Gesundheit
Nicht nur Mädchen betroffen: Der Körperkult erfasst auch Buben vermehrt

Laut einer Umfrage fühlt sich die Zürcher Jugend grössenteils gesund und wohl. Doch es gibt wichtige Punkte, die man nicht übersehen sollte: Schönheitswahn und mentale Gesundheit sind immer noch ein grosses Thema für Jugendliche.

Matthias Scharrer
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Der Schönheitswahn wirkt sich auch auf junge Männer aus. (Symbolbild)

Der Schönheitswahn wirkt sich auch auf junge Männer aus. (Symbolbild)

Keystone

Wie geht es der heutigen Jugend in Zürich? Die gute Nachricht vorweg: Es geht ihr grösstenteils gut. 94 Prozent schätzen ihre Gesundheit und 81 Prozent ihre aktuelle Gefühlslage als gut bis ausgezeichnet ein. Das geht aus der gestern veröffentlichten Studie über Gesundheit und Lebensstil von Jugendlichen der Stadt Zürich hervor.

Befragt wurden im Auftrag der Stadtzürcher Schulgesundheitsdienste alle Schülerinnen und Schüler der 2. Sekundarschulklassen im Schuljahr 2017/18. Von den knapp 2000 Befragten füllten 91 Prozent den anonymisierten Fragebogen aus. Damit ist die Studie laut Claude Hunold, Direktor der Schulgesundheitsdienste, repräsentativ. Die Befragten waren durchschnittlich 14 Jahre alt.

Das Wohlbefinden der Zürcher Jugend blieb, verglichen mit den Vorgängerstudien vor fünf respektive zehn Jahren, in etwa gleich gut. Mädchen zeigen dabei etwas weniger hohe Zufriedenheitswerte als Buben. «Allenfalls hat dies damit zu tun, dass sich Mädchen oft grundsätzlich selbstkritischer bewerten als Jungen», heisst es dazu in der Studie.

Veränderte Schönheitsideale

Auffällig unterschiedliche Entwicklungen zwischen Buben und Mädchen zeigen sich auch bei der Selbsteinschätzung des Körpers: Immer weniger Mädchen finden sich zu dick.

2007 waren es 52 Prozent, fünf Jahre später noch 49 Prozent – und bis 2017 sank der Anteil auf 43 Prozent. Entsprechend stieg der Anteil jener Mädchen, die ihren Körper «gerade richtig» finden, in der gleichen Zehnjahresperiode von 39 auf 47 Prozent an.

Bei den Buben hingegen nahm gleichzeitig der Anteil jener, die sich zu dick finden, leicht zu: 2017 lag er bei 31 Prozent, fünf Jahre vorher bei 27 Prozent – und 2007 bei 30 Prozent.
Die Entwicklung punkto Körpereinschätzung bei den Mädchen nannte Zürichs Schulvorsteher Filippo Leutenegger «sehr erfreulich», jene bei den Buben «nicht relevant». Auf Nachfrage präzisierte der FDP-Stadtrat, sie sei «statistisch nicht relevant». Ein Trend lasse sich daraus noch nicht ableiten; es könne sich auch um zufällige statistische Schwankungen handeln.

Doch seine Fachleute ziehen etwas andere Schlüsse: «Schönheitsnormen haben sich in den letzten Jahren verändert. Es gilt nicht mehr nur schlank zu sein, sondern gleichzeitig auch athletisch auszusehen», heisst es in der Studie der Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich.

Und weiter: «Schönheits- und Körperideale betreffen nicht mehr nur Mädchen, sondern auch Knaben. Dies zeigt sich auch darin, dass sich enorm viele Jungen wünschen, mehr Muskeln zu haben.» So möchten laut der Studie 74 Prozent der Buben muskulöser sein. Zudem wünschen sich 26 Prozent, schlanker zu sein, obwohl sie bereits normal- oder untergewichtig sind. Bei den Mädchen ist der Wunsch nach mehr Muskeln mit 33 Prozent weniger häufig; dafür wäre die Hälfte der Mädchen gerne schlanker, obwohl sie normal- oder untergewichtig sind.
Eine der Schlussfolgerungen der Schulgesundheitsdienste ist es, ihr Projekt «positives Körperbild» fortzusetzen.

Angst und Depressionen

Einen anderen Schwerpunkt will Leutenegger bei den Themen Angst und Depression setzen. Hinweise auf Depressionen und Angststörungen finden sich laut der Studie bei jeder fünften Schülerin und jedem achten Schüler. «Das ist sehr ernst zu nehmen», sagte der FDP-Stadtrat. Ähnlich hoch waren die Werte bereits in der Vergleichsstudie vor fünf Jahren.

