Ausgangspunkt der gestrigen Verhandlung vor dem Obergericht war ein tödlicher Unfall, der sich am 25. September 2013 auf einer Baustelle im Zürcher Seefeld ereignet hatte. Ein ungarischer Bauarbeiter stürzte kurz vor 9 Uhr mit einem Teil der Baugerüsttreppe mehrere Meter in die Tiefe. Dabei zog sich der Mann schwere innere Verletzungen zu und verstarb kurz darauf im Universitätsspital. Die Lastwagenchauffeurin, die am selben Morgen um etwa 7 Uhr die volle Mulde durch eine leere ersetzte, soll beim Manöver mit dem Teleskoparm des Lastwagens das Baugerüst berührt haben. Dabei sei das Gerüst leicht verschoben worden, was zu einem labilen Gleichgewicht und in der Folge zum Unfall geführt habe.

Der Chauffeurin wurde vorgeworfen, sie habe den Vorfall nicht gemeldet. Das Bezirksgericht Zürich sprach sie der fahrlässigen Tötung schuldig. Die Chauffeurin gelangte ans Obergericht. Dort erklärte sie gestern, die Situation auf der Baustelle sei «sehr eng» gewesen. Deshalb habe sie die Mulde besonders vorsichtig ausgetauscht. Statt der üblichen sieben Minuten benötigte sie für das Manöver eine halbe Stunde und zwei Anläufe.

Bis anhin hatte die Frau stets ausgesagt, sie habe das Baugerüst wohl leicht berührt. Gestern war sie sich nicht mehr so sicher. Sicher habe sie weder eine Bewegung des Gerüsts noch ein Geräusch wahrgenommen. Eine Meldung habe sich daher erübrigt. Das Forensische Institut Zürich (FOR) konnte den Kontakt nicht beweisen. Ein Gutachten des FOR kommt gleichwohl zum Schluss, der Unfallhergang lasse sich mit den Spuren vereinbaren. Der Verteidiger, der für seine Mandantin einen Freispruch forderte, warf der Vorinstanz Willkür vor. Der Richter habe nur gewertet, was gegen die Beschuldigte spreche. Dabei gebe es andere Gründe, die zum Unglück geführt haben könnten. Der Verteidiger erwähnte einen Muldenwechsel, der rund zehn Tage zuvor vorgenommen wurde. Er sprach von einem Sturm mit Windböen und behauptete, das Baugerüst sei mangelhaft erstellt gewesen.

Laut einem selber in Auftrag gegebenen Gutachten seien nicht alles Originalteile verwendet worden und es seien keine zusätzlichen Sicherungen vorhanden gewesen. «Man muss von Baupfusch sprechen», sagte er. Es bestünden also berechtigte Zweifel am Verschulden seiner Mandantin. Das Obergericht sah dies genauso und sprach die Chauffeurin frei. «Es ist zwar sehr wahrscheinlich, dass die Berührung mit dem Teleskoparm das Gerüst verschob, was dann zum Unfall führte», sagte der Vorsitzende Richter, «‹sehr wahrscheinlich› genügt uns aber nicht.» Es seien also erhebliche Zweifel vorhanden. «Lieber sprechen wir jemanden frei, der schuldig ist, als jemanden zu verurteilen, der unschuldig ist.» (PAG)