Für viele Kinder im Kanton Zürich beginnt mit diesem Schuljahr der Religionsunterricht der reformierten Kirche. Zweitklässler besuchen die «minichile», Viertklässler den «Club 4» und Kinder der 5. bis 7. Klasse die «Junge Kirche», kurz «JuKi». Alle diese Angebote sind Teil des religionspädagogischen Gesamtkonzepts (rpg) der reformierten Kirche des Kantons Zürich. Sämtliche 179 Kirchgemeinden müssen sie im Programm aufnehmen.

Das rpg wurde 2004 von der Zürcher Kirchensynode beschlossen und seither etappenweise eingeführt. Davor gab es bloss den weiterhin bestehenden Drittklass-Unterricht und den Konfirmationsunterricht in der 9. Klasse. Bis zur Konfirmation besuchte ein reformiertes Kind 102 Stunden. Mit dem rpg sind es 192 Stunden, also fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

Druck und weniger Freizeit

Die Neuerung passt nicht allen Eltern. Den einen ist der Eintritt ab der zweiten Klasse zu früh. Andere kritisieren, dass die Kinder nun noch weniger Freizeit haben. Breit und kontrovers diskutiert worden ist das Thema im Forum des Elternmagazins «Wir Eltern». «Der Mittwochnachmittag gehört doch den Kindern», beschwert sich eine Mutter, deren Kind neu am Mittwochnachmittag in die «minichile» sollte. «Das ist der einzige freie Nachmittag», ergänzt eine andere Mutter. «Dann haben die Kinder ja schon Musikunterricht oder Sport.» Manche Eltern fühlen sich unter Druck gesetzt oder bemängeln, dass sie erst vor den Sommerferien vom neuen Unterricht erfahren haben, als Sportaktivitäten oder Musikunterricht bereits gebucht waren. Mütter und Väter, die Religion als wichtigen Teil der Erziehung ansehen, schreiben dagegen Kommentare wie: «Wenn man in der Kirche sein will, gehört der Religionsunterricht einfach dazu. Wer das nicht will, kann ja austreten.»

Eine Frage der Haltung

Aus den Beiträgen geht zudem hervor, dass nicht alle sicher sind, wie zwingend die Lektionen sind. Das Konzept formuliert es klar: Wer konfirmiert werden will, muss neu die 192 Unterrichtsstunden besuchen.

In der Praxis nimmt es die Kirche aber nicht immer so streng. Frieder Furler, der das Projekt seit 2004 leitet, sagt: «Je nach Situation bieten wir Kompensationsmöglichkeiten oder Kompromisse an.» Wo Kinder durch Förderunterricht stark beansprucht sind, sich die Familie in einer Krise befindet oder der Sport einen hohen Stellenwert hat, wird mit Eltern und Kindern zusammen ein Weg gesucht.

Entscheidend sei das Gespräch mit den Eltern, sagt Furler. «Denn es gibt auch solche, die es offen darauf anlegen und glauben, dass ihr Kind so oder so konfirmiert wird – kirchlicher Religionsunterricht hin oder her.» Dies in der Annahme, dass der Kirche angesichts des Mitgliederschwunds gar keine andere Wahl bleibe. Erkenne man diese Haltung, sei die Kirche konsequent und verweigere die Konfirmierung, sagt der Pfarrer. Das komme aber sehr selten vor.

Genau belegen lässt sich das nicht. Laut Furler gibt es pro Jahrgang rund 4000 reformierte Kinder im Kanton Zürich. Über drei Viertel würden den Unterricht besuchen, etwa 85 Prozent davon liessen sich konfirmieren.

Die Kantonalkirche gebe nicht vor, wie eine Kirchgemeinde über ihre jüngsten Mitglieder Buch führen soll. Und die Gemeinden bestimmen selbst, ob sie die Lektionen nachmittags, über Mittag oder an Wochenenden anbieten. Vorgegeben sind nur die Themen und der Zeitrahmen.

Religion stärker hinterfragt

Der kantonalen Elternmitwirkungsorganisation (KEO) ist das Konzept der reformierten Kirche bekannt. Auch weil vereinzelte Gemeinden Mühe haben, geeignete Klassenzimmer zu finden. Oder weil die Blockzeiten die Planung des Religionsunterrichts erschweren. KEO-Präsidentin Gabriela Kohler registriert auch, dass Religionen heute stärker hinterfragt und Traditionen aufgeweicht werden. Letztlich sei es aber Sache der Eltern, zu entscheiden, wie stark sie den Glauben gewichten wollten. Persönlich begrüsst sie den Ausbau des Unterrichts. «In unserer multireligiösen Gesellschaft ist es sinnvoll, den Kindern zu zeigen, woher sie kommen und ihnen ethische und moralische Werte auf den Weg zu geben», sagt Kohler, die katholisch ist und deren Kinder schon ab der ersten Klasse Religionsunterricht hatten.

Viele Eltern seien froh, dass ihre Kinder «im Markt der vielen Religionen und Bewegungen» diese frühe Orientierung mitbekämen, ergänzt Projektleiter Furler. Das Schulfach Kultur und Religion reiche nicht aus. «In diesem Fach befassen sich die reformierten Kinder sozusagen mit den religiösen Fremdsprachen. Die Muttersprache lernen sie in der minichile, dem Club 4 oder dem JuKi.» Dass sich Eltern teils schwer tun mit dem Entscheid, ihr Kind bereits ab der zweiten Klasse in den Religionsunterricht zu schicken, hat Furler genügend oft miterlebt. «Letztlich ist dies aber eine erzieherische Frage, der sich die Eltern stellen müssen. Genauso wie sie den Kindern vorgeben, wie sie sich ernähren sollen oder wie lange sie Fernsehschauen dürfen.»

Bis Ende dieses Schuljahres sollte das Konzept umgesetzt sein. Furler kennt zwar nicht den Stand aller 179 Kirchgemeinden, die meisten lägen aber im Fahrplan. Ob sie aufgrund der Neuerungen Austritte zu verzeichnen hatten, lasse sich nicht ermitteln. «Anhand des Absatzes unserer Lehrmittel kann ich sagen, dass die Akzeptanz sehr gross ist.» Das liege auch an der hohen Qualität der Katechetinnen. Deren Ausbildung und Anstellung kostet die Kirche und ihre Gemeinden etwa 5 bis 6 Millionen Franken pro Jahr. «Bei einem Gesamtbudget von etwa 250 Millionen Franken ist das wenig», sagt Furler.

Trend Richtung Erlebnis

Trotz anfänglicher Skepsis – auch aus eigenen Reihen – habe sich das Konzept bewährt. Eine Herausforderung bleibe die Planung unter Berücksichtigung des Schulprogramms. Deshalb tendierten immer mehr Kirchgemeinden dazu, die Lektionen an freien Nachmittagen oder an Wochenenden anzubieten. «Ausserdem wird der Religionsunterricht tendenziell erlebnisbezogener. Sollte sich der Trend fortsetzen, passen wir allenfalls die Lehrmittel an. Ich sehe aber keinen Anlass, das Konzept auf den Kopf zu stellen.»