Er hatte gestern jene Rolle, in die er vor vier Jahren CVP-Regierungsrat Hans Hollenstein gedrängt hatte: Martin Graf musste gestern als Abgewählter vor die Mikrofone treten. Anders als Hollenstein, den die Abwahl 2011 überraschend traf, hatte sich der Grüne etwas darauf einstellen können. Der Sitz des Justizdirektors galt schon im Vorfeld der Wahlen als umstritten. Er selber räumte im Gespräch auch ein, mit einer Abwahl gerechnet zu haben. Zumindest als realistischer Option.

Vor den Medien trat der 60-Jährige dann weitgehend souverän und gefasst auf. Einzig als er Silvia Steiner im Gang des Zürcher Walchezentrums gratulierte, die auf seine Kosten den vor vier Jahren verlorenen Sitz für die CVP zurückeroberte, schien sein Lächeln etwas zu gefrieren. Die Begegnung wirkte für Beobachter hölzern.

Aber schon kurz darauf, beim Verlassen des Gebäudes hatte sich Graf wieder gefasst. Zu Peter Moser, dem Leiter des statistischen Amtes, meinte er, als er sich von ihm mit Handschlag verabschiedete, scherzend: «Nüt für unguet. Aber Du hast meines Erachtens falsch zusammengezählt.»

Die Abwahl von Martin Graf stand den ganzen Sonntagnachmittag im Raum. Sie stand erst nach Auszählung aller Stimmen fest. Denn von der ersten bis zur letzten Hochrechnung wäre eine Wiederwahl theoretisch möglich gewesen.

Der Justizdirektor lieferte sich ein ständiges Kopf-an-Kopf-Rennen um den siebten und letzten Regierungsratssitz. Und dies nicht etwa, wie vielerorts erwartet, mit Silvia Steiner, sondern mit der FDP-Politikerin Carmen Walker Späh. Sie schaffte die Wahl am Ende doch vergleichsweise komfortabel.

«Top 5» hat funktioniert

Das bürgerliche Fünferticket hat damit gezogen. Von der ersten Hochrechnung an unbestritten waren die beiden bisherigen SVP-Regierungsräte Ernst Stocker und Markus Kägi. Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP), der am Ende am meisten Stimmen holte, musste ebenfalls nie zittern. Auch Silvia Steiner (CVP, neu) wurde von der ersten Hochrechnung an als «gewählt» bezeichnet. Sie selber wollte dies allerdings erst wirklich glauben, als das Schlussergebnis vorlag.

Dass indes Carmen Walker Späh bis zur letzten Hochrechnung zittern musste, bis feststand, dass sie den zweiten FDP-Sitz verteidigen konnte, sorgte bei den Freisinnigen für leichte Verärgerung. «Die Solidarität im Bürgerblock hat offenbar nicht ganz funktioniert», merkte Parteipräsident Beat Walti an. Anders sei es nicht zu interpretieren, dass die FDP-Kandidatin hinter der CVP-Bewerberin liege, die über eine kleinere Hausmacht verfüge.

Dass die Freisinnigen trotz des Erfolges bei den Kantonsratswahlen lange um ihren zweiten Sitz bangen mussten, provozierte auch bei FDP-Fraktionspräsident Thomas Vogel einiges Kopfschütteln. Dass Steiner von der kleineren CVP am Ende etwas mehr Stimmen holen konnte, führte Vogel unter anderem darauf zurück, dass sich offenbar viele Wähler mit der Staatsanwältin solidarisiert hätten, weil sie lange als Wackelkandidatin gegolten hätte und sich auch noch mit einer Negativkampagne gegen ihre Person konfrontiert gesehen habe.

Ob ihr die «despektierliche Flyer-Kampagne», bei der ihre Haltung zur Sterbehilfe thematisiert wurde, nun geholfen oder geschadet habe, lasse sich wohl nicht herausfinden, meinte Steiner. Sicher ist für sie hingegen, dass das bürgerliche Ticket funktioniert habe. «Die Wähler haben die fünf bürgerlichen Kandidaten als gutes Team wahrgenommen.»

Aus 4:3 wird wieder 5:2

Im Zürcher Regierungsrat sind mit dem bürgerlichen Wahlerfolg wieder die – ausser in den vergangenen vier Jahren – traditionell bestehenden klaren Mehrheitsverhältnisse geschaffen worden: Fünf Bürgerlichen stehen nur noch zwei Vertreter von Linksparteien gegenüber. Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) hat die Wiederwahl erwartungsgemäss klar geschafft.

Jacqueline Fehr konnte den zweiten SP-Sitz ebenfalls verteidigen. Sie, die im Wahlkampf ziemlich moderat und gemässigt aufgetreten ist, landete in der Schlussabrechnung auf dem siebten Platz – nur wenige Stimmen hinter Silvia Steiner und Carmen Walker Späh.

Welche Departemente die drei Neugewählten übernehmen werden, steht noch nicht fest. Insbesondere linke Parteien fordern, dass einer der bisherigen SVP-Regierungsräte das Finanzdepartement übernehmen soll. Allerdings haben die vier Bisherigen kein Interesse an einem Wechsel bekundet; weder Baudirektor Kägi und Volkswirtschaftsdirektor Stocker noch Gesundheitsminister Heiniger und Sicherheitsdirektor Fehr wollen ihre Dossiers abgeben.

Damit wird die Justizdirektion frei, die Graf verlassen muss. Mit den Rücktritten von Regine Aeppli (SP) und Ursula Gut (FDP) werden die Bildungs- und die Finanzdirektion frei. Jacqueline Fehr dürfte wohl die Bildung übernehmen, Walker Späh die Finanzen. Und Steiner würde so die Justizdirektion von Martin Graf übernehmen, der heute noch der politische Chef der Staatsanwältin ist.
Die Wahlbeteiligung lag bei rekordtiefen 31 Prozent.