Zürich

«Neuer Norden Zürich»: 40 Kunstwerke befassen sich mit der Entwicklung des städtischen Lebensraums

Eine Skulpturenausstellung thematisiert den Wandel, der mit der Einhausung Schwamendingen naht.

Hoch im Norden Zürichs, wo die Menschen nicht so teuer gestylt und die Häuser von Abgasen ergraut sind, gibt es einen Ort, wo kaum Auswärtige hingehen und doch fast jeder schon mal war. Aubrücke heisst er. Darüber spannt sich das viel befahrene Autobahndreieck Zürich-Ost. Ein Kamel liegt am Ufer der Glatt. Jemand hat es umgestossen. Es bröckelt.

Das von Benedikte Bjerre aus Glasfaser, Farbe und Harz angefertigte Kamel trägt den Titel «A Camel in Schwamendingen». Es ist Teil der Ausstellung «Neuer Norden Zürich». Sie umfasst rund 40 Kunstwerke, die sich mit der Transformation und Entwicklung des städtischen Lebensraums befassen. Veranstalter ist die städtische Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum, die mit «Art and the City» in Zürich-West und «Art Altstetten Albisrieden» bereits vor drei respektive sechs Jahren Zürcher Aussenquartiere zu Freiluftgalerien gemacht hat.
Die Glatt fliesst gleichmütig am umgestürzten Kamel vorbei. An Autobahnpfeilern prangen Graffiti, manche sind auch efeuumrankt. Ein Spaziergänger im Rentneralter bleibt stehen und blickt auf das «Camel in Schwamendingen». «Das sollte doch stehen», meint er verdattert und knipst ein Handybild vom Kamel mit den abgebröckelten Ohren. Darüber rauscht der Autobahnverkehr.

Ich folge dem Wanderweg, auf dem kaum jemand wandern geht, Richtung Schamendingerplatz. Unterwegs ruht rechts eine loopingartig geschwungene Holzskulptur auf einer Wiese zwischen Wohnblöcken aus den Siebzigerjahren und einer noch nicht ganz fertigen Neubausiedlung. «Der Loop» heisst das Werk von Veronika Spierenburg. Es soll an die Musikpavillons in den Pärken des 19. Jahrhunderts erinnern, steht auf der Infotafel am Wegrand. Die Akustik in der Holzskulptur ist gut: Man hört Regentropfen und Vogelgezwitscher vor dem Schwamendinger Grundrauschen aus Autobahn- und Flugzeuglärm.

Vom Schwamendingerplatz gehts eine Tramstation weiter zu einem der unwirtlichsten Orte schlechthin: Zur Autobahn, die noch immer den Stadtteil Schwamendingen wie eine monströse Kettensäge zerschneidet. Die Bauarbeiten für die vor über 15 Jahren lancierte Autobahneinhausung laufen an. Doch noch ist dieser Unort so hässlich, dass er schon fast wieder ästhetische Qualitäten hat. Das mag sich auch Katinka Bock gedacht haben. Die Künstlerin hat eine ihrer Bronzeskulpturen an der Schallschutzwand der Autobahn montiert. Eine Schallschutzmauer weiter finden sich verwitterte Harald-Naegeli-Strichmännchen. Überhaupt scheint das Betongrau der Gegend auf manche Künstler inspirierend zu wirken: «Bonded to the Point of Underneath» hat der US-Konzeptkünstler Lawrence Weiner in türkisblauen, akkurat schwarz umrahmten Lettern an die Wand der Autobahnunterführung Saatlen geschrieben. Es ist die einzige Strassenquerverbindung im von der Autobahn zerschnittenen Quartier.

Das leuchtend-farbige, sorgfältig ausgeführte Auftragswerk wirkt neben den verrussten wilden Sprayereien wie ein Vorbote der kommenden Quartieraufwertung. Die Autobahn-Einhausung Schwamendingen sei das zentrale Thema der Ausstellung «Neuer Norden Zürich», erklärt die Infotafel daneben. Die Autobahn erhält auf einer Länge von 940 Metern zwischen Schöneichtunnel und Aubrugg Seitenwände und ein Dach. Mit dem Rohbau soll 2019 begonnen werden. Noch trennt eine vorwiegend von Ausländern bewohnte Wohnblockzeile die Gartenstadt Schwamendingen mit ihren putzigen Reiheneinfamilienhäusern von der Autobahn und der südlich angrenzenden Stadt. Bald wird die Lücke geschlossen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1