplaner und -bauer Beat Fässler zu erfahren ist, der hier seit zwanzig Jahren arbeitet, ein Lagerhaus für Kohle gewesen sein, dann hat es ein Altbaumaterialhändler übernommen, der neue Böden und Wände eingezogen hat und dafür verwendet hat, was er gerade an Lager hatte. Darum verwundert es nicht, dass einzelne Stahlstützen aus Eisenbahnschienen zusammengeschweisst sind und dass die Holzbalken unterschiedliche Längen aufweisen.

In seinem Büro im ersten Stock hat er es sich gemütlich gemacht: Eine Lounge lädt zum Verweilen ein, ein kleiner Kachelofen – von der Feuerpolizei abgenommen, wie Fässler betont – verbreitet nötigenfalls etwas Wärme, eine Riesenschildkröte scheint, wie im einem Zoo, auf einen zuzukommen, und verschiedene Modelle zeugen vom Schaffen Fässlers.

Eines hat tatsächlich mit dem Zürcher Zoo zu tun: Nachdem er die Masoala-Halle konzipieren durfte, ist er jetzt mit den letzten Arbeiten für das neuste Zoo-Projekt, Pantanal, beschäftigt. In eine südamerikanische Seenlandschaft kommt ein Hausboot zu liegen, in dem der Wildhüter haust. Dieses am Ufer vertäute Boot, das von den Zoobesuchern betreten werden darf, hat er ausgetüftelt.

Entwicklung und Umsetzung von Ideen

Ausgebildet ist Fässler eigentlich als Mittelschullehrer, für Bildnerisches Gestalten. Doch die Entwicklung von Ideen und die Umsetzung haben ihn dann in den Bann gezogen. Im Geroldareal hat er in den letzten zwanzig Jahren einiges erlebt. Er erzählt von wilden Zeiten, als die Hells Angels hier ihr Vereinslokal hatten und die Polizei öfters vorbeikam. Auch beim Club Spyder-Galaxy oder im UG sei es öfter hoch zu- und her gegangen. Verschiedene Baufirmen hatten oder haben einen Container und einen Lagerplatz. «Es herrscht ein reges Kommen und Gehen.»

Früher war auf dem Areal noch die Erdgasversorgung untergebracht, Grundeigentümerin ist die Stadt. Jetzt ist das Haus an Architekten, Fotografen und Werber vermietet, auch eine Beiz, das Rosso, bietet seine Dienste an.

Verträge bis 2014 gültig

Ein grösserer Arealteil gehört einem Mann, der nicht gerne in aller Öffentlichkeit erscheint, der aber seine Freude habe an Tüftlern, Handwerkern und Kreativen. Offenbar plant der Besitzer weitere Läden einzuquartieren; dafür müssen der Supermarket, der in einer ehemaligen Garage der Migros eingemietet ist, und das Cabaret ausziehen. Ende April 2012 sei für die beiden Klubs Schluss, hatte man kürzlich im «Tages-Anzeiger» lesen können. Der Klub Hive hingegen, der mit einem Comestibles-Laden ein Gebäude teilt, bleibt bis 2014.

Auch Fässler hat einen Vertrag, der bis 2014 gültig ist. Angesprochen auf die Pläne der Stadt, auf dem Geroldareal allenfalls ein grosses Kongresszentrum zu realisieren, meinte er: «Bis dann passiert auf dem Areal jedenfalls nichts.» Aus Gesprächen mit dem Eigentümer wisse er, dass dieser keine Lust habe, sein Land zu verkaufen. Der in den Sechzigern stehende Chemiker, der im Altwarenhandel tätig ist, habe nämlich selber hier ein Büro, ihm gefalle das kunterbunte Konglomerat verschiedenster Betriebe, das hier sei seine Welt.