Fast drei Viertel der Betroffenen waren gemäss der Studie schon einmal so verzweifelt, dass das Leben für sie keinen Sinn mehr hatte. Und 42 Prozent der Betroffenen gaben an, sich schon einmal absichtlich selbst verletzt oder sich selbst Schmerzen zugefügt zu haben.

«Wir müssen in diesem Bereich Hilfsangebote entwickeln», sagte Leutenegger. Dies könne die Schule nicht alleine. Es gelte, auch mit Institutionen wie beispielsweise Pro Juventute zusammenzuspannen.

Ein stärkeres Augenmerk will Leutenegger auch aufs Schuleschwänzen richten. Laut der neuen Studie gaben 7 Prozent der Befragten an, im letzten Jahr mehrmals absichtlich der Schule ferngeblieben zu sein. In den Vorgängerstudien wurden dazu noch keine Daten erhoben.

Punkto Suchtmittelkonsum zeigt die neue Studie positive Tendenzen auf: Der Tabakkonsum bei den Zürcher Sekundarschülerinnen und -schülern nimmt demnach ab. 2017 gaben 14 Prozent der Mädchen und 15 Prozent der Buben an, zurzeit Tabak zu rauchen. Zehn Jahre zuvor rauchten 21 Prozent der 14-jährigen Mädchen und 19 Prozent der gleichaltrigen Buben an den Stadtzürcher Schulen.

Auffällig: E-Shishas und Wasserpfeifen sind bei den Jugendlichen heute verbreiteter als Zigaretten. Harmlos sind sie laut Schulgesundheistdienstchef Hunold jedoch nicht: «Sie können den Einstieg in die Nikotinabhängigkeit darstellen.»

Ähnlich wie der Tabak- hat auch der Alkoholkonsum im Zehnjahresvergleich deutlich abgenommen: von über 20 Prozent auf rund 13 Prozent.

In etwa konstant blieb hingegen seit 2007 der Gebrauch von Cannabis und weiteren psychoaktiven Substanzen. 2017 gaben 10 Prozent der befragten Mädchen und 15 Prozent der Buben an, schon mal Cannabis konsumiert zu haben.

Was die heutige Jugend bewegt

Was beschäftigt Zürcher Jugendliche im Alltag? Auch dieser Aspekt wird im Rahmen der alle fünf Jahre durchgeführten Schülerbefragung beleuchtet. Sorgen bereiten ihnen demnach vor allem Prüfungen, Schuldruck und Noten, gefolgt von Berufswahl und Stellensuche.

Gleich danach tauchen mit Terror, Armut und sozialer Ungerechtigkeit politische Themen auf dem Sorgenbarometer der Jugend auf – und dann das eigene Gewicht, die Körperform. Insgesamt machen sich Mädchen etwas mehr Sorgen als Buben. Die Topthemen auf den Sorgenbarometern der Buben und Mädchen sind aber weitgehend die gleichen.

Was Zukunftsaussichten punkto Familie, Wohnen, Gesundheit, Liebe, Geld und Beruf betrifft, überwiegt bei der Jugend laut der Studie die Zuversicht. Wobei die befragten Sek-A-Schüler im Hinblick auf Schule und Beruf deutlich zuversichtlicher sind als die Sek-B-Schüler.

Gemäss Bundesamt für Gesundheit sollten sich Kinder und Jugendliche im Minimum eine Stunde pro Tag mit mindestens moderater Intensität bewegen. Knapp die Hälfte der Stadtzürcher Jugendlichen erfüllt oder übertrifft diese Empfehlungen laut den gestern veröffentlichten Ergebnissen der Schülerbefragung: Sie bewegen sich mindestens zwei Stunden am Tag draussen; zudem gelten 42 Prozent als körperlich aktiv und sind maximal zwei Stunden pro Tag in Bewegung. 10 Prozent sind inaktiv.

Die Nutzung elektronischer Medien nimmt laut der Studie einen immer höheren Stellenwert bei den Jugendlichen ein. Allerdings zeigt sich auch, dass sich Jugendliche mit intensivem Handygebrauch mehr im Freien bewegen. 71 Prozent der Jugendlichen geben an, sich an mindestens zwei bis drei Tagen pro Woche mit Kolleginnen und Kollegen zu treffen.

Ein weiterer Befund der Studie: «Das klassische Lesen scheint nur noch für eine Minderheit der Jugendlichen attraktiv zu sein.» (mts)