Zürich
Nicht joggen, sondern spazieren – der Verhaltens-Knigge auf Friedhöfen

Friedhöfe werden nicht nur als letzte Ruhestätte, sondern auch als Erholungsort genutzt.

Lina Giusto
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Bei einem der zahlreichen Eingänge des Friedhofes Sihlfeld werden die Besucher über die Benimmregeln informiert.

Bei einem der zahlreichen Eingänge des Friedhofes Sihlfeld werden die Besucher über die Benimmregeln informiert.

Lina Giusto

Einige der überlieferten Verhaltensweisen auf Friedhöfen sind längst zu Grabe getragen worden. Lange Zeit waren Familien mit Kinderwagen keine gern gesehenen Gäste auf den Friedhöfen. «Noch in der städtischen Bestattungsverordnung um 1900 war Frauen mit Kinderwagen und Kindern der Zutritt zu den Friedhöfen in Zürich verwehrt», bestätigt Rolf Steinmann, Leiter des Bestattungs- und Friedhofamtes der Stadt Zürich. Als Begründung sei oftmals die Totenruhe genannt worden. Laut Steinmann hat aber der juristische Begriff der Totenruhe nichts mit Lärm und Lautstärke zu tun.

«Dennoch ist ein Friedhof ganz klar ein Ort der Ruhe», wie Steinmann weiter sagt. Dies werde mit der Einhegung eines Friedhofs deutlich: «Wohn- und Ruhezone sind damit klar voneinander getrennt», so Steinmann. Die Einfriedung habe zudem nichts mit dem ursprünglichen Aberglauben zu tun, dass die Toten ohne Hag aus dem Friedhof entwischen könnten.

Grösste Grünfläche in Zürich

Gerade weil die Ruhestätten mittlerweile auch für die Erholung und zum Entspannen da sind, ist die Öffentlichkeit – auch Familien mit Kinderwagen und Kindern – am Samstag auf dem Friedhof Sihlfeld im Zürcher Kreis 3 zum Besuch eingeladen. Die Führungen am «Tag des Friedhofs» sollen der Erinnerung dienen, zum Nachdenken anregen und zum Entspannen einladen.

Dass gerade der Friedhof Sihlfeld am Thema Naturort präsentiert wird, ist kein Zufall. Der Ruheort ist die grösste zusammenhängende Grünfläche der Stadt Zürich. Das 28 Hektar grosse Gelände, das die Grösse von etwa 40 Fussballfeldern misst, ist heute noch zu 40 Prozent mit Gräbern bedeckt. Der Rest dient als Parkanlage für eine ruhige und pietätvolle Nutzung.

Privatfriedhof: Die Gräber können nur gekauft werden

Kaum sichtbar liegt oberhalb des S-Bahnhofs Stadelhofen der einzige nicht-jüdische Privatfriedhof auf städtischem Boden. 1843 hatte diesen den Verein für einen Privatfriedhof ins Leben gerufen. Der Friedhof wurde 1848 von Ingenieur Georg Bürkli im englischen Stil entworfen. In der gleichen Zeit wurde auf dem benachbarten Areal der städtische Friedhof Hohe Promenade eröffnet. Auf dessen Areal entstand nach seiner Schliessung 1913 die Kantonsschule Hohe Promenade.

Der Privatfriedhof Hohe Promenade war im Übrigen die erste Ruhestätte in Zürich, auf dem Familiengräber gekauft werden können. Die Gräber auf dem Privatfriedhof werden nicht vermietet, sondern werden über das Grundbuchamt erworben. Gemäss Angaben der Stadt Zürich existieren lange Wartelisten für die Grabplätze mitten in der Stadt. (GIU)

Gestattet ist, was nicht stört

Zum Knigge auf Friedhöfen sagt Steinmann, dass die Benimmregeln vom Standort abhängig seien. Die 19 städtischen Friedhöfe, die das städtische Bestattungs- und Friedhofsamt betreuen, hätten mit unterschiedlichen Ansprüchen zu tun. «Beim kleinen Kirchhof Witikon gibt es keine Probleme mit Joggern und Velofahrern. Im Sihlfeld-Friedhof mit seiner grossen Grünfläche ist das aber etwas anders», so Steinmann.

Das Sihlfeld C beispielsweise ist mit seinem grossen Baumbestand idyllisch gelegen. Dass dieser Ort zum Verweilen einlädt, sei es um ein Buch zu lesen oder seine Mittagspause zu verbringen, störe Steinmann nicht. Dagegen solle man aber auf das Grillieren und Musik hören verzichten.

Der städtische Verhaltenskodex

Grundsätzlich funktioniere die Verbindung von Trauer- und Erholungsort gut: «Die Toleranz und das allgemeingültige Verständnis wie man sich zu verhalten hat, ist in der Gesellschaft vorhanden», sagt Steinmann.

Dennoch gibt es für die städtischen Friedhöfe einen Verhaltenskodex. Der Knigge hält fest, dass Velofahrer absteigen und ihr Velo schieben müssen. Hunde sollen zu Hause bleiben, wobei das auch für Badeanstalten, Pausenplätze sowie Spiel- und Sportfelder gilt. Aber dieses Verbot werde im kantonalen Hundegesetz geregelt und habe nichts mit dem Friedhof zu tun, so Steinmann. Auch auf das Tragen von Bade- und Sportbekleidung ist zu verzichten. Zudem soll nicht durch den Friedhof gerannt, sondern gemütlich spaziert werden. Kinder sollen ebenfalls nicht lärmend herumtoben.

Auf Fehlverhalten hinweisen

Lautes Reden oder Lachen ist nicht angebracht auf dem Friedhof. Das Rauchen von Zigaretten ist erlaubt, solange die Kippe im Abfall und nicht auf dem Boden landet. «Generell sollen die Besucher Menschen auf ihr Fehlverhalten aufmerksam machen», ergänzt Steinmann.
Damit die Verschmelzung von Ruhestätte und Erholungsort funktioniere, sei alles gestattet, was Trauernde oder nach Ruhe suchende Menschen nicht störe. So soll ein Trauerzug beispielsweise nicht gekreuzt werden. Sei man daran ,ein Grab in der Nähe einer Beerdigung zu bewirtschaften, solle man vom geräuschvollen Auffüllen der Giesskanne und dem Lärm mit Gartenwerkzeug absehen.